Der Mann mit dem Lötkolben

Styro 2000 wird 50. Der DJ hat die Technokultur Zürichs geprägt wie kaum ein anderer. Eine Festrede.

An der elektronischen Schaltzentrale: Styro2000 (l.), hier mit DJ Bang Goes, sein Kompagnon von der «Galoppierenden Zuversicht».

An der elektronischen Schaltzentrale: Styro2000 (l.), hier mit DJ Bang Goes, sein Kompagnon von der «Galoppierenden Zuversicht». Bild: Nathalie Brunner

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Lieber Styro

Morgen ist dein 50. Geburtstag, seit 30 Jahren trägst du als DJ zum Lebensgefühl unserer Stadt bei. Gibt es dafür den Zürcher Kulturpreis? Oder wenigstens ein Quartierweglein in Schwamendingen, das nach dir benannt wird? Fehlanzeige. Also liegt es an uns, dich öffentlich zu ehren – auch wenn dich das wohl in Verlegenheit bringt.

Wo anfangen? In den frühen 90ern mit den Kisag-Kollektiv-Partys? Oder mit jenen in der Wohlgroth, der grössten Hausbesetzung in der Schweizer Geschichte? Im Rohstofflager? Bei der ­Sauvage im Engetunnel? An der ersten Lethargy 1993, die du mitgegründet hast und als Kommentar zu den aufstrebenden Megaraves «Gigantomania 4.5» nanntest? Das renommierte Festival für elektronische Avantgarde ist heute aus Zürich nicht wegzudenken.

Du bist eine Zürcher Marke: halb Ingenieur, halb Punk. Unser Mann an der alternativen Techno-Schaltzentrale, die dünnen Beine in den schwarzen Jeans stets im Gleichtakt mit der kickenden Musik. Eine deutsche Musikzeitschrift schrieb über ein Stück von dir, dass es «schön abstrakt mit kantigem Klöppeln vor sich hinrollt, als gelte es, aus Quadraten Seifenblasen zu bauen». So geht es uns mit dir auf der Tanzfläche. Und wenn du die harten Bretter zückst, ist es gerade umgekehrt.

So wie gute Autoren und Schreiber einen eigenen Stil haben, hast du einen unverkennbaren Sound. Heute, wo jeder ein bisschen DJ ist, keine Selbstverständlichkeit! Umso mehr freut uns eine Konstante im Nachtleben. Jemand, den man immer wieder hinter dem Mischpult sieht, auch wenn man ein paar Monate – ach: Jahre – nicht an einer Party war. Das ist dann, wie ins Dorf der ­Jugend zurückzukehren und zufrieden festzustellen, dass das Graffito an der Bahnhofswand immer noch dort ist.

Ja, die Zeit! Für DJs fliegt sie besonders schnell. Mit jedem Jahr bringt sie das Miteinander, das eine gelungene Party ausmacht, ein bisschen aus der ­Balance. Hier das junge Publikum, dort der alternde Unterhalter. Doch du kennst die Lösung: Wer seine Jugend bewahren will, braucht nur seine Streiche zu wiederholen. Zum Beispiel den Engetunnel nochmals besetzen, wie letztes Jahr geschehen.

Klar, die Polizei hat nicht immer Freude an deinem Tun. Doch «mit der Polizei ist es immer schwierig», wie du in einem Interview sagtest. Dabei bist du ein höflicher Bürgerschreck. Wenn die Beamten an einer illegalen Veranstaltung aufkreuzen, pöbelst du nicht, ­sondern gibst lachend Forfait: «Bis zum nächsten Mal.» Und einer musste sich schliesslich gegen Absurditäten wie die Bedürfnisklausel oder Esther Maurers Neo-Zwinglianismus wehren. Das kann man als Kampf für mehr «kulturelle ­Freiräume» deklarieren. Du würdest es wahrscheinlich als «ein bisschen Lärm machen und ein paar Leute ärgern» ­sehen.

Letztlich geht es dir, traumatisiertes Kind der verkopften 80er-Subkultur, um eins: Spass. Kein Wunder, sind dir viele berühmte Technoexponenten mit ihrem Hang zur kulturellen Selbsterhöhung ein Gräuel. Also sah man dich am Scooter-Konzert tanzen oder mit einem DJ‑Tatana-T-Shirt auflegen. Fragen, ob 9/11 für Techno eine Zäsur bedeutete, ­lächelst du gnädig weg. Zwar könntest du stundenlang kompetent über Jugend­bewegungen und Technokultur reden. Die Metaebene bespielst du aber lieber anders – wie damals in der Dachkantine, wo du vom nimmersatten Afterhour-Habitus der Besucher so gegängelt ­wurdest, dass du später eine Frauenstimme auf Platte banntest: «Styro, wo gaats no wiiter?»

Die Antwort darauf hast du letzthin selber ins Netz gestellt: «Ich nimme no en Kafi Creme» singst du über einem ­fiependen Track zur Melodie von «Campari Soda». Als ironischen Plattenleger DJ Styropor lernten wir dich ja ursprünglich kennen. Schmonzetten spieltest du, Kajagoogoo zum Beispiel. Und als Udo Jürgens 1993 im «Blick» befand, dass «Techno die Jugend kaputt macht», fertigtest du einen Remix von «Aber bitte mit Sahne» an.

Schalk und Humor: Das macht oft auch die gute Party und den überzeugenden Technotrack aus. Vor allem, wenn dazu ein technologisches Know-how kommt, wie es kaum ein anderer DJ besitzt. Unvergleichlich, wie du dich über ein selbst gebasteltes Arsenal von Klang­erzeugern beugst, eine Lampe auf der Stirn, zusammen mit Bang Goes, deinem Compagnon von der «Galoppierenden Zuversicht». Zwei futuristische Höhlenforscher, die für ein grosses Rattern und Raunen – und dann Staunen sorgen: Aha, ein Liveset kann auch rocken.

So viel Groove blieb ausserhalb von Zürich nicht unerkannt. Immer wieder rufen Berlin, Peking, Montreal oder ­andere Metropolen. Da gehst du dann für ein paar Auftritte hin. So unbürgerlich der Lebenswandel, am wohlsten ist es dir jedoch, wie den meisten Schweizern, zu Hause. Wo man sich kennt. Wo Partys wie Familienzusammenkünfte sind. Geradezu helvetisch ist auch die Strategie eines zweiten Standbeins; in deinem Fall die «Defekt»-Reparaturwerkstatt neben der Si-o-No-Bar.

Apropos reparieren: Ist im Hive-Club der Sub-Bass falsch eingestellt, korrigierst du das schnell, keine Frage. Komplizierter war der Fall vor 15 Jahren in Neuenburg: Geburtstagsfest, 200 Leute, viel Lärm. Ein Anwohner verliert die Nerven, stürmt die Party und schmettert das Mischpult auf den Boden. Grosse Konsternation allenthalben. Nach 30 Minuten erklang die Musik überraschend wieder. Du hattest deinen Lötkolben ­dabei. Styroman!

Doch Nostalgie ist eine charmante Lügnerin. Sie macht vergessen, dass früher nicht alle Partys grossartig waren. Ihr zum Opfer fallen DJs, die den Zeiten nachtrauern, in denen sie die neue Musik noch exklusiv für sich und ihre drei Freunde gemacht hatten. Deswegen ist Techno für sie eigentlich seit spätestens 1992 tot.

Du bist auch einer, der den heute allgegenwärtigen Beat und das Zürcher Nachtleben in Gang gesetzt hat. Das hält dich nicht davon ab, weiterzumachen. Warum auch? Die Musik ist besser als je zuvor. Und ab und zu öffnet ein toller neuer Unort, wo man Lärm machen kann. So sehen wir das Jahr 2030, das Jahr deiner Pension, deutlich vor uns: Du spielst im zwischengenutzten Areal, wo einst die in Konkurs gegangene «Neue Zürcher Zeitung» residierte. Der Bass pumpt, das Hi-Hat zischt, die Stirnlampe leuchtet.

Es ist, wie es immer war. Danke!



(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2015, 08:19 Uhr

Styro2000: Cafi Crème

Styro2000: Soft Ice

Styro2000: Fluffy Robot

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