Ab 22 Uhr ist Ruhe

Zum Tag der Nachbarn schauen wir durch den Türspion: Wer lebt eigentlich neben und über uns? Eine Typologie.

Hauptsache, kein Direktkontakt: Blumen vor der Nachbarstür. Foto: Getty Images

Hauptsache, kein Direktkontakt: Blumen vor der Nachbarstür. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der allzu nette Nachbar

Bei aller Abneigung gegen Anonymität in der Nachbarschaft: Es gibt auch allzu nette Leute in der Wohnung über oder unter einem. Solche, die sich zu stark für das Wohl im Haus engagieren. Die immer da zu sein scheinen, alles wissen und wissen wollen, immer helfen, alles super finden. Solche, bei denen man nicht ohne Skrupel wegen einer fehlenden Zwiebel oder für eine starke Hand für die kleine Reparatur klingeln kann, weil sie jede Art von Kontaktaufnahme als Zeichen der Freundschaft empfinden. Deshalb lässt er (Entschuldigung, aber dieser Prototyp muss einfach männlich sein) auch keine Gelegenheit aus, ein Gespräch anzufangen, ohne eine Antwort zu erwarten.

Erkennbar im Haus durch: Oft am Reden im Gang. Aber auch dadurch, dass er ab und zu fötzelt oder die Werbungen aus dem leeren Briefkasten räumt.

Aussehen: Dieser Typ Nachbar kann daherkommen, wie er will, wann er will und wo er will. Er kommt immer mit einem Lachen auf dem Gesicht und mit dem Ausdruck, als sei das Leben reines Honigschlecken. Meist trägt er eine Outdoorjacke, halbhohe Wanderschuhe. Sein Gang ist zackig, aber nie gehetzt (denn er hat ja immer Zeit für einen Schwatz).

Dialogfetzen: «Hey, wie gahts?» – «Was machsch?» – «Wotsch öppis trinke?»

Möglicher Nachbarschaftsdienst: Sich einfach mal Zeit für ihn nehmen.

Beliebtheitsskala (von 1 bis 5): 3. Auch wenn zu viel Nettigkeit nervt, manchmal ist man froh um so jemanden. (ema)

Die Nörglerin

Meist belegt Frau Nörgeli die oberste Wohnung im Haus, denn von da sieht sie alles so schön. Ihre eigenen Kinder sind bereits vor Jahren ausgezogen. Zeit genug also, um diesen Stadthipstern Recht und Ordnung zu lehren. Die erste Begegnung mit ihr findet meist wegen der noch fehlenden Gardinen statt. Oder haben Sie es gar gewagt, verbotenerweise am Samstag zu waschen?

Aussehen: Die verbliebenen grauen Strähnen werden alle zwei Wochen von Coiffeuse Tanja (von ennet der Strasse) zu einer Dauerwelle geformt. Zusammen mit dem immer gleichen geblümelten Kleid und der hellen Schürze gelingt ihr dieser biedere Oma-Look.

Erkennbar im Haus durch: Vor ihrer Wohnung liegt einzig der mausgraue Fussabtreter. Denn im Gegensatz zu ­allen anderen hält sich Frau Nörgeli an die Vorgabe 17 Absatz 3b des Mietvertrags. Diese verbietet Schuhschränke vor der Wohnung.

Dialogfetzen: Direkte Konfrontation ist nicht Frau Nörgelis Ding. Viel lieber schiebt sie passiv-aggressiv kleine handgeschriebene Notizzettel unter dem Türschlitz durch. Da stehen Dinge wie «Das Mass ist voll! Wenn ab sofort um 22.00 Uhr keine Ruhe ist, melde ich Sie dem Vermieter.»

Möglicher Nachbarschaftsdienst: Endlich mal das Schuhgestell in die Wohnung räumen, und zwar vor 21.59 Uhr.

Beliebtheitsskala: Klar eine 1. Meine Black-Metal-Hörerfahrung entwickelt sich erst kurz vor Mitternacht nach ein paar Bierchen. (saf)

Der unsichtbare Nachbar

Für die gemeine Städterin ist er der Wunschnachbar. Ihn selbst sieht sie nie, was sie sehr schätzt, weil sie wegen der Anonymität in die Stadt gezogen ist. Sie hört ihn, aber immer nur im Vorbei­gehen, weil sie hinter der Wohnungstür wartet, bis er seine Bleibe über der ihren erreicht hat. Was sie von ihm mitbekommt, sind lediglich die Spuren, die er hinterlässt. Wenn das Licht in der Waschküche noch brennt, wenn die nassen Schuhabdrücke im Treppenhaus ­davon zeugen, dass er eben nach Hause gekommen ist, wenn ein Zalando-Päck­li im Eingang steht, das an ihn adressiert ist. Dass er unsichtbar ist, hat sie erst mit der Zeit bemerkt. Und erfreut festgestellt, wie sehr ihr das behagt.

Aussehen: Sie stellt sich vor: dass er ­mittelgross gewachsen ist, vielleicht Mitte dreissig ist, abgewetzte Lederschuhe trägt, Jeans und einen grauen Pulli. Vielleicht fände sie ihn attraktiv. Vielleicht könnte sie Fantasien hegen, was ihn betrifft. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass sie beide im selben Gebäude leben, in das sie nach einem anstrengenden Arbeitstag, nach einem zu durchtränkten Apéro, nach dem Einkaufen zurückkehren. Der Punkt ist, dass sie beide einfach friedlich koexistieren.

Erkennbar im Haus durch: Er ist der, der nicht stört.

Dialogfetzen: «–» – «–» – «–» etc.

Möglicher Nachbarschaftsdienst: Ihm das Zalando-Päckli vor die Tür legen. Beliebtheitsskala: 5! Wie gesagt: Er ist der Wunschnachbar. (slm)

Der Eigentümer

Meistens handelt es sich um einen älteren Mann, dem das Haus gehört oder das Stockwerk. Meistens hat er einen durchschnittlichen Schweizer Nachnamen und auch einen durchschnittlichen Schweizer Vornamen. Der Eigentümer lässt sich durch eine Verwaltung vertreten oder tritt selber als Verwalter auf – meist nur brieflich oder telefonisch. Sein Stil ist Laisser-faire. Er hat kein Problem mit einer 5er-WG oder Hunden. Eigentlich ist alles gut. Wäre da nicht die Sorge, dass der Eigentümer irgendwann Eigenbedarf ankündigt. Die andere Sorge: dass er die Wohnung sanieren will, um sie später teurer zu vermieten.

Aussehen: Das einzige Bild, das es von ihm auf Google gibt, zeigt einen Namensvetter.

Erkennbar im Haus durch: Die Zettel, die im Flur hängen und ankündigen, dass bald das Treppenhaus gestrichen/die Fassade saniert/der Boiler ausgewechselt wird. Dialogfetzen: «Mann, z Wasser flüsst wider nöd ab!» – «Scheissleitige! Meinsch, müemer am Bsitzer alüte?» – «Hmm . . . Was isch, wänn er dänkt, grad die ganz Wohnig zsaniere?» – «Meinsch, er chündet üs dänn?» – «Viellicht??!!» – «Okay, ich versuechs nomal mit Abflussmittel.»

Möglicher Nachbarschaftsdienst: Keine Mietzinsreduktion einfordern? No way!

Beliebtheitsskala: Eigentlich super­beliebt: 5. Aber latente Angst, bald eine Wohnung suchen zu müssen: 1. Macht insgesamt: 3. (slm)

Erstellt: 23.05.2019, 21:54 Uhr

Artikel zum Thema

«Da, mis Bisness-Chärtli!»

Damit Sie beim nächsten Stehlunch nicht allein stehen müssen, buchstabiert Ihnen das Bellevue das Abc der Start-up-Szene. Vielleicht hilft es (nicht). Mehr...

Zürichs geheimnisvollster Abenteurer

«Schund!» Niemand will die Jim-Strong-Heftli gelesen haben. Und doch bewegten sie die Stadt – obwohl bis heute keiner weiss, wer dahintersteckt. Sie auch nicht? Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...