«Auf mich ist Verlass»

In der Stadt schliesst ein Herrengeschäft nach dem anderen. Ruchti Herrenmode & Masskonfektion aber gibt es seit 60 Jahren. Zu Inhaber Heinz Lüthi kommen die Männer auch ohne Frauen.

Bei Heinz Lüthi kostet ein Massanzug ab 1300 Franken. Foto: Urs Jaudas

Bei Heinz Lüthi kostet ein Massanzug ab 1300 Franken. Foto: Urs Jaudas

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Sie haben ­mir kürzlich geschrieben, dass es in der Stadt fast keine ­Geschäfte für Herrenkonfektion mehr gibt. Fein-Kaller, Mettler, das Kleiderhaus Central: alle nicht mehr da. Das ist doch gut für Sie.
Ich habe davon profitiert, dass Mitkonkurrenten ihre Läden geschlossen haben. Gut finde ich es trotzdem nicht. Bald gibt es nur noch Stangenware.

Ich würde es ja auch begrüssen, wenn die Männer sich mehr Mühe geben würden mit ihrer ­Kleiderwahl. Was gibts denn bei Ihnen, was PKZ, Herren-Globus oder Schild nicht haben?
Bei mir gibt es Anzüge aus wunderbaren englischen Stoffen, gut sitzende Hosen auch für Männer mit Bauchansatz, Prince-de-Galles-Westen und dazu die passenden Hemden, massgeschneidert oder ab Stange.

Hat der Mann keinen Sinn mehr für Ästhetik?
Männer interessieren sich in der Regel zwischen 18 und 30 Jahren für Mode. Das war schon immer so. Danach übernehmen viele Verantwortung in Beruf und Familie und haben anderes zu tun.

Wieso machen die Herrengeschäfte alle dicht?
Wie viele Männer kennen Sie, die noch im Anzug arbeiten gehen?

Mein ältester Bruder und ab und zu meine Chefs.
Eben. Nur Banker, Versicherungsangestellte und Kaderleute tragen noch ­Anzug am Arbeitsplatz.

Wie viel kostet ein Massanzug bei Ihnen, geschneidert ­beispielsweise aus einem guten britischen oder italienischen Wollstoff?
Ab 1300 Franken sind wir bei den Leuten. Ein Anzug ab Stange kostet rund 800 Franken. So viel teurer ist ein Massanzug also gar nicht. Und ich sage Ihnen: Es lohnt sich.

In Thailand gibt es Massanzüge für 200 Franken.
Aber schauen Sie sich diese Anzüge doch mal genauer an! Oft sitzen sie schlecht. Aber das eigentliche Problem sind die asiatischen Stoffe. Die sind doch regelrechte Tannenrinden im Vergleich zu dem, was ich hier habe. Meine Stoffe sind zum Teil so fein, dass Sie durch sie hindurchblicken können, wenn Sie sie gegen das Licht halten.

Wer kommt zu Ihnen?
Ich habe einen Kundenstamm von rund 4000 Männern, davon etliche aus dem Ausland wie zum Beispiel ein schwerreicher indischer Unternehmer. Die meisten meiner Kunden sind älter als 50 Jahre, tragen geschäftlich Anzug und auch in der Freizeit kaum Jeans. Sie ­haben zum Teil nicht mehr die Figur, die perfekt in Kleider ab Stange passt. Und sie legen Wert auf Qualität und Individualität statt Quantität. Ein Mann braucht gar nicht so viele Kleider.

Wo lassen Sie die Anzüge nähen?
Herrenmasskonfektion für den europäischen Markt wird inzwischen fast ausschliesslich in der Slowakei hergestellt.

Kommen auch Frauen zu Ihnen?
Das kommt vor. Kürzlich haben wir für eine Frau einen Frack genäht. Aber ich muss sagen: Frauen sind schon komplizierter. Die meisten Frauen aber, die zu mir kommen, begleiten ihre Männer.

Können die Männer nicht allein einkaufen?
Es gibt viele Männer, die manchmal ­etwas unbeholfen sind. Die meisten Frauen verstehen einfach mehr von Mode. Sie leben ja auch mit diesem Shoppingzwang.

Shoppingzwang?
Ich kenne Frauen, die kaufen sich in der Woche drei Kleidungsstücke, einfach schnell über Mittag. Die Männer haben am Mittag Hunger und gehen essen. Viele Männer kaufen sich beispielsweise erst einen Wintermantel, wenn sie frieren. Für viele Frauen ist es oft wichtiger, was ihre Männer tragen, als für die Männer selber. Sie wollen mitbestimmen.

Stört Sie das?
Nein, aber ich sage meinen Kunden: Sie können ruhig ohne Frau kommen. Auf mich ist Verlass.

Erstellt: 21.09.2014, 21:10 Uhr

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