«Ali wollte sofort trainieren»

Wie ist es, mit dem grössten Boxer aller Zeiten durch Zürich zu ziehen? Der Fotograf Eric Bachmann hat Muhammad Ali während seines Aufenthalts 1971 begleitet.

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In der Weihnachtszeit 1971 besuchte Muhammad Ali Zürich, um in einem Preiskampf gegen den Hamburger Boxer Jürgen Blin anzutreten. Der Zürcher Impresario Hansruedi Jaggi hatte darauf gewettet, den Box-Champ nach Zürich zu bringen, nach zwei Jahren Vorbereitungszeit war es am 26. Dezember so weit. Jaggi reichte dem Zürcher Fotografen Eric Bachmann die Information von Alis Verbleib im Hotel Atlantis weiter. Woraufhin dieser Ali traf und während seiner zehn Tage in Zürich begleitete. Mehr als 700 Aufnahmen sind in dieser Zeit entstanden. Ein Auswahl davon ist nun im kürzlich erschienenen Buch «Muhammad Ali, Zürich, 26. 12. 1971» abgebildet. Wir haben den 74-jährigen Bachmann an seinem Wohnort in Kaiserstuhl besucht.

Wie war das, als Sie Muhammad Ali getroffen hatten?
Ich kam gerade aus Jerusalem zurück, wo ich für das Magazin «Sie & Er» eine Reportage fotografierte. Kurz nach der Ankunft meinte der Chefredaktor, ich solle Muhammad Ali fotografieren, der komme nach Zürich. Weil gewöhnlich die Agenturen solche Events abdecken, interessierte mich das als Reportage­fotograf nicht. Ich bot dem Chef allerdings an, den Menschen Muhammad Ali während seines Aufenthalts zu begleiten. Und so stand ich dann morgens um sieben mit dem mittlerweile verstorbenen Journalistenkollegen Walter Bretscher in der Lobby des Hotels Atlantis oberhalb des Triemlispitals.

Wie war Ihr erster Eindruck vom Boxer?
Ich stand in der Lobby und fragte den Concierge nach Ali und seiner Entourage, da kam der Champ unverhofft die Treppe heruntergestiegen und steuerte direkt auf mich zu. Ob ich von hier sei, wollte er wissen, er würde gerne sein Training absolvieren und suche eine geeignete Strecke. Er trug seine löchrigen Trainerhosen und die abgelatschten Militärstiefel, wie man sie auch auf den Bildern sehen kann. Ich dachte natürlich sofort an den Uetliberg als optimales Trainingsgebiet.

Haben Sie sich gefragt, warum der Superstar Ali mit zerschlissenen Kleidern daherkommt?
Dafür hatte ich gar keine Zeit. Ich habe ihn allerdings darauf aufmerksam gemacht, dass man durch die Löcher im Schritt seine langen weissen Unterhosen sehen kann.

Und dann habt ihr gemeinsam trainiert?
Mein Journalistenkollege, ein Kamerateam und ich sind über die verschneite Allmend den Uetliberg hochgerannt. Wir versuchten die ganze Zeit, mit Ali mitzuhalten. Wenn ich zu langsam war, benutzte er mich als Sparringspartner, umkreiste mich und boxte in meine Richtung. Manchmal trug er während des Trainings auch meine Fototasche. Irgendwann fragte mich Ali, ob das der höchste Berg in der Schweiz sei, denn er, der Grösste, wolle den höchsten Schweizer Berg besteigen. Ich lachte, wusste aber nicht, ob das jetzt ein Witz war oder ob dieser Amerikaner wirklich so wenig Ahnung hatte von der Schweiz.

Wie haben die braven Zürcher auf den Boxer und seinen Tross reagiert?
Von den Spaziergängern auf dem Uetliberg erkannten ihn viele gar nicht. Später in der Stadt bildeten sich allerdings sehr schnell Menschentrauben um ihn. Aber natürlich ist dieser Athlet mit seinen abgetragenen Stiefeln auf den verschneiten Waldwegen aufgefallen. Ali bemerkte später neue Stiefel an einem der Spaziergänger. Also fragte ich diesen dann, wo er diese gekauft habe – es waren Wanderschuhe der Marke Raichle. Der Spaziergänger verwies uns dann an den Schuhladen Schönbächler an der Langstrasse, also fuhren wir später dahin – und nicht an die Bahnhofstrasse.

Sie wurden also so was wie Alis Reiseführer.
Das kann man so sagen. Ein Grund dafür war auch, dass der Welti-Furrer-Chauffeur, der Ali eigentlich hätte herumchauffieren sollen, zur Zeit unserer Rückkehr im Atlantis beim Frühstück sass. Ali wollte aber sofort weiter, verschwitzt und im Trainingsanzug. Also sassen wir bald zu viert in meinen kleinen Datsun, der Champ, sein Manager Angelo Dundee, mein Kollege und ich. Wir waren durchnässt vom Training, weswegen die Scheiben bald so undurchsichtig waren wie Milchglas. Ich hatte Angst, denn ich konnte nichts sehen. Hätte ich einen Unfall gebaut, wäre ich unverhofft in die Geschichte eingegangen. (lacht) Im Ernst: Wir sind dann heil bei Schönbächler angekommen, wir parkierten auf dem Trottoir. Ali hat ein paar Schuhe der Grösse 47 gefunden, zudem kaufte er eine Fellmütze. Wobei ich alles bezahlte, denn Ali war im Trainer und hatte kein Geld bei sich. Ich konnte den Betrag später als Spesen abrechnen.

Das alles klingt nach Spass.
Absolut. Es war ein grosser Spass. Wobei ich bei Ali nie sicher war, was er ernst meinte und was nicht. Er reimte ja auch oft irgendwelche, manchmal unzusammenhängende Dinge zusammen, das sprudelte nur so aus ihm raus. Das alles empfand ich einerseits als sehr amüsant, aber auch als etwas irritierend. Während der ganzen Zeit bekam ich den berühmten Muhammad Ali nie richtig zu greifen.

Der Kampf selbst war eine eindeutige Sache. Wie haben Sie ihn erlebt?
Ich wusste ja wenig vom Boxsport, für mich war das alles komplett neu. Man steht als Fotograf sehr nahe beim Ring und wird mit Schweiss benetzt. Das ist etwas unangenehm. Weil ich eine Deadline hatte, war ich froh, dass der Kampf nicht allzu lange gedauert hat. Ich bin danach direkt ins Labor gerannt und habe die Bilder vom Kampf mit dem Föhn getrocknet. Von acht Bildern im «Blick» tags darauf waren dann sechs von mir. Ich hatte meinerseits einen Lucky Punch. (lacht)

Sie haben in Ihrer Karriere sehr viele Prominente fotografiert. Ihr Portfolio ist beeindruckend. Was ist Ihr Trick im Umgang mit Berühmtheiten?
Ich bin eher ein offener Typ, und ich glaube, das hat mir immer geholfen. Meine Stärke ist es, die Leute so zu erkennen, wie sie sind. Doch waren die Jobs mit den Prominenten und auch diese bei den Zeitungen und beim Fernsehen immer auch teilweise Mittel zum Zweck. Ich finanzierte mir damit meine grosse Leidenschaft für die Reisereportagen, die ich während vieler Jahre pflegte, und auch mein Engagement für Umweltangelegenheiten. Ich habe noch ganze Aktenschränke voller Fotos von meinen zahlreichen Reisen bei mir im Keller gelagert. Einige davon möchte ich gerne noch irgendwann zu Büchern verarbeiten.

Sie leben ja heute auf dem Land. Kommen Sie noch manchmal nach Zürich?
Nur noch sehr selten. Und wenn, dann komme ich mir vor wie eine Landpomeranze. Wo früher Büros oder Ateliers waren, sind heute Läden oder Cafés. Ich kenne mich eigentlich gar nicht mehr aus in der Stadt.

Erstellt: 12.12.2014, 20:43 Uhr

Bildstrecke

«Rumble in the Jungle» – Ali gegen Foreman

«Rumble in the Jungle» – Ali gegen Foreman In Kinshasa fand vor 40 Jahren ein legendärer Boxkampf statt.

Eric Bachmann: Muhammad Ali, Zürich, 26. 12. 1971.
Edition Patrick Frey.
392 Seiten, 179 S/W-Abbildungen, 15 Farbabbildungen, ca. 95 Fr.

Der Fotograf

Eric Bachmann

Der Fotograf Eric Bachmann wurde 1940 in Zürich geboren. Ab 1959 beteiligt er sich am Aufbau der Fotoabteilung des Schweizer Fernsehens DRS, während der Zeit fotografiert er auch zahlreiche Prominente. Von 1963 bis 2001 unternimmt Bachmann Reportagereisen rund um den Globus. Er publiziert in Magazinen, Zeitungen und Büchern und bestreitet Ausstellungen, etwa über Shetland, Leningrad, die 68er-Jahre oder den Gränicher Wald.

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