Die Geschichte von Pierluigi

Etappe zwei: Unsere Autorin zieht durch die engen Gassen Genuas und spricht mit dem Mann an der Réception übers Auswandern.

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Wenn ich die Fähre von Marseille aus genommen hätte: Ich wäre längst in Afrika. Vielleicht würde ich jetzt Pfefferminztee in Tunis trinken. Nun aber sitze ich wieder im Zug und riskiere, dass ich mein Ziel gar nie erreiche. Ich habe soeben ausgerechnet, dass ich bis Lampedusa noch mindestens 20 Stunden brauche. Ob ich dort ein Schiff finde bis zu meinem Zielort? Ich würde gegen mich wetten, gerade jetzt im Moment. Ich habe in Genua meine Jeansjacke nach der Siesta liegen lassen und mir an der Marmortreppe des Palazzo Tursi den grossen Zeh angeschlagen.


Sonst war Genua gut zu mir. Ich kam spät an und hatte keinen Plan, wohin. Mein Herdentrieb führte mich ins Hotel Veronese in einer kleinen Seitengasse der Altstadt und zu Pierluigi, der dort an der Réception arbeitet. Ich erzählte Pierluigi von meinem Vorhaben, die Migrationsroute der Bootsflüchtlinge rückwärts zu reisen. Fällt das Wort Migration, hat jeder Italiener eine Geschichte zu er­zählen. Kein Wunder: Zwischen 1860 und 1970 sind 25 Millionen Italiener ausgewandert – die grösste Massenmigration der jüngeren Geschichte. Anfang des 19. Jahrhunderts hatten sich die hygienischen Bedingungen rasant verbessert. Mehr Bambini, mehr Leute, vor allem in Süditalien, waren eine direkte Folge davon. Die wirtschaftliche Entwicklung konnte allerdings nicht mithalten. Die Landbevölkerung lebte immer mehr in Armut. Also sind sie gegangen, die Italiener, dorthin, wo hinter dem Horizont ein potenziell besseres Leben auf sie wartete. In Genua stiegen sie in die Schiffe, in Marseille in die grossen Dampfer.


Pierluigis Geschichte geht so: Er war als Jugendlicher in Deutschland. Und wenn er könnte, er würde sofort in die Schweiz einreisen und arbeiten. Italien? Am Ende! Wir werden uns einig, dass Pier­luigi ein wenig übertreibt. Die meisten Orte in Italien zählen inzwischen mehr Ankömmlinge als Auswanderer. Auch Genua, die grosse Seemacht von einst.


Genua ist heute die Stadt mit der hässlichen Hochautobahn zwischen dem alten Hafen und der inzwischen schön zurechtgemachten Altstadt. Genua hat den ältesten Leuchtturm der Welt. Pierluigi hat mir auf der Karte gezeigt, wo in der Altstadt sich Migranten bewegen, deren Status eher unsicher ist: Via San Luca, Vico Mele. Dort ist auch der Vico Amor perfetto, und dort sind die Prostituierten.


In der engen Gasse wird gekichert. Von der Strasse geht es ebenerdig direkt in die Studios. Die Frauen fragen mich, ­woher ich komme. Und ich frage zurück. «Kolumbien», sagen sie. Und: «Zürich, so schön, waren wir auch schon.» Die Frage, was sie dort gearbeitet haben, ­erübrigt sich.


Am alten Hafen schaue ich mir die alten Hafenkräne etwas genauer an. Als Zürcherin ist man ja schliesslich Expertin auf diesem Gebiet.


Geschichte überall. Unweit von hier wurde 2001 der 23-jährige Carlo Giuliani erschossen, einer von rund 300'000 Globalisierungskritikern, die während des G-8-Gipfels gegen die Übermacht der grossen Wirtschaftsnationen protestiert hatten. Die Strassen waren abgeriegelt, die Bahnhöfe und der Flughafen geschlossen. Sicherheitsstufe Rot. Es kam dennoch zum Eklat. Ein erst 20-jähriger Polizist traf Carlo Giuliani am Kopf.


Eine zu meiner Reise passende Über­legung: Wenn ich irgendwo auf die Welt gekommen wäre, wo meine Perspektiven gleich null sind, ich würde auch aufbrechen. Es zumindest versuchen. Nach Rom, zum Beispiel, obwohl ich mir doch geschworen habe, dass ich diese Stadt ein Leben lang meiden würde.

Erstellt: 29.07.2014, 08:39 Uhr

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