Das Fleisch ist willig, der Geist grün

Im Val-de-Travers wurde der Absinth erfunden. Noch immer liegt der Zauber der Grünen Fee über dem Tal und zwischen Fels und Schlucht.

Satirisches Plakat der Destillerie Bovet La Valote. Bild: Instagram.com/bellevuegoestourist

Satirisches Plakat der Destillerie Bovet La Valote. Bild: Instagram.com/bellevuegoestourist

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Das Poetischste überhaupt, nannte ­Oscar Wilde einst ein Glas Absinth, Künstler wie Picasso und Toulouse-Lautrec liessen sich von der Grünen Fee verzaubern. Die Behörden hingegen verteufelten es als Hexengetränk und verboten es fast ein ganzes Jahrhundert lang. Wohin treibt einen die Fee am Ort, an dem die Wermutspirituose ihren Ursprung hat? In himmlische Gefilde oder unter den Boden? Diese Fragen begleiten mich durch das Val-de-Travers.

Noch einmal setze ich mich in den ­Wagen. Es geht von der Jura-Terrasse wieder hinunter ins Tal. Das heisst: wieder Kurven fahren. Das Klischee, ein hügeliges Land zu sein, wird der Schweiz nie abhandenkommen.

Halt unweit des Bahnhofes in Môtiers. Der Duft von Anis liegt in der Luft. «Hein, ça sent bon. C’est toi, non?», fragt eine Einheimische mit Hund jene Frau, die in der Tür steht. Es ist Françoise Bovet, Inhaberin der Destillerie Bovet La Valote und Tochter des kürzlich verstorbenen Schwarzbrenners Willy Bovet. Sie lacht. «Ben oui.» Drinnen tröpfelt aus der kleinen Brennapparatur Destillat in eine Flasche; es gibt keine anderen Besucher. Die grüne Stunde – nach 17 Uhr in den französischen Metropolen Ende des 19. Jahrhunderts – ist noch weit, trotzdem lasse ich mich auf die Fee ein. ­Françoise Bovet giesst einen Schluck vom klaren «Le Chat» ins Glas, zapft aus der Fontäne Eiswasser und reicht das milchige Getränk. Es schmeckt angenehm rund, kein bisschen bitter. Erster Eindruck: verführerisch, diese Fee. Bovet erzählt.

Brennerin Françoise Bovet aus Môtiers. #môtiers #willybovet #absinth

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«Mit der Absinth-Brennerei hat mein Vater 1973 heimlich begonnen. Die Eltern hatten uns vom ersten Tag an eingebläut, nie jemandem davon zu erzählen. Das machte uns Angst. Gleichzeitig hatten wir als Familie ein Geheimnis, das uns zusammenschweisste und stärkte.

Mein Vater war Uhrmacher bei Piaget. Hätte da jemand von seiner Brennerei erfahren, er wäre als Vater von vier Kindern ohne Job dagestanden. Piaget stellte nur Nichtraucher und -trinker ein. Und mein Vater hatte einen guten Ruf, war einst einer der besten 400-Meter-Sprinter im Land und lange Gemeindepräsident von Môtiers.

Vor dem Brennen hatte er nie auch nur einen Schluck Absinth getrunken. Als ein Freund ihm damals eine Brennanlage zum Kauf anbot, erkannte er sie im ersten Moment gar nicht als solche. Dann dachte er: Warum nicht die Tradition des Tals weiterführen? Den ersten Brand liess er einen erfahrenen Brenner probieren. Der mahnte: Wenn du schon was Illegales machst, dann anständig. Gegen 100 Franken gab er ihm das Rezept.»

Das Tröpfeln hat aufgehört. Françoise Bovet stellt den Kocher mit dem Alkohol-Wasser-Sud aus Wermut, Beifuss, Melisse, Ysop und Minze und diversen Gewürzen wie Anis und Fenchelsamen ab. Sie reicht einen weiteren Absinth zur Probe, einen, der im Eichenfass gelagert wurde. 54 Prozent Alkohol, leicht bitter. Das Autofahren kann warten. Anstossen mit Bovet.

«Ich habe bis zur Legalisierung 2005 nie einen Schluck Absinth getrunken, obwohl ich meinem Vater von Anfang an geholfen habe. Etiketten aufkleben oder Flaschen putzen, das waren meine Aufgaben. Ich dachte, das Verbot sei berechtigt. Heute schmunzle ich darüber. Er brannte jeweils in der Küche, meist nachts, an Wochenenden, wenn der Wind günstig war. Kehrte das Wetter unvorhergesehen, öffnete er beim benachbarten Bauern das Gülleloch und rührte etwas darin.

Fragte am Telefon einer nach Absinth, gaben wir uns unkundig. Fragte er nach Poulet oder Kaninchen, war der Fall klar. Bevor der Käufer das Haus verliess, suchte Vater die Gegend nach Spitzeln ab. Als er kurz nach der Legalisierung die erste Lizenz beantragte, stellten sie die Behörden bereitwillig aus. Es hiess, er habe keinen Verdachtseintrag. Da wussten wir, dass wir unsere Sache all die Jahre gut gemacht hatten.»

Zurück im Auto. Die Grüne Fee verleitet zum Philosophieren übers Autofahren. Ich tuckere Richtung Neuenburg. Selbstverständlich ist diese Fortbewegungsart bequem und bietet eine angenehme Privatsphäre. Einige können der Sache gar etwas Meditatives abgewinnen, dem ständigen Geradeaus-Starren. Gleichzeitig ist es eine sonderbare Tätigkeit. Sie gleicht einem selbst gewählten Sich-Einsperren, hat etwas Distanziertes. Einsteigen, abschotten, aussteigen.

Gemäss Oscar Wilde sieht man nach dem ersten Glas Absinth alles so, wie man es gerne sehen möchte. Bei zu vielen Gläsern so, wie es wirklich ist.

In Noiraigue am Ende des Tals lässt mich die Fee zaudern. Ich brauche frische Luft. Stopp beim Friedhof, Ort der Kontemplation. Im Dorf am Fusse des gewaltigen Creux du Van und oberhalb der Areuse-Schlucht verschlägt es mir den Atem. Zwischen Fels und Wasser, oben und unten, verführen und verhexen, aber ohne Wald – ich bin verloren. Auf dem Friedhof sind mehrere Grabsteine umgekippt. Fee, wohin?

Parken. Zur Schlucht. Alles erscheint mir grün. Da, wo sich das Tal verengt, der Fels das Wasser küsst, treffe ich auf eine Familie aus Barcelona, die dieser Tage durch die Schweiz reist. Sie reiht sich auf dem Saut-de-Brot auf, der bekannten (und ungemein fotogenen) Steinbrücke. Der Vater sagt – wie passend! – «Cheese» und drückt auf den Auslöser. «Gorgeous, Switzerland», sagt er. Gorgeous Switzerland, indeed.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 08:52 Uhr

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