Der Rap-Chrampfer

Der Produzent Sterneis ist der Pate des Zürcher Mundart-Rap und zieht die Fäden beim Rap-Kollektiv Temple of Speed. Dieses steigt mit einer neuen CD in die sechste Runde.

Sterneis kann böse aussehen. Der Eindruck täuscht gewaltig. Foto: Sabina Bobst

Sterneis kann böse aussehen. Der Eindruck täuscht gewaltig. Foto: Sabina Bobst

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Es fällt schwer, sich einen angenehmeren Gesprächspartner vorzustellen. Der Produzent Sterneis beantwortet Fragen so unaufgeregt und herzlich, als gehörte er einem Mönchsorden an. Da sitzt er, der 44-Jährige, in einem Lokal im Kreis 6, grau melierter Rossschwanz, drei gezöpfelte Spitzbärtchen, Hände so kräftig wie ein Töpfermeister.

Dieser Tage erscheint das sechste Album des Kollektivs Temple of Speed (TOS). Die zusammengewürfelte Truppe von Rappern aus der ganzen Schweiz brauchte für Texte und Aufnahme gerade mal zwei Wochen. Sterneis fungierte von Beginn weg als Produzent. 80 bis 100 seiner Beats versendet er am Anfang des Produktionsprozesses jeweils an die Rapper, 10 davon schaffen es schliesslich aufs Album. Aktuell zählen zum Kollektiv neben dem Kernteam Skor, Tinguely dä Chnächt und Sterneis, das Zürcher Urgestein EKR, Baze aus Bern, Kalmoo aus Basel, der Reggae-Sänger Stereo Luchs und neuerdings der Luzerner Rapper Capo Cris.

Der Erfinder des Züri-Slang

«Der beste Moment ist jeweils, wenn die Mitwirkenden die Sachen der anderen zum ersten Mal hören», sagt Sterneis. «Manchmal passen die Texte auf wundersame Weise zusammen.» Dass alles so reibungslos vonstattengeht, ist auch der grossen Erfahrung von Sterneis zu verdanken.

Seit Anfang der 90er-Jahre ist der Zürcher fester Bestandteil der Schweizer Rap-Landschaft. Er verhalf der Mundart-Rap-Szene, die damals noch überschaubar war, zu einer ersten Blüte: Der Ende der 90er erschienene Sampler «Züri-Släng» bildete eine Art Initialzündung für das Genre, Sterneis produzierte ihn im Alleingang. Darauf vertreten sind Namen wie Bligg ’n’ Lexx, Big Zis oder EKR. «Wir haben uns damals für den Mundart-Rap entschieden, im Bewusstsein, dass die Erfolgsaussichten auf dem kleinen Schweizer Musikmarkt begrenzt sind», sagt Sterneis.

Aus Hörersicht könnte man diesen Umstand positiv werten: Dank diesem kleinen Markt kann es geschehen, dass geballtes Talent – wie es bei TOS zu finden ist – auf einer CD zusammenkommt, ohne dass eine ratternde PR-Maschine das Ereignis begleiten würde. Die Alben jedenfalls verkaufen die Protagonisten für zehn Franken das Stück aus dem Rucksack. Das kann man Underground nennen, noch immer die stärkste Währung im Geschäft mit der Subkultur.

Slang und Selbstreflexion

Dem Hip-Hop ist Michael Kalt, wie Sterneis bürgerlich heisst, über die Jahre treu geblieben. Als DJ bestreitet er Abende in Zürcher Clubs, als Produzent knüpft er auch für junge MCs musikalische Teppiche. Als Solokünstler veröffentlichte er Alben, auf denen er sein Können als Meister der Ton- und Text-Samples vorführt. Dies führte ihn jüngst auf ein neues Tätigkeitsfeld. Zum Spielfilm «Viktoria» des Schweizer Regisseurs Men Lareida («Jo Siffert») steuerte Sterneis den Soundtrack bei. Das Drama, das Ende April in die Schweizer Kinos kommt, dreht sich um eine ungarische Roma, die sich in Zürich prostituiert. Kalt verleiht der Geschichte den passenden urban-düsteren Unterton. «Bei dieser Arbeit entwickelte ich eine gewisse Distanz zum Hip Hop.»

Anders ist es um die aktuelle Veröffentlichung von Temple of Speed bestellt. Wie auf den Vorgängeralben gibts auch bei der sechsten Auflage viel Wortwitz, direkte Sprache und oppulente Beats, neuerdings gesellt sich zum Strassen-Slang auch vermehrt die Selbstreflexion. «Das Unfertige macht nach wie vor den Charme dieses Projekts aus», sagt Sterneis. Seine Handschrift ist auf der aktuellen CD unverkennbar: Es ist der Soul und die Wärme in diesem sorgfältig getakteten Sound. Sie passt zu diesem freundlichen, ewigen Chrampfer des Zürcher Rap.

Temple of Speed «10 Tracks – Vol. 6» erscheint am 30. Januar. Release-Party: 31. Januar, Exil,
www.bakara.ch
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2015, 18:11 Uhr

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