Der erste und der letzte Punk

1976 gründete er die Nasal Boys, am Samstagabend zeigt er seine pythoneske Roadmovie-Premiere. Dazwischen liegt ein Künstlerleben so wunderbar eigenwillig, dass klar ist: Es gibt nur einen Rudi Dietrich!

Näher am Schamanen als am Irokesen: Rudi Dietrich, 60 Jahre jung – und so experimentierfreudig wie eh und je. Foto: Doris Fanconi

Näher am Schamanen als am Irokesen: Rudi Dietrich, 60 Jahre jung – und so experimentierfreudig wie eh und je. Foto: Doris Fanconi

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«Wer sind Sie, Herr Dietrich?» Alle anderen würden einem bei dieser Einstiegsfrage zu verstehen geben: «Schon mal was von Gesprächsvorbereitung gehört, junger Mann?» Rudi Dietrich aber lugt mit Schalk hinter der Lennon-Brille hervor – und eröffnet unsere Unterhaltung wie ein gewiefter Schachspieler: Ich halte mich da an Carl Gustav Jung, der schrieb: ‹Man ist ein psychischer Ablauf, den man nicht beherrscht.›»

Egal, wie viele Zeilen man schon über Dietrich las, wie oft man mit älteren Zeitgenossen über den Mann plauderte oder versuchte, ihn über seine Songtexte zu erfassen – stets fand und findet er den Schlüssel zum nächsten Irr- und Wirrgarten, wo er dann nach Lust und Laune die Positionen (aber niemals seine Haltung!) wechselt. Die einen empfinden diese Absenz einer inhaltlichen Komfortzone als anstrengend. Andere (wie wir) aber machen auf Anhalter, steigen ein, und lassen sich von Captain Dietrich durch seine herrlich eigenwillige Galaxie geleiten.

Zur Stärkung gibts eine Tasse frisch gebrühten Kaffee. Es folgt die Stippvisite bei Sohnemann Raoul, der, wohl bereits auf Vaters Spuren wandelnd, mit aufgesetztem Kopfhörer im Zimmer hockt und mit Soundgerätchen hantiert. Dann setzen wir uns in die Küche – sie amtet auch als Galerie für Totenkopfsujets – lehnen uns zurück und düsen los.

Immer wieder ein Neuanfang

Es geht ins Jahr 2006. Da sassen wir das erste Mal vis-à-vis, in einem anonymen Zimmer der Plattenfirma. Rudi Dietrich, in jenen Tagen noch mit ziemlich züchtigem Haarschnitt, hätte über ausgegrabene und neu gemasterte Song-Raritäten seiner CD «Sheer Hilariousness» sprechen sollen. Er sprach allerdings lieber über das unsägliche Rauchverbot. Über Gottes Rübentisch. Wie es kam, dass er zum Feministen Hillary mutierte. Weshalb er in einem wahnwitzigen, 60-seitigen Booklet die ganze Punk-Geschichte abhandelte. Oder wie cool es 1977 gewesen sei, als Mitglied der Nasal Boys (einer «unserer» ersten Punk-Bands) über die berühmten Sex Pistols abzulästern.

Da es im Weltbild des erklärten Nicht-Nostalgikers aber weder chronologische noch philosophische Grenzen gibt, ist Vergangenheit immer auch Gegenwart und Zukunft. Weshalb wir unversehens über Neuanfänge reden – ein Thema, das sich wie ein roter Faden (oder doch eher wie ein ewiges Rettungsseil?) durch seine Biografie zieht.

Natürlich kennt der Dietrich-Kenner seine musikalischen Produktionen und Stationen, seine Kehrtwenden und Steilwandkurven. Er weiss von seinen Bands, nach den Nasal Boys Kraft durch Freude, Mutterfreuden (beide spielten Beat mit Punk-Habitus) und Blue China (Gothic-Wave). Und von den oft ominösen Kunstfiguren und -konstrukten wie Monsieur L’ti Bon Ange, Hillary oder Rural Sr.’s Le Voudou Sports Club. Er weiss, dass der Kerl 1979 das emiment wichtige Indie-Plattenlabel Off Course mitgründete, dass er sich wie ein Geburtstagskind für neu entdeckte Instrumente faszinieren kann; in den 90er-Jahren wars die Dobro-Metallgitarre, jüngst das Banjo.

«Neid ist eine strunzdume Empfindung!»

Und klar weiss der Connaisseur auch um die Weggefährten wie Marlene Marder, Dieter Meier, Beat Schlatter, Rams, Thomas Wydler, Cyrano oder Tom Etter, die in den letzten 40 Jahren kamen und gingen – wobei es nicht wenige gerade dank Dietrichs Support auf weit grössere Bühnen geschafft haben als er selbst. Bei der Frage, ob er nie Neid verspürt habe, kommt ihm fast der Kaffee hoch. «Neid ist eine destruktive und deshalb strunzdumme Empfindung!» Selbstverständlich folgt sofort eine (arche)typisch Dietrisch’sche Ergänzung: «Meine Unterstützung für andere Musiker basiert auf striktem Egoismus: Ein tolles neues Album, eine starke Newcomerband, das ist das Grösste für mich. Wenn ich mithelfen kann, das so was entsteht, ist es in erster Linie mein persönlicher Gewinn.»

Es klingelt, schon steht die Fotografin in der Tür. Als «Kulisse» schlägt Dietrich die Kapelle eines Alterswohnheims vor. Die Fotografin runzelt die Stirn, bis er erklärt, das Gotteshaus sei ein Nebenschauplatz seines Films. Jäso, alles klar.

Nach der Rückkehr in die Wohnung gibts die zweite Runde Kaffee, und weiter geht der Trip. Das fortwährende Stop and Go seines Künstlerlebens ist noch immer Thema – und doch reden wir jetzt über ganz andere Neuanfänge; man kann sie am ehesten mit Erkenntnissen oder Offenbarungen charakterisieren («Schreib einfach nicht ‹spirituell›, sonst stellt man mich dann in die Esoteriker-Ecke»): Denn auch wenn der 60-Jährige scheinbar auf jede Frage eine Antwort kennt, ist er ein Suchender geblieben. Einer, der sich selbst um den Schlaf bringt, weil es in seiner Denkstube keine Pausen gibt. Einer, der zur These die Antithese will – nicht zwingend, um zur Synthese zu gelangen, die eigene Verblüffung ist ihm genauso lieb.

Das kann dann dazu führen, dass er unversehens zum 10-minütigen Monolog ansetzt, in dessen Verlauf er erschreckend schlüssig die «systembedingte Unmöglichkeit» der Menschen zur verbalen Kommunikation aufzeigt. Oder anhand der Platten, die ihm die Eltern 1968 unter den Christbaum legten – «Electric Ladyland» von Jimi Hendrix Experience, «Electric Mud» von Muddy Waters und das «White Album» der Beat­les – erklärt, wie er weisse mit schwarzer und akustische mit «visueller» Musik zu vereinen lernte. Und dass der Stehbassist der urchigen Ländlerkapelle rhythmisch gar nichts gross anderes spiele als der Bassist einer schmissigen Rock-’n’-Roll-Band. Und dass er, der vermeintlich Urbane, seine wahren Werte im Ländlichen und Ruralen erkannt habe.

Dann, nach über zwei Stunden, tendiert die Tour d’Horizon Richtung Ziel, wir sind bei Dietrichs jüngstem Wurf, der faktisch ein Spätwerk ist. Der Film sei 66 Minuten lang oder kurz, das überlasse er dem Betrachter. Zu sehen gebe es eine Reise von der fiktiven Ortschaft «Low Spirit Home» in die himmlische Stadt Jerusalem, ein musikalisches Roadmovie zwischen Realität und Traum. Bestaunt man den Trailer, fühlt man sich auf poetische Weise an Monty Pythons wunderbare Schwerelosigkeit innert.

Stinkefinger an den Zeitgeist

«Wer sind sie, Herr Dietrich?» Gibts auf die Eröffnungsfrage am Ende des Gesprächs neue Antworten? Nein, es bleibt dabei: Er war der erste Punk der Stadt, und womöglich ist er heute ihr letzter. Nicht musikalisch, da ist er längst zu erdigeren Ufern aufgebrochen. Auch nicht äusserlich, diesbezüglich ist er nun näher am Schamanen als am Irokesen. Und gnadenlos mit dem Dickkopf durch die Wand, nein, das müsse nicht mehr unbedingt sein, gesteht er – auch wenn ihm der Begriff «Altersmilde» gar nicht schmeckt. Doch sein konsequentes Festhalten am sinnig-sinnlichen «Do it yourself»-Prinzip, das unachgiebige Stöbern nach unkonventionellen Nischen, die ungebrochene (selbst)ironische Experimentierfreude – all dies sind Merkmale der guten, alten Anti-Establishment-Attitüde ... und damit ein wohltuender Stinkefinger an den Zeitgeist.

«Low Spirit Home» (A Picturesque Rural Blues Opera for Flatscreens). Moods im Schiffbau, heute 23.59 Uhr. Anschliessend Extravaganza-DJ-Set von Urban Jr.

Erstellt: 20.02.2015, 19:27 Uhr

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