Darüber müsste man was schreiben

Im Toni-Areal gibt es Studierende, die einen Hau haben, und solche, die therapieren wollen.

«Mal schauen, wer sich hier durchsetzt»: Eingang zum Toni-Areal. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

«Mal schauen, wer sich hier durchsetzt»: Eingang zum Toni-Areal. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Die neue Hochschule im Toni-Areal war schon der Hammer, noch während sie gebaut wurde; ein riesiges UFO mit seltsam grau glitzernder Aussenhaut vor der friedlichen Höngger Kulisse. Wie ich gehört habe, sieht sie auch innen gut aus; grosszügig, mutig, begabte Architekten haben offenbar einen Ort geschaffen, der dich in die Welt der Künstler hineinzieht.

Wobei ja auch Psychologen und Sozialarbeiter im Toni-Areal studieren, «eine seltsame Mischung», sagte ein Freund, der dort an der Hochschule der Künste unterrichtet. «Die Künstler haben ja einen Hau weg, und die Psychologen wollen therapieren. Mal schauen, wer sich durchsetzt. Ob in zehn Jahren die Künstler nicht weg­therapiert worden sind.»

Ein Geschenk für Zürich

Aber sonst, sagte mein Freund, sei er zufrieden mit dem Neubau, die Leute wüssten oft gar nicht, was für ein Geschenk Zürich erhalten habe, welche glücklichen Zufälle zusammengespielt hätten: Der Niedergang der Toni-Molkerei, die Kantonalbank, die das Areal aus der Konkursmasse gefischt habe, ein paar engagierte Schulleiter, die ohne grosse Rücksicht auf Tradition und Seilschaften vorwärts­gemacht hätten. Klar gebe es in der Detailausführung ärgerliche Fehler, aber zum Jammern sei kein Grund, und die Psychologen und Sozialarbeiter, «na ja, sie sind etwas anders».

Mein Freund hatte uns spontan besucht mit seinem jüngsten Sohn, ich war wie auf Nadeln, weil ich arbeiten musste, aber wir freuten uns beide, einander zu sehen. Und während der Kleine die Stube auseinandernahm, standen wir in der Küche und erzählten den Klatsch der letzten paar Jahre; ihn beschäftigte an diesem Nachmittag besonders der Aufstieg der Teflonfrauen. «Nimm eine wie Nicola Steiner vom ‹Literaturclub›, jede Kritik prallt an ihr ab», sagte er. «Es sind Frauen, denen es nicht um die Sache geht, sondern um die Macht. Sie haben gelernt, dass sie es allen Recht machen müssen. Teflon. Sie sind knapp vierzig, sie sind überall, eine neue Generation, in der Kulturbürokratie, im Fernsehen», sagte er, «darüber könntest du mal was schreiben.»

«Ich schaue kein Fernsehen, ausser Sport und Serien», sagte ich.

Das war die Überleitung zu unseren Söhnen, seine Buben spielen zurzeit etwas erfolgreicher Fussball als meine. Dann spazierte mein Freund mit seinem Jüngsten weiter Richtung Zeltplatz, und ich rannte an den Schreibtisch zurück.

Erst dann kam mir in den Sinn, dass wir nichts Privates geredet haben. Vielleicht hat es damit zu tun, dachte ich, dass seine Kinder noch einigermassen klein sind, dass sich im Moment gewisse Fragen gar nicht stellen. Voll beschäftigt mit der Familie. Ganz anders als die Freunde, deren Kinder jetzt langsam aus dem Haus sind und die sich plötzlich neu erfinden müssen. Sie verlieben sich, stürzen sich in die Arbeit, kaufen ein Haus in Frankreich, oder wandern aus. Man sieht sie überall, neugierig und etwas orientierungslos, im Tram, im Fernsehen, in den Cafés, auf den Spazierwegen. Immer drängender quält sie die Frage, was noch kommt. Ob das alles war. Darüber könnte ich auch mal schreiben.

Erstellt: 08.10.2014, 21:00 Uhr

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