Die Freundin am Wochenbett, ein Geschenk des Himmels

Mütter sehen in ihrer Hebamme so etwas wie eine Göttin. So will ich auch einmal angeschaut werden.

Grosse Freude an den Kleinen der anderen: Ja, es fühlt sich gut an, Göttin zu sein. Foto: Reto Oeschger

Grosse Freude an den Kleinen der anderen: Ja, es fühlt sich gut an, Göttin zu sein. Foto: Reto Oeschger

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Vielleicht war es der Hormonrausch, vielleicht die echte Bewunderung über den mir unbekannten Berufszweig. Jedenfalls begann die Faszination bei der ersten Begegnung vor sieben ­Jahren. Ich lag im Krankenhaus, taumelte im Mutterglück und wurde von Hebammen umsorgt. Für mich waren sie Göttinnen. Sie sprachen anschaulicher über die Geburt als jeder Mediziner, und mir kam es vor, als stünden sie mehr im Leben als die Mehrheit der Menschen – da nahm ich mich nicht aus. Und sie duzten sich, nicht weil es cool war, sondern einfacher.

So war es auch bei Franziska, die mich später zu Hause betreute. Franzis­­ka Summermatter, wie sie mit ganzem Namen heisst, war einst im Gebärsaal tätig, heute hat sie ihre eigene Praxis und macht nur noch Hausbesuche vor und nach der Geburt. Franziska wurde während der ersten Wochenbettzeit zu einer Art besten Freundin für mich. Logisch, sie besuchte mich fast täglich, und ich freute ich mich auf sie, weil sie mir jedes Mal etwas fürs Leben mitgeben konnte. «Vergiss teure Öle für die Haut. Olivenöl genügt.» Bald darauf verschwand sie aus meinem Leben und tauchte erst wieder auf, als ich zum zweiten und dritten Mal Mutter wurde. Danach wusste ich: Könnte ich noch einmal einen Beruf wählen, es wäre Hebamme. Gesagt, ­getan, zumindest für einen Tag, an der Seite von Franziska, wem sonst.

Einblick in alle Schichten

Auf Elektrovelos brausen wir durch die noch verschlafene Stadt. Erst vor der ersten Haustür in Oerlikon wird mir bewusst, wie intim dieser Beruf eigentlich ist. Ich werde auf Leute treffen, die ich nie zuvor gesehen habe, mich zu ihnen in die Wohnung setzen und mit ihnen über Intimes sprechen und sogar Intimes sehen. Wer wird das sein? Welche Geburtsgeschichte werden sie erzählen? «Ein Fall, vom Sozialamt zugewiesen», sagt Franziska. Einen Tag zuvor hat sie die junge Frau kontaktiert, die vor sechs Tagen geboren hat. Es ist Franziskas ­erster Besuch.

Man sehe wirklich in alle Schichten der Stadt hinein, sagt Franziska, in die tiefsten und in die höchsten, manchmal beides an einem Tag. Mir wird bange. Ich habe das Gefühl, von nichts eine ­Ahnung zu haben und völlig nutzlos zu sein. «Ach was, als gestandene Mutter bist du bestens qualifiziert für die Arbeit», muntert mich Franziska auf.

Stilles Glück

Der erste Eindruck ist gut, und ich bin emotional mittendrin. Das kleine Mädchen schläft auf dem Arm seiner Mutter, einer 20-jährigen Migrantin. Sie wohnt allein in einem einfachen Appartement und ist zurückhaltend, doch sie strahlt. Ihr Glück rührt mich zu Tränen. Alle Professionalität, die ich mir für diesen Tag zurecht gelegt hatte, ist wie weggewischt. Franziska lässt die Frau von ihrer Geburt erzählen, von den heftigen Schmerzen. Die junge Frau tut es ohne jegliche Scham, lässt sich dann den Uterus abtasten, zeigt ihre Brüste. Während ich die Kleine für das Wägen ausziehe, bespricht sie mit Franziska das Stillen. Sie pumpe jeweils ab, um zu sehen, wie viel die Kleine trinke. Tatsächlich: Sie hat zugenommen. Franziska staunt. «Du machst einfach alles von Natur aus richtig.» Und flüstert mir zu, sie kenne etliche Frauen mit viel mehr Lebenserfahrung als diese junge Frau, die sie für ­alles um Rat fragen. «Akademikerinnen sind da meist viel komplizierter.»

Keine zehn Minuten später betreten wir eine grosszügige Zürichbergwohnung. Der Gegensatz könnte grösser nicht sein. Die Mutter empfängt uns mit dem zehn Tage alten Säugling auf dem Arm, küsst Franziska ab und serviert sofort Kaffee. Die Schwiegermutter kümmert sich um die zweitälteste Tochter. Franziska kontrolliert den Nabel des Neugeborenen, der tags zuvor geblutet hat. Sie säubert ihn mit Windelcreme, schliesslich müsse man das nehmen, was die Mütter zur Hand hätten. Und auch dieser Säugling hat gut zugenommen. «Kein Wunder, bei den Brüsten», sagt die Mutter und lacht. Ums Stillen sei es ihr nach den letzten Geburten gar nicht gewesen. Sie hatte zu viel Milch, litt permanent unter Stau. Diesmal sorgte Franziska schon beim Milcheinschuss mit einer abstillenden Tablette vor. «Für einmal Chemie, aber es hat funktioniert», sagt Franziska.

Stau nach Sturzgeburt

Hebamme sein heisst auch, Frauen vor der Geburt zu betreuen, wie im Fall des dritten Besuchs. Franziska muss überprüfen, dass die Wehen nicht zu früh einsetzen. Dabei bin ich jedoch nicht erwünscht. Die Frau will anonym bleiben, ihr Aufenthaltsort soll es ebenso. «Ungewohnt, aber Teil der Arbeit», sagt Franziska und radelt weiter.

Gewohnter ist ihr das Umfeld bei der vierten Frau in Wiedikon, ihre Geschichte macht mich aber einen Moment sprachlos: Sturzgeburt im eigenen Schlafzimmer, Sanität und Arzt kommen zu spät. Seit drei Tagen ist sie zurück aus dem Spital, doch ihr kleiner Sohn mag die Brust noch nicht leer trinken. Franziska zögert nicht lange und beginnt der Mutter, sanft die Brust auszustreichen und leitet sie an, es selbst zu tun. Ich kann das schmerzverzerrte Gesicht der Frau kaum ansehen. «Ich weiss, es tut weh und ist ungewöhnlich, die eigene Brust so in die Hand zu nehmen», sagt Franziska, «aber glaub mir, es hilft.» Und dann erzählt sie vom somalischen Ehemann, der einst so selbstverständlich seiner Frau bei einem Milchstau die Brust massierte. Er habe es seiner Mutter, einer Hebamme, abgeschaut.

Wie vielseitig der Beruf doch ist. Franziska ist manchmal auch Barkeeperin, zwar nur mit Kaffee, Tee und Süssem, aber immerhin. Babybar heisst der Treffpunkt am späteren Nachmittag in ihrer Wipkinger Praxis. Während zwei Stunden können da junge Mütter zusammenkommen und Franziskas Rat einholen. «Und vor allem hole ich sie aus ihrer Isolation heraus», sagt Franziska. Bis zu 20 Frauen finden sich jeweils ein. Und diesmal darf ich vom Eingewöhnen in der Krippe ­erzählen, vom Milchstau, dem Abstillen und Brei kochen.

Ja, es fühlt sich gut an, Göttin zu sein. Wer weiss, was das Leben noch bringt. (Doch eines weiss ich schon jetzt: Ich müsste die Geburtsgeschichte aller Wöchnerinnen schriftlich festhalten.)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2015, 19:17 Uhr

Serie (3/6)

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