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8:1 – oder wie Zwingli den Luther wegputzt

Reformatoren-Battle: Beide haben die Welt verändert, beide haben einen Film, aber nur einer kann gewinnen.

Marius Huber
Joseph Fiennes als zweifelnder Martin Luther (unten) oder Max Simonischek als wahnsinnig netter Huldrych Zwingli: Wer überzeugt mehr? Fotos: Aliocha Merker, PD
Joseph Fiennes als zweifelnder Martin Luther (unten) oder Max Simonischek als wahnsinnig netter Huldrych Zwingli: Wer überzeugt mehr? Fotos: Aliocha Merker, PD

Zürich hat es vergeigt, haben wir hier mal gejammert. Statt Zwingli als Superzürcher zu hypen, machte man hier: Abstellkammer auf, Zwingli rein, Kammer zu – soll schweigen, der alte Plapperi. So kam es, dass uns das Städtchen ­Wittenberg blamierte, indem es seinen Luther zum Reformationsjubiläum ­geschickt einsetzte, um Touristen zu ­ködern. Was Zürich im Direktvergleich fehlte, war vor allem ein massenmedialer Zwingli. Einer mit einem Kinofilm. Wie Luther seit 2003 einen hat – jetzt hat Zürich endlich nachgezogen.

Ein Battle der Reformatoren ist zwar unter unserem Niveau, aber Luther und Zwingli haben selbst damit angefangen, und ihre Filme schreien danach. In beiden gibt es Schlüsselszenen, in denen Flyer gedruckt, Bibeln übersetzt und Frauen bei der Geldanlage beraten werden. Hier wie dort hängt Anatole Taubman dem Reformator an den Lippen (Wendehals!). Welcher Film hat grössere Blockbuster-Qualitäten?

1. Superheld

Kein Blockbuster ohne Superheld. Wir leben in Zeiten, in denen man glaubt, «Black Panther» mache koloniales Unrecht ungeschehen und «Wonder­Woman» sei die Krone des Feminismus. Luther schafft es immerhin, per Hechtsprung einem Blitz zu entkommen. Aber Zwingli toppt das noch, indem er locker mal die Pest überlebt und dann auf der Laute ein Liedchen spielt.

Punkt für Zwingli (1:0)

2. Starpower

«Luther» setzt auf etablierte Grössen: Joseph Fiennes, Peter Ustinov und Bruno Ganz. Eine maximale Gemeinheit, diese Besetzung. Der Erste ist mit einer Schweizerin verheiratet, der Zweite lebte in der Schweiz, der Dritte ist sogar Zürcher. «Zwingli» kontert auf seine Weise: Max Simonischek. Sieht mit seinem Kinngrübchen zwar verflucht kernig aus, aber nicht nach Zwingli, sondern verdächtig nach Luther.

Punkt für Luther (1:1)

3. Produktionsbudget

Ist nicht alles, aber ohne geht es nicht. «Luther» schlägt mit umgerechnet 24 Millionen Franken die 6 Millionen von «Zwingli» locker. Aber wofür wurde dieses Heidengeld ausgegeben? Ausser für die penetrant leidenden Rehaugen von Joseph Fiennes und den Umstand, dass dieser Typ selbst mit Tonsur noch gut aussieht. So ugly-chic-mässig halt.

Unentschieden (1:1)

4. Action

Der Standard wäre eine Verfolgungsjagd zum Auftakt. Zwingli fährt stattdessen Leiterwagen, und Luther rennt zwar kurz durchs Gewitter, zittert aber danach nur noch mit dem Messwein herum. Auch ein Bischof, der nach ganz viel Kammerspiel auf Treibjagd geht und einen symbolschwangeren Eber per Speer erledigt, reicht nicht.

Unentschieden (1:1)

5. Kampfsequenzen

Ohne kommen die wenigsten Blockbuster aus. Zwingli wird mal in einer dunklen Gasse verhauen, aber er geht zu ­Boden, bevor er seinen gefürchteten Roundhouse-Kick anwenden kann. Luther fuchtelt in einem seltenen Testosteronschub mal mit einer Fackel vor Radikalinskis herum, die in seinem Namen ein Kloster plündern. In diese peinliche Situation gerät auch Zwingli, aber er bekommt von der Regie keine Fackel in die Hand. Sein grausiges Ende in der Schlacht bei Kappel wird sogar mit einem einzigen Schnitt erledigt.

Unentschieden (1:1)

6. Identifikationsfiguren

Zwingli ist lange ein so netter Kerl, dass man meint, es laufe noch der Werbeblock. Aber er hat Schalk und Lust, etwas zu reissen. Luther dagegen verzweifelt so sehr, dass man sich fragt, wie er es schafft, die Welt aus den Angeln zu heben. Bei «Zwingli» gibt es zudem zwei wichtige Frauenfiguren. Eine von ihnen, die mächtige Äbtissin des Fraumünsterklosters, hat sogar etwas zu sagen. «Luther» dagegen ist Männersache bis fast am Schluss – als er sich ein Weib nimmt.

Zwei Punkte für Zwingli (3:1)

7. Spannung

Im «Zwingli»-Zürich wirkt die Auslage des Fischhändlers zunächst riskanter als der fröhliche Aufstand gegen Rom. Aber irgendwann fürchtet die ganze Stadt erschreckend glaubhaft um ihr Leben. Bei «Luther» scheint lange Zeit nur Luther in Gefahr. Plötzlich verteilen die Drehbuchautoren 100000 Tote in den Strassen – als hätten sie die fast vergessen.

Punkt für Zwingli (4:1)

8. Schauplätze

Wenig computeranimiertes Blendwerk, ist schliesslich die Reformation. Aber die Totalen auf Alt-Zürich sind cool, und die Strassenszenen wirken atmosphärisch, auch dank Pestratten, die im Nebel um die Toten huschen. Die Strassen in «Luther» wirken mehr wie am Mittelalter-Festival, und oft spielt der Film in seltsam entkleideten Räumen.

Punkt für Zwingli (5:1)

9. Plot

Muss für die Masse möglichst einfach zu verstehen sein. «Zwingli» schafft das, weil er mit der Mission einsteigt: Gottes Wort auf Deutsch verbreiten, damit keiner verarscht wird – komme, was wolle. Der Film geht zum Volk in die Beizen und Strassen. «Luther» hält sich zu oft in den Zimmern der Gelehrten auf, um über Dekrete, kanonisches Recht und Doktrinen der Kurie zu dozieren.

Punkt für Zwingli (6:1)

10. Pointen

Beide liefern den Trademark-Spruch ab. Luther: «Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir!» Zwingli: «So macht doch um Gottes willen etwas Tapferes!» Sonst hat «Luther» nur zwei witzige Filmminuten: «In Rom hat man so viele Nägel vom heiligen Kreuz, dass man damit jedes Pferd in Sachsen beschlagen könnte.» «Zwingli» bietet mehr. Etwa den Dialog zweier Kirchgänger: «Wenigstens versteht man mal was.» – «Ist das nötig?» Oder die Szene, in der Zwingli einen Geistlichen berät: «Herrgott, was sollen wir Pfaffen mit unserer Brunst anfangen?» Antwort: «Die Lust ist das Natürlichste der Welt. Ein Hengst springt auf jede Stute in seiner Nähe.»

Punkt für Zwingli (7:1)

11. Sex

Zwingli macht die Missionarsstellung, bei Luther gibts Küsschen – und die Bescheinigung per Nachspann, dass er so sechs Kinder gezeugt hat. Sehr protestantisch, das.

Punkt für Zwingli (8:1)

Nach zweimal 120 Minuten steht es 8:1 für Zwingli. Der Film ist klar besser. Jetzt müsste das nur ausserhalb Zürichs jemand merken. Im finalen Battle wartet auf Zwingli: Aquaman.

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