Der Sound im All läuft auf Minus 8

Die Nasa zeigt demnächst Weltraumaufnahmen in nie da gewesener Bildqualität. Vertont werden die Filme vom Zürcher Soundproduzenten und DJ Robert Jan Meyer.

Nasa-Sound: UHD-Trailer mit dem Minus-8-Song «Zero G». Video: Vimeo


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Beginnen wir mit drei Vorbemerkungen, von denen mindestens zwei einigermassen überraschen dürften.

1. Nicht jedes Unternehmen, das sich mit Astronomie beschäftigt, bezahlt für externe Mitarbeit automatisch astronomische Gehälter.

2. Filmbilder kann man musikalisch vertonen, ohne dass man sie sieht.

3. Der im Titel zu lesende Begriff Minus 8 beschreibt nicht die per Plattenspieler-Regler manuell um acht Stufen reduzierte Drehgeschwindigkeit einer Vinylplatte, es ist vielmehr der Künstlername des Zürcher DJ und Soundproduzenten Robert Jan Meyer.

Gerade diese letzte Klarstellung wäre wahrscheinlich nicht unbedingt nötig gewesen, immerhin ist der studierte Architekt seit 20 Jahren im Musikbusiness. In dieser Zeit hat er sechs Studioalben und einen Filmsoundtrack («Viktor Vogel – Commercial Man» mit Götz George) eingespielt, sich auf populären Compila­tions wie «DJ Kicks», «Hôtel Costes» oder «Café del Mar» verewigt, in Montreux und am Roskilde Festival aufgelegt, an der ultimativen «Energy»-Party 2013 das Hallenstadion gerockt (oder eher: «gehoust») und auf Radio 1 eine Show betreut. Kurz: Aufgeweckte Leser sind Robert Meyer alias Minus 8 bestimmt mal irgendwann irgendwo begegnet.

Die letzte Begegnung, die wir mit ihm hatten, fand am Montag statt, es ging um die obigen Vorbemerkungen oder konkret: um die Weltraumbehörde Nasa, für die der Bruder von «Technopapst» Arnold Meyer jüngst atemberaubende Bilder aus dem Space vertonen konnte.

Der Spaceman: Robert Meyer alias Minus 8 in der Sternwarte Urania. Foto: Thomas Egli

Beim Eintreffen wirkt er etwas müde, obwohl es bis zum Mittagessen nur noch eine Stunde hin ist. Er sei kein Frühaufsteher, gesteht Meyer, zudem habe er am Samstag an einem Firmenevent neun Stunden am Stück aufgelegt, «so was hinterlässt Spuren». Doch der Espresso tut sein Bestes, so sind wir nach wenigen Minuten schon mitten in der Geschichte, und die beginnt in Meyers Teenagerzeit.

Jobs vom «Rockerkumpel»

Damals war er – man mag es bei seinem aktuellen, stilbetonten Look kaum glauben – Mitglied einer Gruppe von Heavy-Metal-Verrückten, «mit langer Mähne, Lederjacke und allem, was in diesem Milieu sonst noch angesagt war». Er lacht. Und betont, die Episode sei deshalb wichtig, weil auch sein damaliger Kumpel Joel Marsden dieser Langhaarbande angehörte habe – «und dank Joel habe ich letztlich diesen Nasa-Auftrag bekommen». In den Jahrzehnten zwischen Motörhead- und Nasa-Sound gingen die zwei Jugendfreunde zwar äusserst ungleiche Wege, sie hielten aber stets Kontakt, «und dabei gings immer häufiger um die Zusammenarbeit», so Meyer.

Grund dafür war Marsdens Karriere in der Welt der laufenden Bilder. Er absolvierte die Filmschule in New York, danach dislozierte er nach Los Angeles und in die Werbefilmbranche, von da zog es ihn nach Madrid, wo er einen preisgekrönten Animationsbeitrag zum 400. Geburtstag von Don Quijote realisierte, dann gings zurück in die Stadt der Engel, um von da das gigantische Dokfilm­unterfangen «World Vote Now» zu koordinieren (bei dem er zwischen 2001 und 2009 in 26 unterschiedlich politisierten Ländern nach der «Demokratie» suchte). Vor rund zwei Jahren heuerte der Exilzürcher bei der im Silicon Valley ansässigen Firma Harmonic an, für die er als Executive Producer das neu entwickelte Nasa-Ultra-HD-TV betreut.

Joel Marsden hatte Meyer schon für die Tonspur seiner selbst produzierten Don-Quijote- und «World Vote Now»-Bilder engagiert, und da die Zusammen­arbeit in beiden Fällen vorzüglich geklappt hatte, brachte er den alten Kumpel nun auch bei der berühmten Raumfahrtbehörde ins Spiel.

Vorgabe: «Ambientmusik»

Insgesamt umfasst das avantgardistische Projekt acht 30-minütige Filme beziehungsweise Channels. Sie heissen «Earth View», «Deep Space», «ISS Life», «Solar System», «Liftoff», «Mars», «Development» und «Nasa Classics»; die Aufnahmen stammen von Raumspazier­gängen oder Startrampen, vom Hubble-Teleskop oder aus dem Archiv. Das wahrhaftig Spektakuläre an den neuen Weltallportalen aber ist – der Begriff Ultra-HD lässt es erahnen – die noch nie da gewesene Bilderqualität mit einer 8-Millionen-Pixel-Auflösung. Durch die musikalische Untermalung soll deren Wirkung potenziert, deren Suggestivkraft gesteigert werden.

Wie gross das Vertrauen in Meyers Können als Soundproduzent war, zeigt sich an den wenigen Vorgaben, die er bekam: Die erste lautete «Ambientmusik» (ohne das näher zu definieren), die zweite «Abgabetermin für die ersten drei Beiträge in einem Monat». Als Hilfsmittel – damit sind wir bei Vorbemerkung 2 – seien ihm fünf Minuten Bildmaterial zur Verfügung gestellt worden, erzählt Meyer. Die Zahl kann doch unmöglich stimmen, denkt man, und hakt nach. «Echt wahr, mehr wars nicht.» Und damit soll man drei halbstündige Beiträge vertonen? Er nickt und sagt, nach der Sichtung habe er die Dynamik und den Rhythmus der Bilder erlickt, der Rest sei halt Imagination gewesen.

Klingt sehr nach «locker vom Hocker». Diesmal verneint er und erklärt, die grosse Herausforderung sei die Abgabefrist gewesen: «Normalerweise schleiche ich durch meine Produktionen wie ein Bummelzug, auch weil ich stets nachbessere im Glauben, es könnte noch perfekter klingen. Da das in diesem Fall zeitlich nicht ging, musste ich eine mir völlig fremde Methode anwenden – und arbeiten wie die Ramones! Ich spielte etwas ein, hörte es rasch an, liess es, wie es war, und machte mich ans Nächste.» War das kein Vabanquespiel? «Klar», sagt Meyer. «Doch je mehr ich so gearbeitet und ­arrangiert habe, umso besser wurde mein Gespür. Ich lernte, meinem Instinkt zu vertrauen, das war grossartig.»

Auch privat ein Fan des Alls

Und wie hört er sich an, dieser ambiente Weltraumsound auf «Minus 8»? Er lacht, wie sonst Rotznasen nach einem gelungenen Streich lachen, und sagt: «Sicher verrückter, als man annehmen würde.»

Dann berichtet er von Geigen und Minimalmusik. Schwärmt von der grenzenlosen Dimension der Digitalsynthesizer und wie deren Klänge ihn ausgesucht hätten und nicht er sie. Verneigt sich verbal vor den eigenwilligen Komponisten John Cage und Philip Glass, vor allem aber vor Filmregisseur David Lynch: «Er ist der Grösste! Wie unkonventionell er die Musik in seinen Filmen einsetzt und damit in gleichem Masse fesselt wie irritiert, ist grandios. Solch Brüche und Themenwechsel hat es bei mir auch drin.»

«Major Rob»

Kreiert hat er zwei strukturiertere Arrangements à 15 Minuten, die restlichen Stücke (wenn man sie wegen der offenen Form noch so bezeichnen kann) weisen rund 6 Minuten Spiellänge auf. Die Titel der Arbeiten verraten, dass Robert Meyer dem Kosmos nicht nur beruflich, sondern auch als privater Film- und Musikaficionado nahesteht – sie heissen nämlich schön und schräg «Plan 8 from Outer Space», «Hal 8008» oder «Major Rob». Wichtiger aber ist: Joel Marsden hat das Soundmaterial auf die Filmbilder montiert, es passt wie angegossen. Und die Nasa? «Hat alles abgesegnet!»

Womit wir zum Schluss nochmals an den Anfang und zur Vorbemerkung 1 gehen; das Stichwort lautet Honorar. Eine Zahl mag der Musiker nicht nennen, sagt aber augenzwinkernd, Apple habe «damals schon etwas mehr bezahlt». Die Erklärung zu dieser Aussage: Für die globale Werbekampagne des ersten Powerbooks im Januar 2001 wählte Steve Jobs himself den von Minus 8 produzierten Song «Snowblind» aus.

In unseren Breitengraden kann man die Nasa-Ultra-HD-«Channels» noch nicht empfangen, Harmonic gibt an, mit Bezahlsendern in Verhandlung zu stehen. Um in den Genuss der 4K-Bildqualiät zu kommen, benötigt man zudem Computer- und TV-Screens der neusten Generation.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2015, 23:44 Uhr

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