Der Doktor und die Faust

Zwei Zürcher Brüder haben Karriere gemacht. Der eine als Boxer, der andere als Mathematikdozent. Warum wählen Geschwister so verschiedene Lebensläufe?

Beim einen sitzt der Schlag, beim anderen das Jackett: Matthias (l.) und Christoph Luchsinger im Box Club Zürich. Foto: Sabina Bobst

Beim einen sitzt der Schlag, beim anderen das Jackett: Matthias (l.) und Christoph Luchsinger im Box Club Zürich. Foto: Sabina Bobst

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Vier schwere Sandsäcke hängen an der Decke, einer liegt am Boden. Wimpel von überall: Algerien, Russland, DDR, Karlsruhe-Knielingen. Die Luft ist leicht muffig. Ein Bild zeigt den Boxer ­Nikolai Sergejewitsch Walujew. Der 2,13-Meter-Riese trainierte hier vor zehn ­Jahren, als er im Hallenstadion gegen Evander Holyfield seinen WM-Titel verteidigte.

Wir befinden uns im Box Club Zürich an der Zentralstrasse, mitten in Zürich. Zwei Brüder stehen im Ring. In der einen Ecke Christoph Luchsinger (50), Mathematikdozent an der Uni Zürich und ­ehemaliger FDP-Gemeinderat. In der anderen Ecke Matthias Luchsinger (58), Akkordmaurer und ehemaliger Deutschschweizer Meister im Halbschwergewicht. Zusammen mit einer Schwester und einem weiteren Bruder sind sie in Schmerikon und Männedorf aufgewachsen.

Es ist lange her, dass sie sich im Box Club Zürich getroffen haben. Für Matthias Luchsinger ist er ein zweites Wohnzimmer. Zwischen 1999 und 2013 amtierte er als Cheftrainer im Box Club Zürich, seit sechs Jahren ist er Sportchef. 24 Schweizer Meister hat er ausgebildet. Stolz zeigt er auf einen riesigen Pokal. «Das ist der Mannschaftsmeisterpokal, den ich als Cheftrainer mit dem Team zusammen fünfmal gewonnen habe. Jetzt gehört er uns.» Damals hofften andere Trainer bei der Auslosung jeweils, nicht gleich im ersten Kampf auf einen Zürcher zu treffen. «Da war dann schnell mal Endstation!»

Sie hatten dieselben Studenten

Christoph Luchsinger schmunzelt. Er trägt einen Sakko und eine Rundbrille. So könnte Harry Potter einmal aussehen. Die Schnittmenge zwischen dem Unidozenten und dem Boxtrainer ist grösser, als man denkt. Christoph Luchsinger erzählt von ehemaligen Studenten, die am Morgen zu ihm in die Vorlesung kamen und am Abend zu seinem Bruder ins Training gingen.

Zu Vorlesungen des Dozenten traben viele Studierende an, die Mathematik als ungeliebtes Pflichtfach besuchen müssen. Trotzdem schaffte er es in die Vorwahl des «Credit Suisse Award for Best Teaching», wurde aber nicht Erster. Es reichte immerhin für ein feines Essen mit dem Rektor.

Zu Matthias Luchsinger kamen in der Regel motivierte Schüler. Häufig reichte das aber nicht für die grosse Karriere, und so musste der Boxlehrer Klartext reden: «Du wirst kein Wettkampfboxer. Höchstens Fitnessboxer.»

Er boxt wegen Rocky Balboa

Pünktlichkeit, Sauberkeit, Höflichkeit. Matthias Luchsinger forderte von seinen Schützlingen viel ab. Damit wurde er für sie zu einem zweiten Vater. Probleme mit der Freundin oder dem Lehrmeister landeten bei ihm. «Ich wusste oft mehr über die Jungs als ihre Mütter.»

Heute ist er Sportmanager bei Swiss Boxing und kümmert sich unter anderem um die Wettkampfkoordination der ­Nationalmannschaft. Plötzlich blitzen seine Augen auf. Grund: Angel Roque. Einer der talentiertesten Boxer, den es in der Schweiz je gegeben hat. Dreimal Schweizer Meister. Matthias Luchsinger hat ihn bis 2013 trainiert. «Mit 17 hatte dieser Junge in der Schweiz bereits alle geschlagen.»

Matthias Luchsinger ist ein Lehrer, der ­Boxtalente erkennt. Christoph Luchsinger hatte das Glück, dass er Lehrer hatte, die sein Talent erkannten.

Danach ist mit Angel einiges nicht richtig gelaufen. Die Funktionäre und andere Trainerkollegen hätten Luchsinger gesagt: «Wenn du diesen Roque weiter trainiert hättest, wäre er jetzt ein ganz Grosser.» Der alte Boxtrainer will dieses Versäumnis nachholen. Bald wird er mit Angel Roque wieder intensiver zusammenarbeiten. Das könnte ein toller Filmstoff sein und erinnert an die Handlung von «Rocky III».

Dass Matthias Luchsinger überhaupt mit dem Boxen angefangen hat, hat auch mit der «Rocky»-Saga zu tun. Die Filme haben einen unauslöschlichen Eindruck beim Heranwachsenden hinterlassen. Er hat sie alle gesehen. Im Männedörfler Kino Wildenmann.

Erleuchtung im Unterricht

Bei Christoph Luchsinger war es kein Film, sondern eine Unterrichtsstunde, die alles veränderte. Der kleine Christoph war in der Schule kein Überflieger und wäre fast in der Realschule gelandet. Er traf aber immer auf gute Lehrer, die sein Talent erkannten und ihn ­förderten. Er kam aufs Gymnasium und gehörte bald zu den Besten. Nüchtern erzählt er: «Mitten in einer Mathematikstunde hörte ich eine innere Stimme: Ich werde Mathematik studieren.»

Die beiden Brüder können über alles reden. Nur als die Rede auf die Familie kommt, werden sie einsilbiger. «Das ist privat.» So viel wird dann doch klar: Die Familie Luchsinger ist eine Familie der Gegensätze. Da gibt es von der Mutterseite einen englischen Onkel. Anfang der 1950er-Jahre war er bei den Luftlandetruppen in Ägypten stationiert. ­Matthias Luchsinger sagt stolz: «Unser Onkel ist in Ägypten Militärboxmeister geworden!»

Ganz anders der Vater. Ein Übersetzer, der acht Sprachen sprach, Kommunist und Pazifist. In den frühen 1950er-Jahren hat er mitten im Koreakrieg den Militärdienst verweigert, als die Angst vor einem dritten Weltkrieg die Welt erzittern liess. Nach seinem Tod haben die Kinder die Kommode geöffnet. In einer Schublade lagen Liebesbriefe der Mutter und die Verurteilung des Divisionsgerichts 6 zu mehrmonatiger Haft.

Früher haben sich die Geschwister noch häufiger getroffen. Christoph Luchsinger besuchte manchmal die Boxkämpfe seines Bruders. Als er den Doktor in Mathematik machte, übergab er seinem Bruder seine Doktorarbeit – «Mathematische Modelle zur Ausbreitung einer parasitären Krankheit (Bilharziose)». Matthias Luchsinger sagt: «Ich habe die Blätter kurz angeguckt und dann weggelegt.» Der Zahlenmensch Luchsinger hingegen spricht drei Sprachen fliessend, liest jede Woche ein Buch und vertieft sich gern in philosophische Schriften.

Christoph Luchsinger denkt häufig darüber nach, warum er und seine Geschwister so verschiedene Lebensläufe gewählt haben. Der zweite Bruder ist Imker geworden, die Schwester Pflegefachfrau. «Wahrscheinlich, um uns keinem direkten Wettbewerb innerhalb der Familie auszusetzen. So wählte jeder unbewusst seine Nische.»

Erstellt: 19.06.2019, 18:36 Uhr

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