«Das Frauenbild ist supersexistisch»

Sehnsucht, Heimatliebe? Groschenromane gibt es immer noch. Wir haben «Der Bergdoktor» gelesen. Und wie!

«Findet sowas noch eine Leserschaft?» Unser Lesezirkel diskutiert den Bergdoktor. (Video: Tamedia)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Entdeckungen sind besonders schön, wenn sie einem unverhofft zufallen. An Orten, wo man nie nach ihnen gesucht hätte. Etwa in Schwamendingen, am Kiosk vor der Migros. Da studieren wir beim Warten dessen Auslage. Auffällig gross das Angebot an Groschenromanen, einer Literaturgattung, die wir für längst ausgestorben gehalten hatten.

Laut Kioskfrau gehört die Groschenroman-Lektüre zu den drei wichtigsten Hobbys der Schwamendinger – neben Schmuddelhefte anschauen und Lotto spielen. Aus Neugierde kaufen wir einen solchen, aus der Bastei-Reihe «Der Bergdoktor», Heft 1576. «Ein letzter Liebesbrief», von Andreas Kufsteiner, grosse Schrift. 3.50 Franken. Das Titelbild zeigt eine junge, blonde Frau in Tracht, die auf einer Wiese sitzt und schreibt. Wir lesen. Die Geschichte handelt von einer Dreiecksbeziehung. Bauer Felix ist verliebt in Tänzerin Elena. Doch Bäuerin und Nachbarin Vroni schwärmt für Felix. Er sieht in ihr den guten Kumpel und fragt sie in Liebesfragen mit Elena um Rat. Dann gesteht Vroni Felix in einem Brief ihre Liebe.

Bester Stoff für einen Lesezirkel. Mit dabei: TA-Literaturredaktor Martin Ebel.

Wie war das Leseerlebnis beim Groschenroman?

Nicola Brusa: Ich erwartete, beim Bergdoktor würde es schneller zur Sache gehen. Die Geschichte war aber total simpel, erwartbar und seicht. Deshalb bleibt eine leise Enttäuschung. Aber die Geschichte hat mich nicht gar nicht berührt.

Martin Ebel: Ich war erstaunt, dass es so was überhaupt noch gibt. Dies ist ja ein schrecklich altmodisches Stück Heftchen. Darin wird eine Welt entworfen, die gar nichts mit unserer zu tun hat. Ich frage mich wirklich – wer liest das heute? Salome Müller: Mich hat der Roman genervt. Ich wusste, dass er nicht meinem Geschmack entspricht, und ich tat mich schwer mit Lesen. Die Geschichte hat mich völlig kalt gelassen. Von Beginn an wusste ich, was passiert. Beim Lesen geht man bloss eine Art Checkliste durch und hakt ab.

Ebel: Es ist erstaunlich, dass der Autor die dünne Story auf 64 Seiten gestreckt hat. Am Anfang ist ja klar, wer gehört zu wem, wer kriegt wen. Immerhin hat er sich mit dem Dorffest, den Unfällen und der scheinbar tragischen Lösung noch etwas ausdenken müssen.

Ev Manz: Ich erwartete nichts vom Roman und war angenehm überrascht, dass es einen Moment gab, bei welchem ich weiterlesen wollte.

Wo gab es diesen Moment?

Manz: Nach dem ungeplanten Busserl zwischen Vroni und Felix am Dorffest fragte ich mich, wie der ungeschickte Felix die Kurve wieder kriegen wird. Der ist ja so nervig tollpatschig.

Müller: Ja. Dorftölpel, oder?

Ebel: Der Autor lässt das Tollpatschige von Felix als Motiv aber schnell fallen: Der Tollpatschige wird verwandelt durch die Liebe. Als Literaturkritiker interessiert mich, wie ein Autor seine Personen aus einer Situation wieder herausholt. Aber als «normaler» Leser, der ich auch bin, möchte ich bei jeder Geschichte wissen, wie sie ausgeht. Auch wenn man es bei Trivialliteratur schon weiss. Vielleicht ist das überhaupt ihr Geheimnis.

«Der Autor hat in diese ganze triviale Umgebung doch winzige Splitter der Hochkultur eingebaut.»Martin Ebel

Brusa: Es liegt nicht am Geheimnis. Interessant an der Anlage ist: Man liest etwas, das man sonst nie lesen würde.

Sarah Fluck: Mich hat der charakterliche Wandel der Figuren neugierig gemacht. Das hielt mich drin. Von da an, als Felix’ Meinung bezüglich der Frauen kippte, war es mühsam. Ich konnte mich nur noch hinhalten, da ich wissen wollte, was in dem Liebesbrief steht.

Müller: Zu dem ihr der Bergdoktor rät. Die Autoritätsfigur im Dorf, die Menschen und Herzen heilt.

Der Roman ist ja ansonsten sehr linear aufgebaut.

Ebel: Immerhin beginnt er mit einem relativ komplizierten Aufbau aus drei verschiedenen Perspektiven. Er fängt an mit Elena, die man erst als Hauptfigur deutet, die aber die böse Nebenfigur ist. Dann kommt Felix und dann erst die Vroni, die Heldin, die Identifikationsfigur, mit der alle Leserinnen mitgehen. Vroni spiegelt das Verhalten der Leserin, denn sie ist ja selbst eine Leserin. Sie träumt sich mit Büchern aus ihrer beschränkten Welt heraus, träumt davon, Sprachen zu studieren. Es kommt der Name Jane Austen vor. Vroni liest also eine anspruchsvolle englische Autorin. Der Autor hat in diese ganze triviale Umgebung doch winzige Splitter der Hochkultur eingebaut.

Warum macht der Autor das?

Ebel: Ich glaube, der Autor will sich so aufwerten. Nach dem Motto, ich schreibe zwar einen Heftchenroman, aber …

Brusa: ... ich könnte auch anders.

Zurück zu den Frauen. Das Frauenbild ist ja geradezu veraltet, oder?

Ebel: Ja, noch schlimmer: Das Frauenbild ist richtig frauenfeindlich. Im Untertitel heisst es: «Warum ein Madel sein Glück opfert». Das ist die Moral: Wenn du das Glück erst einmal weggibst, dich für andere zurücksetzt, dann wirst du belohnt. Was uns heute selbstverständlich ist, die Selbstverwirklichung, dass jeder sein eigenes Glück sucht, das wird im Roman bestraft: So ergeht es Elena. Also eigentlich, wenn man dies bewusst liest, muss man sagen, das Frauenbild ist super­sexistisch.

Müller: Total.

Fluck: Mich hat dieses Bild richtig wütend gemacht.

Brusa: Aus welchem Jahr stammt der Groschenroman?

Manz: Aus den 1980er-Jahren. Seit fünf Jahren erscheinen die Hefte in der zweiten Auflage.

Ebel: Die zweite Auflage, 25 Jahre danach, ist unverändert, scheint zeitlos.

Brusa: Hat das noch seine Gültigkeit?

Ebel: Ja, ja. «Ewige Werte»: Verzicht, Entsagung, Aufopferung, und das Glück liegt nebenan.

Müller: Aber warum findet der Roman in Papierform, obwohl er so aus der Zeit gefallen ist, noch eine Leserschaft? Ist es vielleicht das Motiv der Sehnsucht?

Die Blütezeit des Groschenromans lag in den 60er- und 70er-Jahren. Heute verkauft der Verlag nach wievor jährlich zehn Millionen Exemplare. Gelesen werden sie meist von Frauen im fortgeschrittenen Alter. Nur die Westerngeschichten haben eine männliche Leserschaft. Laut Bastei-Lübbe-Vorstandschef Thomas Schierack ist der Heftroman nach wie vor sehr profitabel und kaufmännisch betrachtet eine sichere Bank.

Warum werden Groschenromane wie «Der Bergdoktor» heute noch gelesen? Ist das Motiv die Sehnsucht?

Salome Müller: Die Sehnsucht findet sich auch im Buch selbst. Felix sehnt sich nach der Ballerina Elena, die Ballerina sehnt sich nach ihrem Erfolg, und Vroni möchte vielleicht auch ein bisschen so sein wie die Ballerina. Sehnen sich die Leser nach dieser Einfachheit?

Martin Ebel: Wer sehnt sich nicht nach einem glücklichen, erfüllten Leben? Dieses Heftchen spiegelt vor, dass es dies gibt und es einfach zu finden ist, wenn man nur auf sein Herz hört. Das Glück liegt gleich nebenan – auf dem Nachbar-Bauernhof. Und am glücklichsten wirst du, wenn du keine grossen Ansprüche ans Leben stellst. Bloss keinen Ehrgeiz – Ballerina-Erfolg oder Sprachschule. Also dann, wenn du zu Hause bleibst und dich für deine Nächsten aufopferst.

Müller: Der Autor will das Glück auch sprachlich im bäuerlichen Umfeld verorten. Dies markiert er durch dieses Dialektwort «net».

Nicola Brusa: Oder Madel...

Müller:... und Vaterl...

Ev Manz:... und Busserl.

Müller: Aber das «net» ist wahnsinnig aufdringlich. Also in jedem Satz dreimal. Die denken auch «net». Warum?

Ebel: Na ja, damit es vermeintlich lokalisierbar wird. Gute Literatur ist ja lokal und universell. Denken wir an Macondo, das berühmte Urwalddorf bei García Márquez, das gleichzeitig eine ganze Welt ist. Das Seldwyla von Gottfried Keller ist auch eine Welt. Hier ist es eine Scheinwelt, völlig steril und austauschbar, die in diesem fiktiven St.Christoph im Zillertal spielt. Und mit diesem «net» hat man das Gefühl, da zu sein.

Manz: Diese Nähe suggeriert ja auch der Name des Autors, der eigentlich Uwe Helmut Grave heisst und ein Norddeutscher ist, aber unter dem Pseudonym Andreas Kufsteiner schreibt.

Ebel: Und Gleiches gilt auch für die Vornamen im Roman, die ja klar verteilt sind. Die Vroni, die Brave, die Gute, die eigentlich Veronika heisst. Felix trägt das Glück im Namen, das er erst spät begreift. Elena ist zwar aus dem Dorf, hat aber einen fremdländischen Namen. Sie ist markiert als die, die da eigentlich nicht hineingehört in diese Idylle.

Brusa: Die Hupfdohle.

Was an Stil und Sprache ist sonst noch aufgefallen?

Manz: Es wimmelt von Adjektiven, Adverbien und Sprachbildern, etwa von jenen mit dem «Herz am rechten Fleck». Das ist eher penetrant.

Sarah Fluck: Oder «Die Röte steigt ins Gesicht», bloss um dann wieder aus dem Gesicht zu weichen. Dann dreht sich auch vieles um «das Innere»: die «innere Erregung» oder die «innere Qual».

Ebel: Ja, das Herz spielt eine zentrale Rolle. Das Herz schlägt, das Herz macht einen Satz, das Herz bricht beinahe, Herzensnot, alles, was mit Gefühlen zu tun hat – es sind ja teilweise auch komplexe Gefühle, und da macht dann das Herz etwas. Es gibt zwei Instanzen in diesem Umfeld. Das eine ist das Herz, sozusagen der innere Kompass. Und der ist beim Felix dann halt einmal verrutscht, dann aber wieder eingeordnet...

Brusa: Nicht so schlimm.

Ebel: Während die Vroni ja immer weiss, wo sie hingehört, und sich auch nicht von einem anderen verführen lässt. Die andere Instanz ist das Schicksal. Das Schicksal schlägt ja immer zu. Aber furchtbar.

Brusa: Dies beginnt beim Fiaker. Auf furchtbar altmodische Art wird die Balletttänzerin über den Haufen gefahren.

Manz: Aber da passt es noch.

«Gefühle und Liebe ist zwar nichts, das man nicht kennt. Aber hier ist es so plakativ.»Salome Müller

Ebel: Das Schicksal ist die oberste Instanz wie einst Gott. Dem Schicksal muss man sich fügen. Die Selbstbestimmung ist ja überhaupt kein Wert in dieser Heftchenromanwelt. Im Gegenteil, die wird einem ja ausgeredet.

Warum erwarten wir eigentlich, dass so ein Roman schlüpfrig ist?

Fluck: Ich habe mir vorgestellt, ich würde jemandem daraus an irgendeiner Stelle vorlesen und es wäre dann peinlich. Aber nein.

Ebel: Es gibt keinen Sex. Das Maximum ist ein Busserl. Auch das wird so folklorisiert und verharmlost.

Was bleibt nach der Lektüre?

Müller: Da fehlt völlig die Psychologie. Warum jemand etwas macht, passiert das, weil jemand einen gewissen Charakter hat. Hier ist alles von aussen gesteuert. Mich lässt es unzufrieden zurück. In dem Skizzenhaften erkenne ich mich nirgends wieder. Gefühle und Liebe ist zwar nichts, das man nicht kennt. Aber hier ist es so plakativ.

Ebel: Bei einem guten Buch gehe ich raus und denke: Wie reich und komplex und vielfältig das Leben sein kann – und wie alltäglich und einfach einem dann das eigene erscheint. Hier ist es umgekehrt.

Manz: Es ist, wie beiläufig ein Heft durchblättern. Manchmal kann das aber noch angenehm sein.

Müller: Ich fühle mich in meiner Bereitschaft gestört, etwas mitzunehmen. Weil da nichts ist. Das ist anstrengend.

Fluck: Es ist wie Fast Food oder Nachmittags-TV – und dann ist die Zeit vorbei und man selbst leer.

Müller: Fast Food trifft es. Ungesättigt. Die Glaubwürdigkeit fehlt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2018, 08:34 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Wo Cougars nach Sex suchen

Casual-Dating-Seiten bieten viele Überraschungen. Der 32-Jährige Simon aus Uster berichtet.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Mit Sack und Pack: Die Pinguine im Eis- und Schneepark von Harbin müssen Ihren Proviant im Rucksack selber mittragen (13. Januar 2019).
(Bild: Tao Zhang/Getty Images) Mehr...