Der Bambus-Alchemist

Womit bauen wir Städte, wenn der Stahl knapp wird? Der ETH-Assistenzprofessor Dirk Hebel bringt Bambus ins Spiel. Seit zwei Jahren forscht er an diesem Material.

Dirk Hebel denkt heute über die urbanen Fragen von morgen nach. Foto: Sabina Bobst

Dirk Hebel denkt heute über die urbanen Fragen von morgen nach. Foto: Sabina Bobst

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1367 beschlossen die Florentiner, ein Luftschloss zu bauen. Eine Kuppel für den Dom. Sie sollte alle in den Schatten stellen, die bis dahin gebaut wurden. Das war der Plan. Es blieb ein Plan, auch 50 Jahre später noch. Der Duomo stand nun im Rohbau, im Innern aber klaffte ein Loch. Man wusste nicht, wie man das himmlische Gewölbe konstruieren sollte.

Dirk Hebels Geschichte lässt sich ähnlich verstehen. Als er 2012 nach Singapur ins Future Cities Laboratory der ETH berufen wurde, um über die Städte der Zukunft nachzudenken, beschäftigte ihn eine Frage: «Mit welchen Materialien bauen wir diese Städte?» Das Eisen für den Stahl ist begrenzt, und den Sand für den Beton gibt es auch nicht mehr wie am Meer. Allein Marokko hat wegen des Betonhungers bereits die Hälfte seiner Strände verloren.

Die Florentiner fanden ihre Antwort in antiken Bauten, Dirk Hebel fand seine in der Literatur: die Pflanze, die wächst, wo die Megacitys wuchern – in Lateinamerika, Afrika und Asien. Bambus!

Die Expo-Wolke mitkonstruiert

Bambus statt Stahl? Damit hatten sich Forscher bereits früher beschäftigt. Die Studien wurden in den 60er-Jahren abgebrochen: In den USA hatte man Gebäude mit bambusarmiertem Beton gebaut, die wenig später zusammenkrachten. Der Bambus hatte sich mit Wasser vollgesogen und den Beton gesprengt. Hebel fragte sich: «Wie lässt sich die Pflanze behandeln, damit sie nicht mehr quillt?»

Wir sitzen im Kafi Schnaps. Jenem Lokal, das Metzgerei war und Wipkingens Wandel zum Trendquartier miteinleitete. Mit seinem Schal erinnert Hebel an die «Generation Golf». Jene deutsche ­Altersgruppe, welche mit der Politik abschloss, um sich dem Konsum in die Arme zu werfen. Hört man ihm aber zu, klingt er nach Subkultur. Nach einem, der aus dem Mainstream abtauchte, um neue Welten zu suchen. In Yverdon fand er sie. Hebel war einer der Macher der Wolke, jenes ebenso kritisierten wie bewunderten Pavillons der Expo.02.

Nach seinem Master in Princeton hatte der Mann aus dem Hunsrück bei Diller Scofidio angeheuert. Heute eines der grössten Architekturunternehmen der USA, damals ein 4-Mann-Büro, das in New York kaum an Aufträge kam. Dafür beschäftigte man sich mit Theater, Bühnen und sammelte so ein immenses Wissen über das Wesen anderer Räume. Auf der Arteplage in Yverdon begann es zu blühen. Es veränderte Dirk Hebels Denken. Weil sich Nebel nicht konstruieren liess wie ein normales Gebäude. Weil er stattdessen Tage mit Nebelwissenschaftlern verbrachte. «Der Trick war, ein Mikroklima zu erzeugen» – um den Herbst im Sommer zu simulieren. In Singapur griff er auf die Erfahrung zurück.

Finanziert wird das Future Cities Laboratory vom Stadtstaat, der Forscher aus aller Welt eingeladen hatte, um heute über urbane Fragen von morgen nachzudenken. Als Hebel Bambus ins Spiel brachte, schüttelte man den Kopf. Aus solchen Hütten komme man. Dahin wolle keiner zurück. Seine Reaktion war eine kosmetische. Er strich das «B»-Wort und sprach nur noch von Composite-Fiber, und dann begriff man: Dem ETH-Assistenzprofessor ging es nicht um die Pflanze. Es ging ihm um deren Eigenschaften und die Frage, wie sich diese übertragen liessen. Wie bei der Wolke suchte Hebel Rat über die Disziplinen hinweg. Er sprach mit Chemikern, Biologen. Er besuchte in China Fabriken und betrieb, was man den Chinesen vorwirft: Industriespionage. «In milder Form aber nur», schwächt Hebel ab und lacht.

Der Mann ist zwar auf einer Mission, aber er träumt nicht von einer Welt in Bambus. Als Architekt will er Räume schaffen, die auf soziale und kulturelle Bedürfnisse reagieren, als Forscher alternative Baumaterialien entwickeln und als Hochschullehrer einen Automatismus knacken: dass 98 von 100 Architekten an Stahl und Beton denken, wenn sie vor einem Entwurf stehen. Er selber war da nicht anders. Auch er liebte Beton (und liebt ihn noch heute). Auch er träumte davon, ein berühmter Architekt zu werden – wie die anderen 340 Studenten, die 1990 erstmals im ETH-Hörsaal Platz nahmen. «Zwei von Ihnen werden es schaffen.» So habe sie der Professor begrüsst. Nicht wenige hätten sich dann wohl gefragt, wer der andere sei.

Hebel schmunzelt. Ihn zog es bald in eine andere Richtung. Er realisierte, dass Bauen weit über das Physische hinausging. Dass man auch Ideen bauen kann, pädagogische Konzepte. Mit diesem Rucksack reiste er in die USA. Als er 2002 zurückkam, gründete er ein Architekturbüro, war Assistent an der ETH und trieb die Frage der Materialität in weitere Sphären. Er konstruierte Bauelemente aus PET-Flaschen und landete selber 2009 auf dem Boden – in Äthiopien. Das Land, das bei 80 Millionen Einwohnern gerade 40 Architekten pro Jahr ausbildete, hatte ihn eingeladen, eine neue Universität aufzubauen. Hebel erfuhr, wie schwer es war, überhaupt Baumaterial aufzutreiben. «Unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe wurde die Stahl-Beton-Technologie eingeführt, was das Land komplett abhängig vom Weltmarkt machte.» Die Erfahrung prägte ihn, und seither stellt er sich die Frage nach dem Material für den Städtebau.

Material noch besser begreifen

Seit zwei Jahren ist der 43-Jährige mit einem kleinen Team daran, aus Bambus Stahl zu machen. Low Tech, weil High keinen Sinn ergebe, und inzwischen sind die Zürcher Tüftler am Punkt, wo die Grundlagen- in die Produktforschung übergeht. Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) und einen Industriepartner hat man an Bord, denn über Bambus schüttelt keiner mehr den Kopf. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und auch Singapur selber forschen nun in Hebels Richtung, mit deutlich mehr Personal. Das Ding sei heiss, sagt Hebel. Aus der Ruhe bringen lässt er sich deswegen nicht.

Lieber will er das Material noch besser begreifen. Verstehen, wieso die Fasern in den einen Experimenten die Zugfestigkeiten von Stahl weit übertreffen und wieso sie es in anderen nicht tun. Und er will eine Vorstellung davon bekommen, wie dieses neue Baumaterial aussehen könnte. «Es ist wie beim Auto», sagt er. «Die ersten sahen aus wie Kutschen, weil man sie sich anders nicht vorstellen konnte.» Gelingt das alles, wäre die Stahlfrage beantwortet. Bliebe der Beton. Hier tut sich die Wissenschaft noch schwerer. Doch es gibt Ansätze. Hebel erzählt von einer US-Forscherin, die Backsteine aus Wüstensand fabriziert. Aus Wüstensand, den Bakterien zuvor verklebt haben. Von anorganisch zu organisch – es wäre ein Paradigmenwechsel, schwärmt Dirk Hebel. In seinem Kopf hat er ihn wohl längst vollzogen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2014, 18:32 Uhr

Visionärer Zürcher Kopf

Dirk Hebel(43) ist Assistenzprofessor für Architektur und Konstruktion an der ETH Zürich und am Future Cities Laboratory in Singapur. Für Letzteres beschäftigt er sich wissenschaftlich mit alternativen Baumaterialien.

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