Cancellara auf den Fersen – bis nach Zermatt

Von Zürich mit dem Velo fast 300 Kilometer quer durch die Schweiz. Mit uns stets die Frage: Weshalb machen wir das eigentlich?

Mit jeder Kurve, mit jedem Tritt der Passhöhe und der Sonne entgegen: Aufstieg auf die Grimsel, hier lassen wir den Nebel definitiv hinter uns. Foto: Urs Jaudas

Mit jeder Kurve, mit jedem Tritt der Passhöhe und der Sonne entgegen: Aufstieg auf die Grimsel, hier lassen wir den Nebel definitiv hinter uns. Foto: Urs Jaudas

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Es gibt kaum eine bessere Zeit, um Zürich mit dem Velo zu queren als nachts um halb zwei. Kein Verkehr, die Lichtsignale blinken orange, man kommt zügig voran – und das, ohne die Verkehrsregeln zu brechen. Das Rennen führt raus aus der Stadt: von Albisrieden über den Goldbrunnenplatz, die Schmiede Wiedikon, vorbei an der Sihl-city und durch Leimbach Richtung Buchenegg.

Nach Langnau die erste kleine Steigung, kaum mehr Licht, ein roter, wippender Tatzelwurm von blinkenden Velorücklichtern biegt rechts ab in die Buchenegg- Ostwand. Es ist das letzte Mal, dass in diesem Velorennen nach Zermatt so etwas wie ein kleines Feld besteht. Dieses wird sich nach und nach auflösen, der Weg nach Zermatt wird zum Einzelrennen, zum Duell gegen sich selber. Durch stockfinstere Nacht, durch dichten Nebel, einmal quer durch die Schweiz.

Chasing Cancellara heisst das Verfolgungsrennen, das in der Nacht auf Donnerstag in Albisrieden startet. Um 1.15 Uhr verlässt die Startnummer 1 das Starthaus. Fabian Cancellara trägt sie, der Olympiasieger und Namensgeber des Rennens, Anführer auch. Letzteres zwar nicht lange, aber doch. Wie Lemminge stehen die Rennfahrer bei der Siemens in der Kälte. Sie tragen neongelbe Leuchtwesten, Handschuhe, die meisten sind in langen Hosen.

Da war er noch allen anderen voraus: Fabian Cancellara in Zürich. Foto: Urs Jaudas

Einer nach dem anderen stürzt sich die Rampe auf die Strasse hinab und ins Rennen. Mehrals 80 Zweierteams teilen sich die 288 Kilometer und 6000 Höhenmeter nach Zermatt, rund 300 Fahrern und einigen Fahrerinnen war diese Herausforderung zu wenig; sie machen sich alleine auf den Weg.

In der Niederlage unsichtbar

Die Startnummern 167 und 168 gehören uns: Team Tamedia mit Sportjournalist Emil Bischofberger und Fotograf Urs Jaudas. Zwei, denen es eigentlich ums Mitmachen ging, ums Dokumentieren, wie sie stets betont hatten, die sich aber gut zehn Stunden später in Zermatt wundern, weshalb sie Vierte wurden und nicht Dritte.

Überholen ist ein gutes Gefühl, in der Nacht ist es noch besser. Die Fahrer beschreiben es so: Man reiht sich vor dem Überholten wieder ein, der Scheinwerfer lässt einen von hinten zum Schatten-Superman wachsen. Eines dieser Lichter gehörte Fabian Cancellara, irgendwo auf den ersten 40 Kilometern dürfte es gewesen sein, es geschieht unbemerkt, schliesslich ist es dunkel, und Cancellara trägt schwarz. Die Herausforderung ist von diesem Moment an eine andere: den ehemaligen Radprofi nicht mehr herankommen zu lassen. Vielleicht 240 Kilometer lang, bis Zermatt nicht mehr.

Zuckerwatte, gar nicht süss

Es ist die Erkenntnis dieses Tages: wie schnell man mit dem Velo unterwegs sein kann. Jeder Fahrerwechsel ist ein einziger Stress – weil es nicht so einfach ist, einen Rennradfahrer in einer Abfahrt einzuholen, innerorts ist Überholen undenkbar. Und dann blockiert im dümmsten Moment auch noch ein griechischer Reisecar den Verkehr.

Will möglichst schnell wieder ins Tal: Urs Jaudas. Foto: Emil Bischofberger

Unsere Taktik ist einfach: Bischofberger fährt bergauf, Jaudas bergab und in der Fläche, beide fahren, so scheint es aus dem Begleitfahrzeug, wie vom Teufel geritten. Die Marschtabelle? Bald überholt. In der Steigung zum Glaubenbielen zwischen dem Entlebuch und Obwalden zieht Nebel auf, mit jeder Kurve wird er dichter, oben auf der Passhöhe scheint er zu Zuckerwatte zu werden, die alles umhüllt.

Zur Rechten sähe man jetzt das Rothorn, wenigstens seine Umrisse, wäre es eine klare Nacht. Die Kühe am Strassenrand werden zu Schattenhaufen mit glänzenden Augen. Zweimal quert ein Fuchs die Strasse. In der Abfahrt queren die Rennfahrer Viehgitter, als käme es später auf die Sekunden an, so nach 10, 11 Stunden dann, beim Anblick des Matterhorns.

Weiter, dem Tag entgegen

Was macht eine Rennsituation aus Velofahrern? Rennvelofahrer. Sie pedalen unablässig Richtung Wallis, es geht durch den Kanton Aargau, durch Luzern, wieder Aargau, nochmals Luzern, Obwalden, unablässig Richtung Tagesanbruch.

Einer für die Aufstiege: Sportredaktor Emil Bischofberger. Foto: Urs Jaudas

Der erreicht uns schliesslich im Kanton Bern, unten am Aufstieg zur Grimsel. Es ist zwar nicht mehr Nacht, doch sehen kann man kaum mehr etwas: noch mehr Nebel. Silbriger Herbst, eisig kalt, hinauf zur Passhöhe auf 2164 Meter über Meer. Was denkt man, wenn man so alleine auf dem Rad sitzt, die Beine dreht und nicht sieht, wohin die Strasse führt? Man hofft darauf, dass es oben dann schon aufreissen wird – und dass die Abfahrt auf der anderen Seite frei von Nebel und trocken sein wird.

Von der Wirkung der Berge

Ziemlich genau so wird es. Die Schönheit jetzt, die Frische, die Klarheit, die Reinheit – was machen diese Berge mit uns? Was kommt, ist ein Höllenritt. Instinktiv, schnell, trotz müder Beine, trägen Kopfs – und zugleich euphorisiert.

10 Stunden, 10 Minuten, 51 Sekunden. Platz 4. Cancellara trifft eineinhalb Stunden später ein. Glücklich sei er, das zähle mehr als das Resultat. Er spricht vom Wetter, von Problemen … der Zusammenhang zwischen seinen Worten schwindet. Es gibt keine bessere Zeit als Nachmittag um halb zwei, um in der Sonne Zermatts wegzudösen. Was genau machen wir hier? Und weshalb?

Erstellt: 20.09.2019, 11:47 Uhr

Das Rennen

Die Premiere von Zürich–Zermatt wurde von den Veranstaltern als «wohl härtestes Eintagesrennen der Schweiz» angekündigt. Die Strecke enttäuscht diesbezüglich nicht. Die knapp 500 Teilnehmer, welche die 288-Kilometer-Strecke mit gut 6000 Höhenmetern über Glaubenbielen, Brünig und Grimsel in Angriff nehmen, müssen alle auf die Zähne beissen. Egal, ob sie die Strecke zu zweit aufteilen oder alleine fahren.

Während die Solofahrer ganz auf sich alleine gestellt sind, werden die Zweierteams von einem Teamfahrzeug begleitet. Was komfortabel klingt, ist tatsächlich wenig erholsam. Man fährt entweder vor oder hinter dem Radfahrer, mit ihm zu fahren, verbietet das Reglement. Die vielleicht grösste Herausforderung dabei: Zum richtigen Zeitpunkt am vereinbarten Wechselort zu sein – und etwas Vorsprung «herausgefahren» zu haben, um den Wechsel in Ruhe vorzubereiten.

Die neuste Affiche der Rennserie von Fabian Cancellara zieht einen bekannten Namen an: Christoph Strasser, der seit diesem Jahr sechsfache Sieger des 4800 Kilometer langen Race Across America, bestreitet Zürich–Zermatt mit Ultravelokollege Thomas Ratschob – zum Spass. Spass ist für sie aber sehr wohl auch Ernst: Sie treffen als Zweite in Zermatt ein – aus Ultrafahrer-Sicht war das Rennen höchstens ein Sprint. Sie schaffen dieStrecke unter 10 Stunden – doch die bemerkenswertesten Leistungen erbringen die drei schnellsten Solofahrer: Einzig das siegreiche Zweierteam ist schneller als sie. (ebi./bra)

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