Das Unheil begann mit einem Sportwagen

Sich Geld zu leihen, ist der dümmste Weg, um reich zu werden. Oft führt er direkt in die Armut.

Der Traum vom eigenen Auto kann teuer werden. Es lohnt sich, Kreditverträge genau zu lesen. Foto: Mark Makela («The New York Times»)

Der Traum vom eigenen Auto kann teuer werden. Es lohnt sich, Kreditverträge genau zu lesen. Foto: Mark Makela («The New York Times»)

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Am Anfang steht die Versuchung: Ferien auf den Malediven, neue Kleider, ein grosser Fernseher, dieses tolle Ledersofa. Geblendet vom Wunsch nach ein bisschen Luxus, besorgt man sich Geld, das man nicht hat. Und schon schnappt sie zu, die Schuldenfalle, in der man eine Ewigkeit zappeln wird.

Über zehn Jahre brauchte Marco Fuhrer*, bis er sich wieder freigekauft hatte. Das Unheil begann mit einem Sportwagen, Occasion, nur wenige Kilometer auf dem Tacho. «Kaum eingefahren», sagt Fuhrer. Der Preis: gut 30'000 Franken. «Ich bin Autofan, ich wollte den.»

Die Werbung heizt solche Sehnsüchte an. Spots und Plakate von Kleinkreditfirmen verkünden die frohe Botschaft: «Du kannst alles haben. Sofort.»

Fuhrer war 23-jährig damals, verdiente deutlich weniger als 5000 Franken, wohnte noch bei den Eltern. Am Auto baumelte ein Zettel, der eine Zahlung auf Raten anbot. 400 Franken im Monat, stand dort, 6 Jahre lang. «Im Vertrag waren es plötzlich 600 Franken. Egal. Auch das klang machbar», sagt Fuhrer. Er unterschrieb – ohne den Vertrag richtig gelesen zu haben.

«Das ist typisch», sagt Katharina Blessing, Co-Direktorin der Zürcher Schuldenberatung. «Viele, die einen Kredit nehmen, beachten die Geschäftsbedingungen kaum.» Sie wüssten, wie viel Geld sie bekommen und wie viel sie jeden Monat abliefern müssen. «Die Gesamtkosten des Kredits aber verdrängen sie. Man will das gar nicht genau wissen. Zu stark lockt der Wunsch.»

Die Schulden vermehren sich

Das führt zu brutalen Überraschungen. Fuhrer rechnete damit, seinen Kredit nach sechs Jahren abbezahlt zu haben. Seit er von den Eltern weggezogen war, drückte die Miete zusätzlich aufs Budget. Der Kontostand sackte unter null, bevor der Monat fertig war. Wegen Zahnarztrechnungen hatte Fuhrer den Kredit noch einmal erhöhen müssen. Umso stärker bangte er dem Ende der Autoraten entgegen. Doch kurz vorher machte ihn die Bank darauf aufmerksam, dass er mit den 600 Franken fast nur Zinsen abgetragen habe. Nun wartete ein Betrag von über 40'000 Franken auf ihn. Auf einmal zu zahlen. «Das war ein Schock.»

Durch eine längere Laufzeit und tiefere Monatsraten erhöht sich der Gesamtbetrag des Kredits. Das würden viele nicht begreifen, sagt Blessing. «Sie staunen, dass die Bank so nett ist und ihnen die Monatsrate senkt. Dabei macht diese ein tolles Geschäft.» Oft zahlten Schuldner am Ende rund ein Drittel mehr zurück, als sie ausgeliehen haben.

Fuhrer bettelte bei Eltern und Freunden, versuchte, den Arbeitgeber anzupumpen. Es nützte nichts. Niemand konnte ihm so viel Geld geben.

In solchen Momenten nehmen viele noch mehr Geld auf, bekämpfen Schulden mit Schulden. Irgendwie klappt das, mit neuen Kreditkarten etwa oder Kundenkarten, über die man auf Pump einkaufen kann. Blanca Müller* zum Beispiel, die sich verschuldet hatte, weil ihr Mann arbeitslos war und sie ihrem Sohn durch eine finanzielle Krise half, hatte am Ende beinahe zehn verschiedene Kreditkarten. «So kann man eine Zeit lang die Löcher stopfen. Aber irgendwann erdrücken einen die Zinsen.»

Katharina Blessing weiss von einem Lastwagenchauffeur, der Ende Monat sein Essen immer in der Globus Delicatessa kaufte, obwohl er völlig pleite war. «Nur auf diese Kundenkarte bekam er noch Kredit. Eine absurde Situation.»

Fuhrer entging der Versuchung, sich weiter zu verschulden. Stattdessen bat er bei der Caritas Zürich um Hilfe. Die Beraterin durchkämmte sein Budget nach überflüssigen Ausgaben. Und sie fand einen Fehler im Vertrag, wodurch sich der offene Restbetrag verringerte. Weitere vier Jahre lang musste Fuhrer jeden Monat 700 Franken abliefern, bis zum 1. Dezember 2016. Dann hatte er ­alles abbezahlt. Schuldenfrei, erstmals seit über zehn Jahren. «Das war wie eine Wiedergeburt. Jetzt kann ich wieder ausgehen, mir ab und zu einen Blödsinn kaufen, die Steuern direkt zahlen.»

Nicht allen gelingt es, sich mit Ausdauer und Disziplin zu sanieren. Blanca Müller ertrank fast in den Rechnungen, alle Forderungen zusammen beliefen sich auf über 70'000 Franken. Die Schuldenberatung Kanton Zürich, an die sie sich gewendet hatte, riet ihr, Privatkonkurs anzumelden. Damit verliert man das ganze Vermögen; gleichzeitig befreit man sich von der Lohnpfändung oder den Ratenzahlungen. Die Forderungen bleiben jedoch bestehen. Falls Müller zu neuem Vermögen kommen sollte, können die Gläubiger erneut ihr Geld zurückverlangen. «Trotzdem bin ich erleichtert. Ich lebe, ohne von Mahnungen erdrückt zu werden.»

Ein hoch verschuldetes Leben bedeute vor allem Stress, sagt Katharina Blessing. «Ständig kommen Rechnungen, ständig vereinbart man neue Raten.» Viele Verschuldete würden nach langem, vergeblichem Kampf irgendwann aufhören, ihre Briefe zu öffnen. In diesem Fall klingeln bald die Betreibungsbeamten an der Haustüre. «Einige halten den ständigen Druck nicht aus und werden krank», sagt Blessing. Dadurch verlieren sie ihren Job, die Negativspirale dreht sich noch schneller.

Manche machen einfach weiter

«Man muss ununterbrochen priorisieren», sagt Fuhrer, «ausrechnen, was man wann unbedingt zahlen muss und was warten kann.» Jede unerwartete Ausgabe stosse einen ins Nichts. «Ich bin oft fast verzweifelt, sah keinen Ausweg.»

Hinzu komme die Angst, sich zu blamieren. Er habe seine Schulden lange verborgen gehalten. Dazu erfand er immer neue Ausreden, warum er die Kollegen nicht in den Ausgang begleiten konnte; warum er beim verlängerten Wochenende in Grindelwald fehlte. «Das macht einsam. Aber ich schämte mich.»

Blanca Müller sagt, dass ihr die Schulden nächtelang den Schlaf raubten. «Man sucht nach einer Lösung. Immer wieder. Aber es gibt keine.»

Nach dem Überwinden einer Schuldenkrise würden die Leute unterschiedlich reagieren, sagt Blessing. «Manche leasen gleich wieder ein Auto und fallen erneut hinein. Manche ändern sich. Die sind dann extrem glücklich.»

Um sich langfristig von Schulden zu befreien, müssten Schuldner ihr Verhalten anpassen, sagt Barbara Mantz, Schuldenberaterin bei der Caritas Zürich. Sonst nütze alle Hilfe nichts. «Sie müssen sich an ein günstigeres Leben gewöhnen. Darauf arbeiten wir hin. Doch es braucht Zeit, alte Verhaltensmuster loszuwerden.» Dabei gehe es oft um banale Dinge, sagt Katharina Blessing: «Zum Beispiel zusammen mit den Kindern kochen, statt immer vor dem Fernseher Pizza vom Kurier zu essen.»

Die Armen trifft es weniger

Fast alle können in den Schuldenstrudel geraten, sagt Blessing, vom Handwerker bis zur Professorin. Häufig geschieht dies jungen Erwachsenen, die zu Hause wohnen. Dank tiefen Fixkosten erhalten sie hohe Kredite. «Kaum ziehen sie aus, wird es sehr eng.» Auch Menschen mit Migrationshintergrund, die im Heimatland ein Haus bauen, seien betroffen. Nur die ganz Armen erwische es selten. «Sie bekommen gar keine Kredite.»

Marco Fuhrer sagt, er habe seine Lektion gelernt. «Es war eine Jugendsünde. Das kommt nicht wieder vor.» Er versuche auch, Kollgen vom Leben auf Pump abzuhalten. Leider habe kürzlich einer den «gleichen Scheiss» gemacht, obwohl er ihn eindringlich gewarnt hatte.

Mehr als zehn Jahre lang büsste Fuhrer für einen einzigen Fehlentscheid – gefällt aus Übermut, Gier und Unwissen. Er will nun sparen, um sich ein Polster anzulegen für schlechtere Zeiten. «Erst dann bin ich beruhigt.»

*Namen geändert

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2017, 21:42 Uhr

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Die Zürcher Schuldenberatungsstelle, ein Verein finanziert vom Kanton und den Gemeinden, betreut pro Jahr rund 420 neue und 140 bisherige Klienten, die Probleme mit Schulden haben. Die Caritas Zürich bietet eine ähnliche Dienstleistung an. Im Jahr 2016 hat sie 227 Menschen unterstützt. Neben Luxuswünschen führen oft Scheidungen, Arbeitslosigkeit oder Überforderung zu einer Verschuldung. Die Beratungsstellen überprüfen auch, ob sich die Kleinkreditfirmen bei der Kreditvergabe an die Vorschriften halten. Das sei immer noch zu häufig nicht der Fall, heisst es bei den Expertinnen. (bat)

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