Die Bogenschützin

Bogenschützinnen sind cool, gefährlich und sexy. So will unsere Autorin auch sein. Eine Annäherung in drei Teilen.

Gespannt wie ein Bogen: Tina Fassbind hat ein klares Ziel vor Augen. Video: Urs Jaudas und Lea Blum

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Robin ist weiblichTeil 1

Mein erstes Mal war mit Errol Flynn. Ich war noch ein Kind. Er war Robin Hood. Wie er dem finsteren Sheriff von Nottingham auf der Nase herumtanzt, das hat mich zutiefst beeindruckt. Das hallt bis heute nach.

Robin, der gefürchtetste Bogenschütze Englands, der Mann, der beim Wettschiessen den Pfeil seines Kontrahenten in der Mitte der Zielscheibe mit seinem Pfeil entzweit. So erlangt er die Gunst seiner Herzdame und gibt sich seinen Feinden zu erkennen. Diese Souveränität gepaart mit dem einen oder anderen ebenso zielsicheren Spruch. Ja, Robin, Held der Armen, war mein erster Held.

Nach den ersten kindlichen Schwärmereien traf mich in den 80er-Jahren Amors Flammenpfeil. Es war ein dunkelhaariger Beau in einer Fernsehserie, der den heldenhaften Bogenschützen aus Sherwood Forest gab. Es war aber nicht nur Robin, der mich fesselte. Auch Lady Marian hatte ihren Reiz. Anders als im Flynn-Film greift sie in dieser neuen Version selbst zu Pfeil und Bogen, um das Böse zu bekämpfen und den Armen zu helfen. Das gefiel mir ausserordentlich. Ich konnte nämlich nie verstehen, weshalb die Maiden in einer Ecke nur hysterisch schrien, bis ihr Retter die Bösen aus dem Weg geräumt hatte.

Ab da waren die Leinwände plötzlich voll von Heldinnen, die sich selbst zu helfen wussten. Oft dargestellt als geschickte Bogenschützinnen. Das passt perfekt zum neuen Rollenbild, weil es eine elegante Art der Selbstverteidigung ist. Feinde werden auf Distanz gehalten, nie machen sich die Schützinnen die Hände schmutzig. Hinzu kommt diese Ruhe vor dem Schuss. Das ist beängstigend. Das ist cool. Das ist sexy. Und: Das will ich auch können.

Die Suche nach dem Zenmeister

Rio 2016 ist meine Chance! Einmal Bogenschiessen unter professioneller Anleitung. Ausprobieren, wie sich eine der ältesten Jagdwaffen der Menschheit wirklich anfühlt.

Ich bin aufgeregt, fast schon elektrisiert, als ich die Nummer der Swiss Archery Association wähle, des Schweizer Bogenschützenverbandes. Ich sei auf der Suche nach einem Trainer. Nach einem Instruktor mit Nerven aus Stahl und der Gelassenheit eines Zenmeisters. Nach einem, der meine Ungeduld zügeln und meine Energie in die richtigen Bahnen lenken kann.

Die Frau hat einen einfachen Tipp: Melden Sie sich bei den Burris», rät mir die Frau am Telefon. «Die Burris», das sind Markus und Susi vom Zürcher Kantonalverband Bogenschiessen und Mitgründer des Vereins Bogenschützen Züri Oberland. In der Szene sind sie so bekannt wie die Zurbriggens im Skisport. Alle Mitglieder der Familie sind passionierte Bogenschützen. Sohn Kevin und Vater Markus sind mehrfache Schweizer Meister, Kevin zudem Vize-Juniorenweltmeister mit dem Compoundbogen. Das ist ein Bogentyp, der nicht zu den Olympischen Spielen zugelassen ist. Die Burris bestellen mich auf ihr Aussentrainingsgelände in der Nähe von Rüti. Die Zielscheiben stehen über das Wiesenstück verteilt wie überdimensionierte Bauklötze.

Ich brauch einen aus Holz!

Susi Burri holt einen Rucksack hervor und beginnt, ihren Recurvebogen zusammenzubauen – eine komplexe Metallkonstruktion, ein Hightechgerät. Das Ding will so gar nicht meiner Vorstellung eines Pfeilbogens entsprechen. Ich bin beruhigt, als sie mir mit einem Lächeln ein Modell aus Holz in die Hand drückt. Es ist, als hätte sie mir meine Enttäuschung angesehen. «So, jetzt machen wir erst einmal ein paar Trockenübungen», sagt sie und führt mich mit einem Köcher voller Pfeile vor eine der Zielscheiben. Trockenübungen? Draufhalten, durchziehen und abschiessen. Das kann doch nicht so schwierig sein.

Von wegen. In den kommenden Stunden sollte ich erfahren, dass es gar nicht so leicht ist, Robin Hood zu sein.

An der Technik pfeilenTeil 2

Ich bin bereit. Meine Füsse stehen wie verwurzelt auf dem Boden. Links von mir die Zielscheibe in zehn Meter Ent­fernung. Susi Burri, mein Coach, hat mir während der Trockenübungen den Ablauf beim Bogenschiessen erklärt: Ruhig stehen, den Bogen mit dem Bereich ­zwischen Zeigefinger und Daumen wegdrücken, die Sehne mit drei Fingern heran­ziehen, für Spannen die Kraft aus den Schultern holen.

Ich fixiere den gelben Punkt in der Mitte der Scheibe, ziehe den Bogen hoch und die Sehne zum Gesicht. «Noch ­näher zur Nase», sagt Burri. «Und jetzt schiess!» Ich lasse die Sehne schnellen. Der Pfeil steckt – nicht im Zentrum. ­Dafür habe ich einen zünftigen Zwick von der Sehne auf den Unterarm abbekommen. Zum Glück trage ich diesen eleganten Armschutz aus Leder.

Nochmals von vorn. Dieses Mal passe ich auf, dass mir mein Arm nicht erneut in die Quere kommt. Wieder daneben. «Du musst die Finger beim Abschuss an deinem Gesicht vorbeiziehen und nicht einfach loslassen», sagt Burri. Ich halte mich dran und gehe vor jedem Schuss «die Checkliste» durch, wie es meine Trainerin nennt: Habe ich mich richtig positioniert? Stimmen Körperspannung, Arm- und Handstellung? Meine Pfeile verfehlen zwar nie die Scheibe, ins Gelbe treffe ich trotzdem nicht.

Der kleine Jedi-Meister in meinem Kopf

Langsam nervt es, dass die Pfeile immer nur rund um die Scheibenmitte herum stecken bleiben. In mir regt sich plötzlich ein Tier, das sich vor Jahren in einer Ecke zusammengerollt hat und in ­Tiefschlaf verfallen ist: mein sportlicher Ehrgeiz. Dummerweise tut mein linker Arm inzwischen weh. Ich brauche eine Pause. Da kommt der Fotograf und will es auch mal probieren. Er nimmt den Bogen, schiesst und trifft mit zwei von drei Pfeilen. «Anfängerglück», sagt er, setzt nochmals an und trifft erneut. Mir platzt der Kragen. «Was mache ich falsch?», frage ich Susi verzweifelt. «Du denkst zu viel nach», antwortet sie ruhig.

Tatsächlich habe ich vor lauter Grübeln, ob ich alles richtig mache, etwas wesentliches vergessen: Mich auf meinen Instinkt zu verlassen. «Lass dich von deinen Gefühlen leiten», höre ich einen kleinen Jedi-Meister in meinem Kopf ­sagen, «nutze die Macht.» Und siehe da: Der Pfeil steckt im gelben Feld.

Ich juble. Endlich geschafft. Susi ist auch erleichtert. Sie gönnt es mir, dass ich nach all den Mühen doch noch ein Erfolgserlebnis habe. Oder ist es ihr sportlicher Ehrgeiz, dass ihre Schülerin die Herausforderung schaffen muss? Wohl beides ein wenig.

Zen vor der ZielscheibeTeil 3

Langsam fängt es an, richtig Spass zu machen. Ich blende alles um mich herum aus und konzentriere mich nur aufs Bogenschiessen. Die Konturen des Waldrandes und der Häuser zerfliessen. Nur der gelbe Punkt in der Mitte der Zielscheibe ist scharf fokussiert, wenn das Surren des Pfeiles die Stille durchbricht. Das Ganze hat etwas Kontemplatives. Das sagt auch meine Trainerin Susi Burri. «Man muss beim Bogenschiessen eine mentale Mauer um sich herum aufbauen, um gute Resultate zu erzielen. Dadurch wird man generell ruhiger.»

Ruhig genug sei ich zwar noch nicht, aber die Technik hätte ich schon gut drauf, findet Burri. «Frauen setzen generell besser um, was ihnen die Trainer sagen. Männer denken immer, sie wissen es besser, weil die meisten von ihnen schon mal geschossen haben – meist im Militärdienst.»

Sie muss es wissen. Seit rund 20 Jahren ist sie passionierte Bogenschützin und unterrichtet mittlerweile selbst. Bei Schweizermeisterschaften hat sie es bis auf Platz 3 geschafft.

Den Mist des Tages weggeschossen

Dabei konnte sie zunächst gar nichts mit dieser Sportart anfangen, der ihr Mann bereits verfallen war. An dem Tag, als alles begann, wollte sie ihn eigentlich nur vom Schiessstand abholen. «Ich hatte damals einen ganz miesen Tag. Alles lief schief», erinnert sie sich. Der Trainer ihres Mannes habe sie dann dazu überredet, einfach mal einen Versuch zu wagen. «Schon mit den ersten Pfeilen habe ich den ganzen Mist des Tages weggeschossen. Ich war wie befreit.»

Inzwischen ist die Freude am Bogenschiessen auf die ganze Familie übergegangen. Die Kinder Pascale und Kevin sind mit ihren Eltern zu den Turnieren gereist und haben schliesslich selbst daran teilgenommen. «Das Bogenschiessen hat uns als Familie zusammengeschweisst. Es ist unser gemeinsamer Nenner», sagt Burri. Der 25-jährige Sohn ist derzeit einer der besten Compound-Bogenschützen der Schweiz und gehört weltweit zu den Top 100. Das erfüllt die Mutter natürlich mit Stolz. Vor allem, weil er es neben seinem Vollzeitjob als Zimmermann in die internationale Elite geschafft hat. «Da muss er sich mit vielen Profischützen messen. Das ist sehr hart.»

Der Preis von Pfeil und Bogen

In der Schweiz sei eine Karriere als Profi-Bogenschütze unmöglich, sagt Burri. Es fehle an Sponsoren. «In Amerika werden die Sportler von den Herstellerfirmen angestellt, um das neuste Material zu testen. Sie bekommen Geld dafür, dass sie mit Topausrüstungen täglich bis zu acht Stunden trainieren können.» Davon ist man in der Schweiz weit entfernt. Hier müssen Bogenschützen sich das Geld für ihr kostspieliges Hobby selbst zusammensparen. «Alleine die Reisen an internationale Wettkämpfe sind extrem teuer, weil man für Flug und Hotel selbst aufkommen muss», sagt Burri. Nur Europameisterschaften und Weltmeisterschaften Outdoor werden vom Verband bezahlt.

Hinzu kommen die Materialkosten: Ein olympischer Turnierbogen kostet bis zu 3000 Franken. Wer es nicht gleich zu weltweitem Ruhm bringen will, kann kleiner anfangen: einen Trainingsbogen kann man bei einer Clubmitgliedschaft schon ab 50 Franken im Jahr mieten.

Susi Burri geht das Bogenschiessen heute entspannter an als zu den Anfängen. «Damals war ich sehr ehrgeizig und wollte alles gewinnen. Der Kampfgeist war viel stärker als heute», sagt die 59-Jährige. Jetzt gehe sie hauptsächlich an Wettkämpfe, um Freunde zu treffen. «Die Events haben eine familiäre Atmosphäre. Die Leute rufen manchmal schon von weitem: Da kommen die Burris!»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2016, 10:22 Uhr

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