«Dann habe ich Rec Rec gegründet, und alles zusammen war zu viel»

Der Plattenladen Rec Rec ist 40, Veit Stauffer feiert das mit – Musik. Und er nutzt diese Gelegenheit für eine Ankündigung: 2022 ist Schluss.

Veit Stauffer in seinem Laden an der Rotwandstrasse in Zürich. Foto: Reto Oeschger

Veit Stauffer in seinem Laden an der Rotwandstrasse in Zürich. Foto: Reto Oeschger

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Wer mit Veit Stauffer ins Gespräch kommt, landet schnell beim Thema Musik. Stauffers Leben ist die Musik, Rec Rec der Ausdruck davon. 1979 hat er den Plattenladen mit Geschäftspartnern eröffnet, das Jahr 2019 hat er kurzerhand zum Musikjahr ausgerufen und eine Konzertreihe bis zum kommenden März zusammengestellt.

Das Konzert vom Wochenende ...
… ist speziell. Am Freitag tritt Wädi Gysi auf. Er hat jahrelang das Label betreut, die Künstler produziert. Mitte der 90er war er Mitglied der Band Pale Nudes. Mich Gerber spielte da Kontrabass – und ist dann wegen seines Soloerfolgs ausgestiegen. Am Samstag legt ­Dimitri de Perrot auf. Ich habe ihm 25 Platten ausgeliehen, aus denen hat er ein DJ-Set zusammengestellt.

Bleibt neben der Musik noch Platz für anders in Ihrem Leben?
Ich bin von vielen Sachen angefressen: Filme, Bücher, Kunst, ich vertiefe mich gern in eine Thematik. Musik ist mein Beruf und deshalb besonders wichtig.

Geht es auch ohne Musik?
Das geht bestens. Zu Hause höre ich in der Regel keine Musik. Ich habe im ­Laden acht bis zehn Stunden Musik um mich herum, da ist mir Ruhe wichtig. Ich halte es mit dem Komponisten Hanns Eisler: «Wer nur etwas von ­Musik versteht, versteht auch davon nichts.»

Es gilt als erwiesen, dass Sie etwas davon verstehen.
Ich war immer mit Enthusiasmus dabei, sicher, ich schreibe über Bands und Platten und versuche so, meine Faszination weiterzugeben. Das war mein Motor. Mit 16 habe ich damit begonnen, weil ich mich immer wieder fragte: «Weshalb kennen das nicht mehr Leute?»

Und wie ist das heute?
Ich merke, dass es heute weniger klappt, dass ich mich zuweilen auspowere. Speziell aufgefallen ist es mir, wenn ich Sammlungen angekauft habe. Das ist Detailhandel in Reinkultur, in dem es darum geht, Einzelstücke unter die Leute zu bringen. Manchmal sind zu viele Hörer da, um dem Einzelnen gerecht zu werden.

Wie haben Sie zur Musik gefunden?
Durch meine Eltern und zwei älteren Schwestern. Da habe ich Feuer gefangen, das war die Zeit von Woodstock, Jop­lin, Hendrix, Dylan, Zappa, Led Zeppelin. Mit 15 sammelte ich Velvet Underground, hatte innerhalb von vier, fünf Monaten alle Platten zusammen. Ich war nicht zufrieden mit einer Platte. Forschertrieb trifft es nicht schlecht.

Was sind die wichtigsten Forschungsresultate aus 40 Jahren?
Von 16 bis 21 habe ich in drei Bands Schlagzeug gespielt, inklusive Tour. Dann habe ich Rec Rec gegründet, und alles zusammen war etwas zu viel. Ich habe Schlagzeuger bewundert, die fünfmal besser waren als ich, und erkannte: Das hat eh keinen Sinn. Das Label Rec Rec gab es zwischen 82 und 08. Ich finde, wir haben einiges geleistet. Da waren Höhepunkte wie die Young Gods oder Fred Frith wichtige Figuren. Wichtig ist auch: Ohne das Team hätte Rec Rec nicht reüssiert. Ich war nicht allein, ich bin bloss der letzte Mohikaner.

Der letzte Mohikaner hat sein Ende auf 2022 vorausgesagt und sucht eine Nachfolge. Was braucht es, um erfolgreich zu sein?
Jemanden mit Herzblut, mit einer Vision, der oder die etwas aufbauen will. Durchhaltewillen, Ideen für das Repertoire. Ich erwarte überhaupt nicht, dass der Laden sich nicht verändert. Im Gegenteil: Ich rate allen, das Sortiment um ein Drittel zu kürzen. Ich bin knapp überladen – trotz 20, 30 Säcken jährlich für das Brockenhaus.

Läuft im Rec Rec Hintergrundmusik?
Manchmal vergesse ich es. Das Ziel wäre es schon, etwas aufzulegen, nach dem die Leute im Laden dann fragen. Kauft jemand direkt aus dem Player etwas, ist das ein Highlight.

Was muss Musik für Sie haben?
Charisma, Vision, es kann aber auch sein, dass Minimalismus packt. Es darf nicht alles auf Anhieb erkennbar sein – es braucht Humor und einen Über­raschungseffekt.

Jubiläumskonzerte im Rec Rec: Freitag, 18.30 Uhr, Wädi Gysi. Samstag, 16.30 Uhr, Dimitri de Perrot. Weitere Konzerte noch bis zum Frühjahr 2020. Programm auf recrec-shop.ch

Erstellt: 25.09.2019, 14:38 Uhr

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