Besuch bei der Artverwandtschaft

Auf der fünften Etappe legen unser Autor und sein Auto eine Schweigeminute ein. Später landen sie im Museum und im wohl herzigsten Städtchen der Welt.

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«The Fool doth think he is wise, but the wise man knows himself to be a fool.»

Gibt es, durch Schweizer Augen betrachtet, einen Ort, der herziger ist als die Swissminiatur in Melide (Ich bin dort als Bub mal in einen dreckigen Teich gefallen, doch dies nur nebenbei)? Bislang habe ich diese Frage stets mit einem inbrünstigen «Aberganzsichernöd!» beantwortet. Inzwischen bin ich aber nicht mehr ganz sicher. Wegen Stratford-upon-Avon. Einem Städtchen, von dem es heisst, es sei die sechstbeste Tourismusdestination Englands. Doch wen kümmerts. Denn sie kommen alle bloss eines einzigen Mannes wegen nach Stratford-upon-Avon – ich wiederhole den Namen übrigens nur aus Sprachtrainingsgründen; damals, im Englischunterricht, konnte ich ihn nämlich nie richtig aussprechen, ich sagte immer: «Schrättfort-apan-äwän» – und dieser Mann ist nicht Motorsportingenieur Adrian Newey. Nein, dieser Mann ist William Shakespeare, der allüberragende Schreibende seit Menschengedenken und bis in alle Ewigkeit – falls es ihn überhaupt je gab. Doch darüber sollen andere an anderer Stelle debattieren.

Nun denn, auch der Rover und ich landen wegen Shakespeare in Stratford-upon-Avon. Für eine Begehung seiner Denk- und Schreibstube ist es bereits wieder zu spät, also begehe ich halt das Städtchen. Und begegne dabei einer Herzigkeit, die meine «Jööö»-Erträglichkeit Tilt setzt wie den Flipperkasten das zu starke Rütteln und Schütteln: Märchengleich stehen überall niedlichste alte Häuschen. In den einen kann man fein essen und trinken, in anderen bunte Blümlein oder Kleidchen posten. Eins hats, da schaut die Polizei zum Rechten, und eins, da kann man Batzen abholen. Und natürlich wohnen auch Menschen in diesen Häuschen. Bestimmt gute Menschen, die am Abend Wollsocken lismen (ich habs mit eigenen Augen gesehen!) oder in einem Buch lesen. Und bestimmt hört man später dann an einem dunklen Fenster jemanden sagen «Goodnight, John-Boy», wie damals, in der heilen Fernsehwelt der «Waltons».

Ja, so hab ich Stratford-upon-Avon erlebt – much ado about Kitsch. Vielleicht bin ich einfach müde. Vielleicht bin ich auch einer der im obigen Shakespeare-Zitat besungenen Narren. Und vielleicht wär mir alles anders eingefahren, hätte ich am selben Tag nicht grandiose Autos gesehen – schliesslich mundet der beste Salat auch weniger gut, wenn man vorgängig eine Bistecca fiorentina verzehrt hat.

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Ungefähr sechs Stunden früher, auf einer Schnellstrasse Richtung Norden, tauchte unvermittelt ein braunes Schild auf. Braune Schilder kündigen in England immer was «Besonderes» an, und seit ich das weiss, bekommen sie meine volle Aufmerksamkeit. Auf besagtem Schild steht «Silverstone». Silverstone? Moment, Silverstone, da war doch was. Ein legendäres Rockfestival? Ein UFO-Absturz? Ah, nein, klar, stimmt, Silverstone ist ja ein weiteres englisches Mekka: Hier fand am 13. Mai 1950 der allererste Formel-1-Grand-Prix statt. Das ist so richtiges Grosse-Buben-Zeugs, da müssen wir hin!

Also machen wir eine spontane Kurskorrektur und parkieren eine Stunde später beim Silverstone Experience Center. Klingt wissenschaftlicher, als es ist – das ist der Ort mitten im Racingpark, wo Testfahrten durchgeführt werden. Und so sitze ich bald auf einer alten Tribüne und sehe zu, wie pausenlos irgendwelche Boliden vorbeirasen – auf jener Strecke, auf der Lewis Hamilton Anfang Juli dieses Jahres das Formel-1-Rennen gewann! Meine Begeisterung und Faszination sind so grenzenlos, dass ich den Motorenlärm tatsächlich als sexy Sound wahrnehme. Keine Frage: Wäre ich als Mädchen zur Welt gekommen, wäre ich ein Boxenluder geworden.

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Bevor wir weiterfahren, legen wir noch eine Schweigeminute ein – für Jo Siffert, unseren Lieblingsrennfahrer. Er starb 1971 zwar nicht in Silverstone, aber in Brands Hatch, und das ist auch auf englischem Boden, das Gedenken geht deshalb in Ordnung. Und dann gehts an ein Familientreffen. Es ist ja nicht unüblich, dass man auf Reisen Verwandte besucht. Jene des Rover sind allerdings eher Artverwandte, sie hausen in Gaydon, im Heritage Motor Centre, einem Museum für britische Autogeschichte.

Der Rover muss leider draussen bleiben, doch allzu viel verpasst er nicht. Es ist nämlich wie bei jedem Familientreffen: Die meisten Anwesenden sind so alt, dass man sie kaum mehr kennt. Dann hats den obligaten Bluffsack, hier ists ein rosa Thunderbird namens FAB I, der mal in einem Film mitgespielt haben soll. Natürlich sind die Coolen da, der Aston Martin DB2 und der Triumph-Roadster TR6. Nicht fehlen darf auch der Avantgardist (der dem Tamedia-Verleger gefallen würde), es ist ein 1972 von Leyland Crompton erbautes Elektroauto. Und gar die Regel «Die Unauffälligsten sind stets die Sympathischsten» wird eingehalten – Beispiel hierfür ist der Gasturbine-Rover von 1961 (zugegeben, ganz neutral ist dieses Urteil nicht).

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Ich hab dann beruhigenderweise doch noch eine andere Seite von Stratford kennen gelernt. In meinem Hotelzimmer im Applegarth Guest House. Es ist eines jener Zimmer, in dem Musiker stranden, die es nie ganz geschafft haben, daran zerbrochen sind, deshalb in immer schäbigeren Spelunken auftreten, wobei die Gage aus Fusel besteht und das einzige Groupie die abgehalfterte Bedienung ist, die aber nicht mal aufs Zimmer mitgehen mag, weil sie grad Kopfweh oder andere Sorgen hat, und so legt sich der Musiker irgendwann besoffen auf die viel zu weiche Matratze, betrachtet die Kakerlake, die eben in den verkalkten Wasserkocher huscht, und schläft traurig ein. Nein, das ist echt nicht herzig.

Erstellt: 14.08.2014, 22:47 Uhr

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