«Auf dem Besen reiten? Ich fahre Auto»

Wicca Meier-Spring ist eine Hexe. Als solche feiert sie – mit vielen, vielen anderen – die Walpurgisnacht. Viele moderne Hexen seien berufstätig, hätten aber Kontakt zur Anderswelt, sagt sie.

So stellte man sich früher die Walpurgisnacht vor: Holzstich von 1890. Bild: BPK

So stellte man sich früher die Walpurgisnacht vor: Holzstich von 1890. Bild: BPK

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Tausende von Hexen leben unter uns. Sie feiern heute Walpurgisnacht. Den Tanz in den Frühling, den Goethe im «Faust» so beschrieb: «Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe. Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt.» Und: «Da seh ich junge Hexchen nackt, und Alte, die sich klug verhüllen.» Als Hexe bezeichnet sich auch Wicca Meier-Spring. Die 46-Jährige leitet das Hexenmuseum Schweiz.

Wie feiern Sie die Walpurgisnacht?
Mein Mann und ich gehen auf Glastonburys Tor, wo das mythische Avalon lag. Hunderte von Hexen feiern in dieser Nacht dort Beltane, das Fest der Vermählung der Mondgöttin mit dem Sonnengott. Dazu gehören Rituale wie der Tanz um den Maibaum.

Was macht eine Hexe aus?
Das Wort Hexe kommt von «Hagazussa». Gemeint war damit eine Zaunreiterin auf der Grenze zur Anderswelt, ein Geistwesen. Als moderne Hexe stehe ich mit einem Bein im Ahnenkult und im Brauchtum unserer Vorfahren, mit dem andern in der realen Gegenwart.

Was gehört zum Hexenhandwerk?
Eine Hexe übernimmt Verantwortung für sich und alle Lebewesen in ihrer Umgebung. Sie beherrscht und nutzt Magie, kennt Schutzamulette und -rituale gegen böse Geister und feiert die Jahreskreisfeste. Manche Hexen sind Expertinnen in der Pflanzenmedizin oder Medium zur Anderswelt. Ein Pflichtenheft für Hexen gibt es nicht.

Wie verbinden sich Hexen mit der Anderswelt?
Über Rituale und an Kraftorten, an welchen die Ahnen nahe sind und wir sie um Beistand bitten. Anders als Schamanen nutzen wir dafür aber weder Drogen noch Trancezustände.

Warum nennen Sie sich Wicca?
Wicca ist eine der Wortbedeutungen von «witch» und steht für «weise Frau, weiser Mann». Wicca bezeichnet aber auch eine Naturreligion, die verschiedene Ausrichtungen hat. Nicht jede Hexe ist eine Wicca, aber ich heisse so, es ist einer meiner Vornamen. Wir verehren eine weibliche und männliche Gottheit, stehen in Verbindung mit Geistern und den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft.

Können alle Menschen Hexen werden?
Voraussetzung ist die Bereitschaft zu lernen. Den «alten Pfad» der Ahnen zu beschreiten und die eigene Kraft zu nutzen ist ein langer Prozess. Ich selber bin als Hexe geboren, einfacher war es aber deshalb nicht, die eigenen Fähigkeiten zu akzeptieren und anzuwenden. Andere stossen erst im Laufe ihres Lebens auf die Hexerei, manchmal durch ein «unerklärliches» Erlebnis.

Sie wurden in England als Hohepriesterin von Avalon geweiht. Was bedeutet dieser Titel?
Er ist so etwas wie ein Reifezeugnis. Die Weihe erlaubt mir, Hexen auszubilden. Doch ich bin kein Guru. Wicca folgen keinem Oberhaupt. Die Bezeichnung Wicca gilt für Männer und Frauen; sie sind gleichgestellt.

Warum ist England das Land der Hexen?
Als dort 1951 das Verbot der Hexerei aufgehoben wurde, veröffentlichte Gerald Gardner das erste Buch über Wicca-Rituale. Eine grosse Bedeutung haben auch Orte wie Avalon, für uns die Landschaft der Göttin.

Gibt es auch in der Schweiz «Hexenorte»?
Ja, das sind alle bekannten Kraftorte. Auch Zeichen wie das Pentagramm an Kirchenfassaden und Hauseingängen weisen heute noch auf den Ahnenglauben hin. Es stand in der Antike für die Göttin Venus und wurde später zum Schutzsymbol gegen das Böse.

Bis heute werden Hexen im Flug auf Besen dargestellt. Einige Reisigbesen stehen auch im Eingang zum Museum . . .
. . . die ich aber nicht zum Fliegen brauche, ich fahre Auto (lacht). Ursprünglich entstand die Vorstellung der fliegenden Hexen wohl aus Halluzinationen. Im Mittelalter wurde während Hungersnöten das Korn mit dem berauschenden Bilsenkraut gestreckt, und Mutterkorn hat diese Wirkung.

Warum wurden Hexen in der Walpurgisnacht Orgien und die Liebschaft mit dem Satan angedichtet?
Der «Hexenhammer», 1487 als Anleitung zur Hexenverfolgung geschrieben, unterstellte Frauen sexuelle Unersättlichkeit; Hexensabbate wurden Hauptanklagepunkt. Vor dem Mittelalter wurden oft auch Männer verfolgt, plötzlich waren es mehrheitlich Frauen, die angeklagt wurden. Es genügte, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wie Anna Göldi, die als letzte Hexe Europas 1782 in Glarus geköpft wurde.

«Sieh wie die verhexten Leiber durch und durch von Flamme glühen», schrieb Goethe im «Faust». Welche Rolle spielt Erotik für heutige Hexen?
Sie wird mit Ritualen gefeiert. Beim Tanz um den Maibaum vermischen sich Leben und Fruchtbarkeit. Hexen sind lebenslustige Menschen, doch sie führen ein ganz gewöhnliches Leben. Ich bin seit 19 Jahren mit demselben Mann verheiratet.

Im Museum dokumentieren Sie die Hexenverfolgung. Haben moderne Hexen überhaupt noch einen Bezug dazu?
Wir Hexen sind auch heute noch stark betroffen. Damals wurde «Hexe» ja zur Bezeichnung für jemanden, den man für immer loswerden wollte. Allein auf dem Gebiet der heutigen Schweiz wurden an die 10 000 Personen hingerichtet – Frauen, Männer und Kinder.

Eine häufige Anklage war die Ausübung von Schadenszauber. Was bedeutet schwarze Magie heute?
Als Wicca verpflichte ich mich, nur gute Magie anzuwenden, wenn sie andern gilt, muss ich vorher ihr Einverständnis einholen. Wicca leben nach der Maxime: «Tue, was du willst, aber schade niemandem, denn was immer du machst, kommt dreifach zurück.»

Fliehen Hexen aus dem realen Leben in eine geschützte Parallelwelt?
Die Hexen, die ich kenne, sind berufstätig und leben im Hier und Jetzt. Sie suchen im Hexenglauben eine spirituelle Ergänzung, um bei sich selber anzukommen. Magie ist ja eine «verschüttete» Fähigkeit, die noch vor einigen Generationen vielseitig genutzt wurde. Mein Urgrossvater war Geisterjäger, Hebammen kannten magische Rituale.

Wie viele Hexen leben in der Schweiz?
Schätzungsweise an die 3000. Andere Hexen erkenne ich an einem gewissen Leuchten im Blick, Wicca an speziellen Zeichen und Grussformeln.

Warum verbergen die meisten, dass sie Hexen sind?
Es hat wohl mit Angst vor Stigmatisierung zu tun. Noch heute werden eigenständige emanzipierte Frauen wie Alice Schwarzer als Hexen verunglimpft. Worte wie Hexenjagd und Hexensabbat sind Alltagssprache, und die katholische Kirche bietet Exorzismen an.

Im Internet werden Rezepte für Flugsalben und Anleitungen für Liebeszauber angeboten. Wie grenzen sich Hexen von Kommerz und Missbrauch der Hexenkunst ab?
Eine Abgrenzung ist schwierig, denn jeder und jede kann sich Hexe nennen. «Nein» sagen müssen wahre Hexen, wenn es um Zauberei und Heilsversprechen geht. Hexe kann man nur für sich selber sein.

www.hexenmuseum.ch

Walpurgisnacht: Die Predigerkirche bietet eine Ritualfeier im Pfarrhausgarten. Anmeldung: Pfarrerin Renate von Ballmoos, Mail: vonballmoos.renate@gmx

Veranstaltungen mit Tanz: auf der Burg Rotberg (Schweizer Jugendherbergen); in Zürich und Umgebung: Bananenreiferei, Frieda’s Büxe, Kulturfabrik Wetzikon. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2014, 09:26 Uhr

Hohe Bilder

Wicca Meier-Spring


Die 46-Jährige sagt, sie sei als Hexe geboren worden. In England wurde sie als Hohepriesterin von Avalon geweiht. 2009 eröffnete sie ein Hexenmuseum.

Hexenmuseum

Wicca Meier-Spring leitet in Auenstein AG das Hexenmuseum Schweiz. Dort sind gut 1000 Objekte ausgestellt – von Amuletten gegen böse Geister über Fotos von Spuk­häusern bis zu Biografien von Wunderwirkerinnen. Ein wichtiger Teil ist die Dokumentation der Hexenprozesse mit Archivmaterial und den Namen der Hingerichteten. (TA)

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