Das Erlebnis gibt es nur bei ihr

Christa Wyss lässt in Zürich ein altes Handwerk aufleben. Für sich selbst hat sie es nur durch Zufall entdeckt.

Raum für Ideen, Zeit für die Kunden: Christa Wyss stellt ihre Werkstatt und ihr Know-how gerne für Projekte zur Verfügung. Foto: Urs Jaudas

Raum für Ideen, Zeit für die Kunden: Christa Wyss stellt ihre Werkstatt und ihr Know-how gerne für Projekte zur Verfügung. Foto: Urs Jaudas

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Die Schachteln stapeln sich beinahe bis unter die Decke. Auf alten Druckmaschinen liegen Stoffballen und Bänder. Daneben türmen sich Ordner und Kunstbücher. Das Licht findet hier dennoch seinen Weg, es dringt hell durch die grossen Fenster in jeden Winkel der Buchbinderwerkstatt von Christa Wyss.

Ein helles Lachen und ihre ruhige Stimme sind zu hören. Christa Wyss bespricht sich mit einer Kundin irgendwo in den schmalen Gängen, die sich durch ihr Material schlängeln im hohen Backsteinbau der ehemaligen Ofengiesserei an der Ausstellungsstrasse 25.

In der Lehre mit 50

Wyss bewegt sich ohne zu hetzen durch ihr Reich, flink und zielgenau steuert sie auf ihre Muster zu. Eine Sonnenbrille hält ihr kräftiges graues Haar zusammen, sie trägt elegantes Schwarz und Grau, die Lippen rot. Mode hatte Christa Wyss’ Leben bestimmt, bis sie sich vor 14 Jahren im Industriequartier hinter dem Carparkplatz eingemietet hat. Wyss kümmerte sich um Kollektionen, reiste in die Produktionsländer, erst Italien, zuletzt Weissrussland.

Irgendwann wurde ihr die Reiserei zu viel. Mit 50 übernahm sie die Buchbinderwerkstatt von Heinz Wahrenberger – den Zürchern vor allem als Bööggbauer bekannt – und erlernte an der Berufsschule wenige Häuserblocks weiter, umgeben von Lehrlingen, die ein Drittel so alt waren wie sie, das Buchbinderhandwerk. Wyss wollte wieder mehr mit den Händen arbeiten und mehr Zeit für ihre Tochter haben.

Zeit schenkt Wyss auch ihren Kunden, die meist irgendwann zu Freunden werden, wie sie sagt. Sie werden zu Verbündeten. Gemeinsam halten sie diese Werkstatt voller schöner Stoffe, Papierbögen, altem Werkzeug am Leben – obschon sich hier längst eine teure Boutique befinden könnte. Hier stellt Wyss Menükarten her, etwa für das Kafi Dihei mit verschnörkelten Tapeten oder für das Hotel Marta mit heller Silberprägung. Oder sie bindet Fehldrucke der Ok-Druckerei nebenan zu Notizblöcken zusammen und versieht diese mit Registern. Jedes Blöcklein ein Unikat, jedes Blöcklein ein kleines Kunstwerk.

Christa Wyss ist in Frauenfeld als eines von 13 Kindern aufgewachsen, mit drei Schwestern und neun Brüdern. Von ihrem Heimatort hat sie den – inzwischen rundgeschliffenen – Ostschweizer Dialekt, von ihrer Grossfamilie die Liebe für Gesellschaft. Und dank dieser immer eine Geschichte zu erzählen. Zum Beispiel jene von Bruder Andreas, dem langjährigen Geschäftsführer der Zürcher Kronenhalle: Eine Kundin «mit ehrlich erworbenem Doktortitel» wandte sich gekränkt an diese Zeitung, weil der «Direktor» ihr den Laptop bei Tisch verbot. Zur Illustration holt sie jeweils ein Bild vom letzten Familientreffen hervor – ein Panoramafoto, es liegt in der Kaffee-Ecke bereit.

Selbst gemacht schmeckt besser

In einem hohen Gestell liegen alte Prägestempel mit filigranen Mustern aus Messing, feines Werkzeug. Sie sind kaum mehr in Verwendung. Ganz anders die Messingbuchstaben, mit denen Wyss die Portfolios für Architekten oder Kleinserien für Künstler prägt. Diese Arbeit lässt Wyss ihre Kunden am liebsten selber ausführen. Weil möglicherweise nicht genug Buchstaben für die gewünschten Worte vorhanden sind. Die Kunden müssen pröbeln, das Resultat ist ungewiss. «Es ist ein wenig wie beim Pilzesuchen: Gegessen wird, was man so findet», sagt Wyss und lacht.

Und wie beim eigenen Pilzgericht gefällt das Resultat umso besser. Perfektion zu Preisen, bei denen Wyss nicht mithalten kann, findet sich heute leicht im Internet. Das Erlebnis gibt es nur bei Wyss. Deshalb bietet sie Workshops für Firmen an, wo Mitarbeiter personalisierte Notizblöcke selber herstellen, sie organisiert Kindergeburtstage in der Werkstatt, vermittelt Erwachsenen Bindetechniken. Und Wyss lädt jeden in ihre Werkstatt ein, der ein Projekt unter Anleitung vollenden will. Seien es Einbände für die Comic-Sammlung, schöne Schachteln für die Ordnung im Haushalt, oder um ein Memory-Spiel aus eigenen Illustrationen zu fertigen.

Als Innenarchitekt Moritz Richter, auch er ein langjähriger Freund, Wyss für seine Design-, Kunst- und Handwerksmesse vom Wochenende engagierte, war ihr deshalb klar: Sie packt ihre Prägemaschine ein. So können die Besucher ein personalisiertes Buch gestalten, einen Notizblock mit einer Widmung versehen. Alles, was es dazu braucht, ist etwas Zeit und eine Idee.

Spirit 2018, bis Sonntag. Metalli, Birchstrasse 108; Buchbekleidung an der Limmat (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2018, 19:14 Uhr

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