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Behäbiges, biederes Herbsterwachen Maurizio Pollini mit Bachs «Wohltemperiertem Klavier»

Kurz & kritisch Theater Theater Basel – Der demografische Wandel fordert auch im Theater ein radikales Umdenken. Elias Perrig hat in Basel schon mal angefangen damit und Frank Wedekinds Kindertragödie «Frühlingserwachen» vom Kopf auf neue, alte Füsse gestellt: Stützstrümpfe, Krücken und Rollatoren. Martha und Wendla, Moritz und Melchior sind keine Jugendlichen im ersten Hormonsturm der Pubertät, sondern Altersheimbewohner im letzten Frühling ihrer Triebe. Die Rollen der autoritären Eltern übernehmen in Basel die Kinder. Am Text hat Perrig wenig geändert: Schule wird durch Gedächtnistraining ersetzt, Erziehungsheim durch Pflegestation; wo der junge Moritz seinen Freund Melchior fragt, ob er auch schon «männliche Regungen» verspürt habe, heisst es beim alten Moritz jetzt «noch». Natürlich mussten einige Szenen umgedeutet oder gestrichen werden, aber vieles bleibt im Altersheim beim Alten: Wie die 14-jährige Wendla will auch Nikola Weisses Alte kurze Röckchen tragen, wie das schwule Hänschen träumt Hans von einem glückhaften Coming-out, und noch immer fragt Moritz, «wozu wir eigentlich auf der Welt sind».Vor hundert Jahren war Wedekinds Abrechnung mit schwarzer Pädagogik und wilhelminischer Sexualmoral ein Skandal. Heute wird es fast nur noch von Jugendtheatern gespielt, meist zeitgemäss aufgepeppt. Perrig will keine vordergründige Aktualisierung, sondern eine radikale Frischzellenkur; aber beim Sex und im Theater besteht zwischen Noch nicht und Nicht mehr, zwischen vibrierender Sehnsucht und schlaffer Resignation ein kleiner Unterschied. «Frühlingserwachen» war, bei allen satirischen und grotesken Seiten, eine Tragödie. Die Alten, die im Joch ihres Johannistriebs wieder zu Kindern werden, sind auf der Bühne traditionell komische, wenn nicht peinliche Figuren. Nicht so in Basel. Perrig inszeniert Wedekind so naturalistisch behäbig, so bieder und ernsthaft, dass dessen provokante Kindertragödie alt aussieht. Die bleierne Atmosphäre im Altersheim, das Elend der Singnachmittage ist gut getroffen; aber es wird nicht plausibel, warum die Senioren ständig Griechisch und Goethe büffeln und sich von jungen Pflegern in den Selbstmord treiben lassen. Hinzu kommt: Was alte Schauspieler an Erfahrung und Tiefe gewinnen, geht ihnen an Unschuld verloren. Urs Bihler etwa zelebriert Moritz Sexualnöte und Weltschmerz wie grosse Hamlet-Monologe. Nikola Weisse und Jörg Schröder spielen im Halbdunkeln zart und mutig gegen die Tabuisierung von Sex im Alter an; aber so genau will man das eigentlich nicht wissen. Herbsterwachen ist ein interessantes Experiment, aber es funktioniert nicht. Martin Halter Konzert Zürich, Tonhalle – Der Start gelang. So geschmeidig, so ebenmässig und doch lebendig spielte Maurizio Pollini das C-Dur-Präludium aus dem ersten Teil von Bachs «Wohltemperiertem Klavier», dass man die hypnotische Kraft der Musik wie neu erlebte. Wenig später klang die c-Moll-Fuge ganz anders: mechanisch, lieblos, unkonzentriert. Fluchtartig verliess der Maestro das Podium, das Publikum rätselte. Die Klimaanlage hatte gesurrt, erfuhr man in der Pause, und war auf seinen Wunsch abgestellt worden. Die Temperatur im Saal stieg an – die zwei Stunden Bach wurden auch fürs Publikum in diesem Meisterinterpreten-Konzert zur Herausforderung. Pollini aber nahm den Kampf gegen das Notenheft mit neuen Kräften auf; selten hat ein Pianist die e-Moll-Fuge so furios attackiert. Die Verflechtungen der Stimmen, die Wechsel zwischen Vorder- und Hintergrund stellen andere plastischer dar (Andras Schiff etwa, der seinen Zürcher Bach-Zyklus auch mit dem «Wohltemperierten Klavier I» abschloss). Pollini fügt die Stimmen gleichberechtigt ineinander und führt betont sachlich durch Phasen der Verdichtung und der Auflockerung. Technisch ist das virtuos, musikalisch zeigt es, dass Bach auch für grosse Pianisten eine Herausforderung darstellt. Zwar spielt Pollini das «Wohltemperierte Klavier» seit einem Vierteljahrhundert gelegentlich im Konzert; aber erst vor einem Jahr hat er es auf CD herausgebracht, als Bach-Debüt mit 67. Seine Schwerpunkte hat er vor allem bei Chopin gesetzt. Die besten Momente bei Bach waren denn auch jene, die ein wenig nach Chopin klangen – also die Präludien, die Pollini zum Schillern brachte, in denen er vorführte, wie viel Fantasie Bach beim pianistischen Ausformulieren von Akkordfolgen gehabt hatte. Susanne Kübler Jörg Schröder und Urs Bihler in«Frühlingserwachen».Foto: Judith Schlosser Bildlegende.Foto: Vorname Name, Agentur

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