Bauchtanz zwischen Mezzehs und Baklavas

Nach dem ersten Bissen im Le Cèdre in Zürich ist klar, weshalb sich die Gästeschar das Touristenspektakel antut.

Zürichs beste Mezzeh-Adresse: Das libanesische Le Cèdre. Foto: PD

Zürichs beste Mezzeh-Adresse: Das libanesische Le Cèdre. Foto: PD

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Es gibt im Le Cèdre kaum Platz genug, um sich mit Wintermantel und Handtasche zum reservierten Tisch durchzukämpfen, ohne Gefahr zu laufen, mit dem Bagage einem Gast den Teller von der Tafel zu fegen. Auch auf und unter dem Tisch herrscht Platznot wie im Charterflug nach Beirut.

Der Gfröörlig bringts wie immer auf den Punkt: Wartezeit mindestens eine Stunde. Seine Bemerkung, bei einer eventuellen Feuersbrunst hätten wir in der hintersten Ecke des libanesischen Restaurants die Arschkarte gezogen, überhören wir einfach und nehmen uns lieber die Speisekarte vor, die uns mit ihrem reichhaltigen Angebot komplett überfordert. Also einigen wir uns auf das, wofür die meisten Gäste das Lokal aufsuchen – auf eine reichhaltige Auswahl von kalten und warmen Häppchen mit libanesischem Fladenbrot: Mezzehs für 4 Personen (132.50 Fr.), also 14 Tellerchen gefüllt mit orientalischen Köstlichkeiten.

Der Spaghetti-Liebhaber äussert die ersten Bedenken, ob die vielen Schälchen wohl auf dem Tisch Platz hätten. Hinter uns gackern ein paar junge Frauen in gefühlten 100 Dezibel Lautstärke, als wären wir auf einem Hühnerhof im Zürcher Oberland und nicht im Kreis 4. Als die Bedienung um halb neun das libanesische Bier (5.20 Fr.) serviert, wollen wir auch gleich das Essen bestellen, doch die freundliche Dame winkt ab. Das sei Chefsache. Wenn der die Bestellungen auch noch in der Filiale am Bellevue selber aufnehmen müsse, meint die Elfe, könne das ja noch lange dauern.

Ohrenbetäubender Discosound

Endlich bestellt, wird es dunkel im Raum und ein ohrenbetäubender orientalischer Discosound ertönt aus der Lautsprecherbox über unseren Köpfen. Eine Bauchtänzerin betritt das Parkett. Das Fehlen der Begabung macht die holde Schöne zwar mit viel nackter Haut wett. Doch statt ihres Hinterteils schüttelt sie kräftig die schwarzen langen Haare zwischen den Mezzehs und Baklavas der Gäste hin und her. Für den Spaghetti-Liebhaber ist jetzt klar: Billigtourismus pur!

Nach zwei Tanznummern atmen wir auf und durch, doch kurz darauf geht das gleiche Spektakel im ersten Stock los. An ein Gespräch ist nicht zu denken, die jungen Frauen hinter uns versuchen es trotzdem. Um halb zehn warten wir noch immer. Die Jungmannschaft am Nebentisch bringt sich auf der Toilette für den Ausgang in Poleposition. Man zahlt, natürlich beim Chef. Und kaum hat dieser den Zaster im Sack, wird in einem Tempo abgeräumt, da könnten sich sogar die Radwechsler im Formel-1-Zirkus punkto Geschwindigkeit eine Scheibe abschneiden. Kaum fertig, steht bereits die nächste Schicht Gäste parat, die vorher geduldig in der Schlange vor dem Eingang auf Einlass gewartet hatte.

Endlich sind die 14 Mezzeh-Schälchen auf dem Tisch. Und schon nach den ersten Bissen ist klar, weshalb sich die Gästeschar das Touristenspektakel antut. Nicht einmal der erneute Auftritt der temperamentvollen Tänzerin kann uns aus der Contenance bringen – obwohl der Orientelsound jetzt noch viel lauter erschallt als bei der ersten Vorstellung.

Ein Baklava zum Dessert? Nein danke, nichts wie raus hier! Die dritte Runde Bauchtanz wollen wir uns an Zürichs bester Mezzeh-Adresse doch nicht mehr zumuten.

Le Cèdre, Badenerstr. 78, 8004 Zürich, Mo–Fr 11.30–14/18–0.30 Uhr, Sa/So 18–0.30 Uhr, Telefon 044 241 42 72. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 19:10 Uhr

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