Der natürliche Feind der Schädlinge

Hans Herren, ein Walliser Biologe im Exil, bekämpft weltweit Schadorganismen. Er setzt dabei nicht auf Pestizide, sondern auf Nützlinge und Bakterien.

Hans Herren wurde 1995 mit dem Welternährungspreis ausgezeichnet. Fotos: Sophie Stieger

Hans Herren wurde 1995 mit dem Welternährungspreis ausgezeichnet. Fotos: Sophie Stieger

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Es gibt nicht mehr viele Helden. Vielleicht der Feuerwehrmann, der ein Kind aus einem brennenden Haus befreit. Aber einer, der gleich Millionen rettet? Zwanzig Millionen sollen es gewesen sein, die laut Weltbank Mitte der Neunzigerjahre in Afrika vom Hungertod ­bedroht waren.

Es braucht eine Spur Lokalchauvinismus, um Hans Herren für die Serie «Zürichs Köpfe» zu treffen. Der 66-jährige Biologe mit PhD in biologischer Schädlingsbekämpfung ist Walliser. Er studierte in den Siebzigerjahren an der ETH Zürich, weil er die Tabakanpflanzung seines Vaters optimieren wollte. Danach ein Post Doc in Berkeley, und so entstand eine der herausragenden Karrieren von Exilwallisern, die dem Tal entkommen sind und die Welt entdeckten.

Wespen gegen Schmierläuse

Die Maniokfelder Afrikas waren befallen von Schmierläusen, von denen niemand wusste, woher sie kamen und wie sie zu bekämpfen waren. Naheliegend wäre gewesen, die Felder mit Insektiziden zu besprühen, aber damit hätte man ganze Landstriche auf Jahrzehnte hinaus vergiftet. Hans Herren machte sich auf die Suche nach der Herkunft der Laus oder vielmehr nach ihrem natürlichen Feind.

Diese Geschichte ist andernorts schon erzählt und auch gewürdigt worden – zuletzt mit dem Swiss Award 2014. Deshalb sei sie hier nur summarisch wiedergegeben, um das Ausmass von Herrens Beharrlichkeit erahnen zu lassen:

Er vermutete, dass die Schmierlaus aus dem Ursprungsgebiet der Maniokpflanzen kam, und begann seine Suche in Zentralamerika. Im Kleinbus mit Labor bereiste er fünf Gegenden und fand . . . nichts. Herren gab nicht auf, liess einen Mitarbeiter nach der Regenzeit nochmals in Paraguay nachschauen. Bingo! – der Mann fand Schmierläuse, die identisch waren mit denen in den afrikanischen Feldern. Jetzt galt es den natürlichen Feind dieser Laus in den wilden Maniokpflanzen von Paraguay zu finden, diesen zu züchten und millionenfach in den befallenen Feldern Westafrikas auszusetzen. Infrage kamen Schlupfwespen und Marienkäfer. Für das Projekt gab Herren bei der Welternährungsorganisation FAO ein Kreditgesuch von 30 Millionen Dollar ein. 20 Millionen wurden bewilligt, obwohl ihn einer der Delegierten als «Megalomaniac» bezeichnete. Herren und seine Forscher schlossen den Marienkäfer zuerst aus und eruierten unter rund fünfzehn Schlupfwespen jene, die sich auf diese Schmierlausart stürzte.

Um sie einzusetzen, liess er sich ein Pilatus-Kleinflugzeug, das einst von der CIA in Vietnam eingesetzt worden war, zur Wespenabwurfplattform umbauen. Derweil wurde die Schlupfwespe gezüchtet, mit CO2 in Tiefschlaf versetzt, in Plastikröhren mit Löchern abgefüllt und über den Maniokfeldern West­afrikas millionenfach abgeschossen.

Es gibt kein erfolgreicheres Beispiel von Rüstungskonversion: Die Schlupfwespen putzten die befallenen Maniokfelder von der Schmierlaus blank. Jetzt galt es dafür zu sorgen, dass Schmierlaus- und Schlupfwespenpopulation im Gleichgewicht blieben, denn ohne Nahrung verschwindet auch der Nützling.

Hans Herren schiebt diesen Erklärungen immer wieder ein eindringliches, fast unhörbares «Versteihsch?» nach. Es ist das amerikanische «You got it?», denn er lebt inzwischen mit seiner Familie in der Nähe des Napa Valley. Dort pflanzt er nicht mehr Tabak, sondern Weintrauben (bio natürlich) und demnächst biologischen Hopfen, denn für Spezialbiere entsteht gerade ein neuer Markt.

Der Sitz seiner Stiftung Biovision ist in Zürich geblieben und sein wichtigstes Tätigkeitsfeld Afrika. Und so hat Herren für die gute Sache mehr Flugmeilen gesammelt als mancher Linienpilot.

Käfer gegen Hyazinthen

Wir treffen uns im Café Noir an der Neugasse. Das Ladenlokal, das wie eine Wohnstube anmutet, bietet selbst gerösteten Kaffee aus Äthiopien an. Dort hat Herren gegenwärtig sein grösstes Projekt laufen. Biovision berät Zehntausende Kleinbauern, die die äthiopische Regierung in einst unbewohnten Gebieten angesiedelt hat. Herrens Stiftung berät sie im integrierten Pflanzenbau und speziell im Push-pull-Prinzip. Zwischen den Mais-, Hirse- und Maniokpflanzen wird jeweils Desmodium gesetzt, das die Schädlinge abstösst (push), welche die rundherum gepflanzten Reihen von Napier- oder Elefantengras wiederum anziehen (pull), ohne dass sie zu Schaden kämen. Im Gegenteil, das Elefantengras kann gemäht und den Tieren verfüttert werden.

«Versteihsch?» – Hans Herren hat dieses Prinzip, Schädlinge mit Nützlingen zu bekämpfen, bei vielen Projekten umgesetzt. Als Hyazinthen die Ufer des Viktoriasees zuwachsen liessen und die Fischer aussperrten, holte er einen Wasserkäfer, der die Wurzeln dieser Pflanzen anfrass und verhinderte, dass sie blühte und sich vermehrte.

Ein Kaffee, der entschleunigt

Auch künftig wird die Arbeit ihm und seiner Biovision nicht ausgehen. In Spanien verursacht der Palmrüssler gegenwärtig einen Millionenschaden. Seine Larve ernährt sich von Palmherzen, Herren vermutet den natürlichen Feind in Pakistan. Doch den Auftraggebern, die er beriet, war sein Ansatz zu teuer, sie liessen Giftfallen aufstellen, das Problem bleibt ungelöst. Genauso wie in Apulien, wo ein Bakterium gegenwärtig tausendjährige Olivenbäume zerstört. Eingeführt wurde es mit Weihnachtssternen aus Holland, für die Zierpflanzen aus Costa Rica gebraucht werden.

Ob aber Palmrüssler oder Bakterium, Herrens Prinzip bleibt dasselbe. Er sucht nach dem biologischen Gleichgewicht und wird damit zum natürlichen Feind der Agro-Saatgut-Industrie. Zum Treffen im Café Noir kommt er von einem Podium, wo er mit einem Vertreter des Saatgutkonzerns Syngenta nicht nur Freundlichkeiten austauschte. Diesem mochte Herrens Prinzip der natürlichen Kreisläufe und ihrer gezielten Stärkung partout nicht einleuchten. Hier in diesem kleinen Zürcher Café leuchtet es ein. Der Barkeeper signalisiert mit seinem selbst gerösteten Kaffee Entschleunigung. Einzig die Tapete mit den schreierischen gelben Kioskplakaten eines Deutschschweizer Boulevardmediums im Toilettenraum mag nicht recht dazu passen. Hundert Schlagzeilen, und eine fehlt: «Walliser rettete 20 Millionen Menschen vor dem Hungertod».

Herbert Cerutti: Wie Hans Rudolf Herren 20 Millionen Menschen rettete. Die ökologische Erfolgsstory eines Schweizers. 180 Seiten, 39 Fr.

Erstellt: 18.11.2014, 22:19 Uhr

Visionäre Zürcher Köpfe

Hans Herren (66) wurde als Pionier der bio­logischen Schädlingsbekämpfung u.a. mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Er wird am Samstag ab 14 Uhr am Symposium von Biovision im Zürcher Volkshaus sprechen (Anmeldung auf www.biovision.ch).

Unter dem Titel «Zürichs Köpfe: Ein Getränk mit . . .» treffen wir Tüftler, Intellektuelle, Grübler und andere spannende Zeitgenossen und reden mit ihnen über ihre Erkenntnisse.

Nächste Folge mit Dirk Hebel, Architekt und Assistenzprofessor an der ETH.

Im Café Noir wird der Ristretto aus Kaffeebohnen aus Äthiopien gebrüht.

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