Das Unglücksschloss

An der Grenze des Kantons Zürich steht sie, die Villa Charlottenfels. Der perfekte Ort für eine epische Familiensoap.

Pure Grandezza: Die Kolonnaden der Villa Charlottenfels.

Pure Grandezza: Die Kolonnaden der Villa Charlottenfels. Bild: Sabina Bobst

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Das Auto schiesst aus dem Tunnel auf die Rheinbrücke, und da blitzt es im Augenwinkel auf, hoch am Hang. Wie eine Fantasie, halb Palast, halb Kathedrale. Nichts, was man hierzulande erwarten würde, schon gar nicht auf Schaffhauser Boden an der Grenze zum Kanton Zürich. Der Liedermacher Dieter Wiesmann hat uns beigebracht, das sei «bloss e chliini Stadt» – das Schloss Charlottenfels aber ist pure Grandezza. Hundert Prozent Fernwirkung, angereichert mit viel Familiendrama, etwas Weltgeschichte und einem Hauch Mystery.

Drehbuch und Kulisse stünden bereit, es fehlen bloss noch ein paar Kameras, und die Schweiz hätte ihre epische Familiensoap. Anfangen würde diese mit einer Kamerafahrt durchs historische Museum von Moskau, bis zur Vitrine, in der Lenins Taschenuhr liegt. Zoom aufs Zifferblatt mit der Gravur: «H. Moser & Cie.»

Uhren dieser Marke waren vor der Revolution in Sankt Petersburg verbreitet. Die Oberschicht kaufte sie an der Renommiermeile, dem Newski-Prospekt, im Geschäft von Heinrich Moser. Der Sohn eines Schaffhauser Uhrmachers war als junger Mann in die Stadt der Zaren gezogen und hatte es zu Reichtum gebracht. Aber mit vierzig Jahren zog es ihn zurück in die Heimat. Er suchte ein «freundliches Plätzchen» für seine Frau und die Kinder. In Neuhausen fand er ein Stück Land mit Blick auf Schaffhausen. Das war ihm wichtig: Es sollte den Kulturschock seiner grossstadtgewohnten Familie mildern. Zumindest ein bisschen.

Im Volksmund als Schloss bezeichnet: Die Villa Charlottenfels. Bild: Sabina Bobst

Der Umzug in die Schweiz im Jahr 1848 stand aber unter einem schlechten Stern. Noch bevor Moser mit dem Bau des Landgutes beginnen konnte, das er zu Ehren seiner Frau Charlottenfels nennen wollte, starb diese an den Folgen eines Kutschenunfalls. Moser trieb den Bau dennoch weiter voran. Charlottes Sarkophag liess er in einer Felsengruft auf dem Grundstück aufbahren.

Und dann heiratete er wieder

Obwohl die Villa, im Volksmund als Schloss bezeichnet, von Charlotte auf die gemeinsamen Kinder übergegangen war, hatte Moser dort weiterhin ein Wohnrecht. Zwanzig Jahre lang war das kein Problem. In dieser Zeit ging Moser oft durch den prunkvollen Salon, über das Parkett mit den kostbaren, russisch inspirierten Einlegearbeiten, hinaus auf die herrschaftliche, von Kolonnaden umschlossene Aussichtsterrasse, von wo aus er sein Werk begutachten konnte: den Aufstieg Schaffhausens. Dank seinem Wasserkraftwerk, dem ersten am Hochrhein, dank seiner Seilbahn, der ersten Europas, dank von ihm geförderten Betrieben wie IWC.

Aber dann, Moser war bereits 65 Jahre alt, heiratete er wieder: die 42 Jahre jüngere Baronin Fanny Louise von Sulzer-Wart aus Winterthur. Ein Skandal. Die Kinder aus erster Ehe lehnten die neue Frau ab. Trotzdem ging diese auf Charlottenfels ein und aus und gebar Moser bald eine Tochter, die später als Okkultismus-Forscherin bekannt werden sollte.

Die Baronin floh

Als jedoch Heinrich Moser im Herbst 1874 wenige Tage nach der Geburt einer zweiten Tochter starb, wurde die Baronin des Giftmordes bezichtigt. Und zwar von Henri, einem Sohn aus erster Ehe, der sich mit dem Vater zerstritten hatte und lange als Abenteurer um die Welt gereist war. Es hiess, die junge Frau habe ihrem Mann vor dessen plötzlichem Tod einen männlichen Nachkommen vorgegaukelt, um sich einen grösseren Erbteil zu sichern. Erhärtet hat sich das nie, aber laut der späteren Autobiografie der damals neugeborenen Tochter, die später Kommunistin werden sollte, gab es seltsame Vorfälle. So seien etwa jene Seiten aus dem toxikologischen Bericht verschwunden, die sich mit Mosers Gehirn befassten.

Wie dem auch sei: Die Baronin, damals eine der reichsten Frauen Europas, floh mit ihren beiden Töchtern aufs Schloss Au am Zürichsee, ein anderes Herrenhaus der Superlative. Sie sollte zunehmend unter Armutswahn leiden und später unter einem Pseudonym als Patientin in Freuds berühmten Hysterie-Untersuchungen Weltruhm erlangen. Aus Schloss Charlottenfels machte der Weltenbummler Henri Moser später ein privates Abenteurermuseum. Voller exotischer Trophäen, Waffen, Möbel – und den Geistern der Vergangenheit.

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 08.01.2019, 15:19 Uhr

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