Der Letzte schreibt die Kür

Wer sagt, dass fette Buchstaben bloss leere Botschaften transportieren? Drei Zürcher haben den Phrasendrescher Boldomatic entwickelt. Dessen Resultate zeigen sich derzeit am Hauptbahnhof.

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Die guten Ideen erscheinen, wenn es Nacht wird.


«Ich mag Nächte. Einige meiner besten Tage waren Nächte.» Beitrag auf Boldomatic.com


Die guten Ideen erscheinen seit Montag und noch bis Ende nächster Woche täglich nach 20 Uhr am Hauptbahnhof auf dem riesigen Screen in der Haupthalle. Es sind Beiträge, die auf Boldomatic veröffentlicht worden sind, einer Plattform, die drei Zürcher entwickelt haben.

Die Idee für Boldomatic fiel in eine Zeit, in der bei der Agentur Nerves im Zürcher Kreis 6 beinahe täglich von Unbekannten eine Anfrage der Sorte «Ich habe eine Idee. Damit werden wir garantiert reich» einging. Für solche Anfragen hatten die Gestalter und Programmierer Raphael Krastev und Dan Krusi, die sich schon früh mit Apps für Smartphones auseinandersetzten, eine standardisierte Antwort-Mail zur Hand: Herzlichen Dank; mit Interesse gelesen; keine Kapazität; viel Erfolg.


«Ich habe eine grossartige Idee, reich zu werden. Alles, was wir brauchen, ist eine Menge Geld.»


Die Anfrage von Steffen Schietinger war da anders. Er hatte eine Idee, mit der man vielleicht einmal Geld verdienen kann, aber nicht unbedingt reich wird. Und doch waren Krusi und Krastev ­begeistert.

Schietingers Erkenntnis war so naheliegend wie banal: Um in sozialen Medien Aufmerksamkeit zu erregen, reicht Text allein (und mag er noch so geistreich sein) nicht aus. Das Bild dominiert. Das war bei Facebook schon immer so, bei Twitter ist es immer mehr so. Und hier hilft Boldomatic: Die App macht Text sichtbar. Wer zum Beispiel einen Boldomatic-Beitrag auf Facebook einbettet, wird gelesen – es ist das digitale Post-it, das nicht übersehen werden kann. 4000 Programmierstunden und zwei Jahre später zeigt sich: D i e Welt hat vielleicht nicht auf Boldomatic gewartet. Eine kleine Welt hingegen schon. Mehr als 100'000 registrierte Nutzer aus 170 Ländern, mehr als 500'000 Posts ­online. Tendenz steigend.


«Bevor es Boldomatic gab, schrieb ich meine Gedanken auf Zettel und warf diese Wildfremden nach.»


Sonst funktioniert Boldomatic nach den Regeln von Social Media. Man kann Beiträge verfassen, Autoren folgen und Beiträge bewerten. Nutzer buhlen um Aufmerksamkeit, in dem sie «Headlines speuzen», wie es Krastev ausdrückt. Und so tummeln sich auf Boldomatic Leute, die Freude an Texten, an der Sprache und am Spiel damit haben.


«Stil ist nicht das Ende des Besens.»


Boldomatic ist ein typisch schweizerisches Produkt. Minimalistisch, reduziert, clean. Sowohl in der Anwendung als auch im Design. Ein einziger Schrifttyp, in Schwarz oder Weiss, der sich mit der Länge des Textes automatisch skaliert. Wirkung erzielt man durch Inhalt – und eine knallige Hintergrundfarbe.

Bleibt die Frage, wie man mit Boldomatic doch noch Geld verdient. Die App ist kostenlos und – zumindest im klassischen Sinn – werbefrei. Ein Weg ist der Shop mit Produkten, auf die Sprüche nach Wahl gedruckt werden können. Ein weiterer wäre, Boldomatic als Marketinginstrument zu benutzen, in einer Form von Native Advertisement, als Werbemittel also, das nicht sofort als Werbung auffällt. So wie bei der Anzeige im HB. In einem Wettbewerb hat Boldomatic den besten Werbespot für das grosse Display in der Halle gesucht. 400 Vorschläge gingen ein. Der Sieger? Siehe Bild.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2014, 20:12 Uhr

Grosse Buchstaben für grosse Aufmerksamkeit: Dan Krusi, Raphael Krastev und Steffen Schietinger (v. l.). Foto: Dominique Meienberg

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