Der Promi-Jäger

Der ­dienstälteste Schweizer People-Journalist, André Häfliger, hat sogar Wladimir Putins Nummer in seinem Handy.

Die Pose, die sonst den Promis vorbehalten ist: André Häfliger zeigt das neue Ogi-Buch. Foto: Samuel Schalch

Die Pose, die sonst den Promis vorbehalten ist: André Häfliger zeigt das neue Ogi-Buch. Foto: Samuel Schalch

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In André Häfligers linker Hosentasche steckt ein Kristall. Heute ist das ganz besonders wichtig. Denn heute trifft Häfliger Adolf Ogi, und von dem hat er den Stein vor vielen Jahren geschenkt gekriegt. Häfliger chauffiert den Alt-Bundesrat vom HB zum Ringier-Medienpark in Altstetten, an die Vernissage des neuen Buches über Ogi. Die beiden sind befreundet. Eine Stunde später sitzt Ogi auf dem Podium vor versammelter Schweizer Alt-Prominenz, und irgendwann kommt das Gespräch auf den Kristall: Kofi Annan, Bill Clinton, Helmut Kohl hätten von ihm einen solchen bekommen, erzählt Ogi. «Nur ausgesuchte Leute.» André Häfliger, der etwas abseits gegen einen Pfosten lehnt und sich auf einem Fresszettel Notizen macht, zählt er nicht auf. Verständlich, Häfliger ist keine Berühmtheit.

Und doch: Der 61-Jährige verbrachte fast sein ganzes Arbeitsleben unter Prominenten. Als dienstältester Schweizer People-Journalist – seit 1988 arbeitet er bei der «Schweizer Illustrierten» und beim «Blick» – verbringt er wöchentlich Zeit an Festival-Eröffnungen, Galas, Buchvernissagen, Konzerten oder Sportanlässen. Und das hier im Ringier-Presseclub ist sozusagen sein Heimspiel. «Normalerweise verteile ich pro Anlass mindestens 20 Visitenkarten. Heute ist das nicht nötig», sagt er. Michael von Grünigen, Franz Steinegger, Matthias Hüppi – er kennt alle, und alle kennen ihn: Häfliger, der Journalist, der stets nachhakt. Wenn eine Beziehung kriselt, sich ein Paar formiert oder eine Schwangerschaft ansteht, fragt Häfliger nach. Dutzende Primeurs hat er in seiner Karriere geliefert. Selten habe jemand einen derart guten Draht zur Schweizer Prominenz, heisst es.

«Ich bin ein Übermittler. Sonst nichts», sagt Häfliger. Aber auch: «Ich bin der Pausenclown.» Das wenig frisierte Etwas auf seinem Kopf und der leicht zu weit geratene Anzug stechen tatsächlich heraus unter den makellosen Promis mit ihren gebleichten Zähnen und frisch gemachten Frisuren.

Pastillen für Parmelin

Als Adolf Ogis Geschichten von der politischen Weltbühne – «freundschaftliche Treffen» mit Jacques Chirac, eine Beerdigung in Begleitung des Kaisers von Japan – zu Ende gegangen sind, mischt sich André Häfliger wieder unter die Leute. Er will ihnen Zitate entlocken, denn in der nächsten «Schweizer Illustrierten» ist eine Seite zu dem Anlass geplant. Häfliger steuert Albert Rösti an, den Präsidenten der SVP. Man klopft sich auf die Schultern, plaudert. Häfliger nimmt dabei eine geduckte Haltung ein. «Ich bin in einer untergeordneten Rolle», sagt er später.

Der Smalltalk wirkt bei ihm aber so naturgewachsen wie seine Augenbrauen. «Meine Tricks sind Anstand und Humor», sagt Häfliger. In selteneren Fällen auch Provokation. Bei Samuel Schmid habe er einmal einen Kokainwitz platziert, und Boris Becker musste sich einen Spruch zu Putzkammern anhören. Es sei wichtig für ihn, Bescheid zu wissen über den Gesprächspartner, um nicht in ein Fettnäpfchen zu treten, sagt er. Persönliche Umstände, Schicksalsschläge, Vorlieben: Häfliger kennt sie. Guy Parmelin bringe er jeweils Halspastillen mit, Alain Berset Mokka-Joghurts. «Ein Geben und ein Nehmen», wie Häfliger es nennt. Dafür kontaktiert man ihn früh, wenn Neuigkeiten anstehen. Häfliger stellt Fragen, Häfliger hört zu. Selten ist es umgekehrt.

Eine Ausnahme an diesem Abend bildet Adolf Ogi, mit dem Häfliger seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden ist. «Endlich ein anderes Thema», sagt der Alt-Bundesrat, auf André Häfliger angesprochen. «Das ist viel wichtiger als alles, was Sie hier sehen.» Er deutet mit der Hand in die Runde. Häfliger sei ein Freund, ein «Herzensguter», und dazu sehr korrekt, sagt Ogi. Er sei für ihn da gewesen nach dem Tod seines Sohnes. Schliesslich erwähnt Ogi Häfligers Professionalität. Niemand habe ein so grosses Netzwerk wie er.

Arbeit und Privates veschmilzt

Dieses zeigt sich eindrücklich in Häfligers Handy, das er bei einer Zigarette auf der Terrasse hervorkramt, und in dem 1200 Nummern von Prominenten gespeichert sind, darunter jene von Arnold Schwarzenegger, Gerhard Schröder oder Wladimir Putin. Daneben Sportler und Politiker, Ex-Missen, Schauspieler, Adlige, CEOs. Häfliger ist mit den meisten per du.

Arbeitswelt und Privates, so viel wird deutlich, sie sind bei Häfliger längst verschmolzen. Als seine drei engsten Freunde nennt er den Verleger Jürg Marquard, den ehemaligen Bobfahrer Hausi Leutenegger und Adolf Ogi – «alles Selfmade-Männer, die ganz unten angefangen haben». Auf vielen Bildern zu seinen Berichten sieht man ihn in freundschaftlicher Verbundenheit mit den Prominenten. Egal, ob José Mourinho, Joe Ackermann oder Christa Rigozzi. Man isst Fondue, wandert oder flitzt im Bob die Eisbahn hinunter.

Die «unangenehme Geschichte»

«Die Schweiz ist klein, ein netter Umgang mit den Promis ist erforderlich», sagt er. Unbequeme Fragen stelle er deshalb nie. «Ich bleibe an der Oberfläche, meine Storys sind Unterhaltung.» Weil er nur das nacherzählt, was vordergründig geschieht, vertrauen ihm die Promis Geschichten an. Er hält sie im Gegenzug im Gespräch. Ein Geben und ein Nehmen. Doch nicht alle suchen Häfligers Nähe. Matthias Hüppi zum Beispiel, der auch zur Buchvernissage angereist ist, sagt, er respektiere zwar Häfligers Professionalität, doch zu dessen «Kontaktnetz» möchte er nicht gehören.

Einmal ist Häfliger zu weit gegangen. «Eine unangenehme Geschichte», wie er sagt. 2002 zitierte er Sepp Blatters Frau Graziella, ohne je mit ihr gesprochen zu haben. Häfliger wechselte daraufhin eine Weile lang zur «Luzerner Zeitung», freiwillig, wie er sagt. Zahlreiche Prominente, darunter auch Ogi, haben sich öffentlich für ihn stark gemacht. Nach ein paar Jahren war er zurück bei Ringier. Ein Häfliger lässt sich eben nicht so leicht ersetzen. Nur, gratis war dieser Status nicht. Die vielen Nachtarbeiten und Wochenendjobs waren mit ein Grund, warum er sich vor mehr als zehn Jahren von seiner Frau getrennt hat. «Als People-Journalist bist du dauernd auf Achse.» Manchmal bereut er das, aber meistens nicht. Sein Leben, das ist nun mal der Ruhm der anderen.

Der Abend im Presseclub, Häfligers Heimspiel, neigt sich dem Ende zu, die Zitate hat er beisammen. Da es schon spät ist, fragt Ogi, ob Häfliger ihn bis zu seinem Wohnort bei Bern chauffieren könne. Klar, kann er. Erst gegen zwei Uhr kommt er bei sich zu Hause an. Der Kristall bleibt über Nacht in der linken Hosentasche. Und am nächsten Tag kommt er in die linke Tasche der frischen Hose. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2017, 22:12 Uhr

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