Die Probleme der Reichen

Auch Millionäre streben nach sozialer Anerkennung. Das Problem: Die kann man sich nicht kaufen – egal, wie viel Geld man hat.

Society-Veranstaltung Zürcher Opernball: Reiche reden noch ausdauernder über Geld als Arme. Foto: Urs Jaudas

Society-Veranstaltung Zürcher Opernball: Reiche reden noch ausdauernder über Geld als Arme. Foto: Urs Jaudas

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An einem Sommerwochenende vor ein paar Jahren feierte ein in Zürich, St. Moritz und Düsseldorf lebender Nachfahre einer deutschen Industriellenfamilie seinen 50. Geburtstag. Der Höhepunkt war ein Essen für hundert Gäste am Samstagabend im Kaufleuten. Doch die Strahlkraft der Eingeladenen blieb unter der Vorstellung, die man hat, wenn Reiche feiern – ein Unternehmer war dort, der dem Gastgeber Autos verkauft, und der Coiffeur der jungen Ehefrau. Juwelen- sowie Uhrenhändler gab es, Anwälte und leitende Bankangestellte. Doch Namen, die man aus dem Unterhaltungsgeschäft kennt oder der Politik und Wirtschaft, fehlten. Genauso Dichter, Denker und Künstler, obwohl der Mann eine Kunstsammlung hat.

Hat man es mit Reichen zu tun, sind die Erwartungen hoch. Egal, ob der Reiche ein Unternehmer ist, der mit Fleiss, Hartnäckigkeit und Glück aus einer Geschäftsidee ein Vermögen gemacht hat. Oder jemand, der im Samenbingo gewonnen hat, also in die richtige Familie geboren wurde. Man erwartet ein glanzvolles Bild – wenn stattdessen der Coiffeur, Juwelen- sowie Uhren- und Autohändler rumsitzen, ist man enttäuscht.

Angst vor dem falschen Event

So geht es Zaungästen, die dabei sein dürfen, obwohl sie nicht dazugehören, beispielsweise Journalisten, die über den Anlass berichten. Aber auch Clubmitgliedern – Leuten, die selber reich sind. Unter ihnen ist die Angst, am falschen Event teilzunehmen, sogar grösser als unter Normalverdienern; es ist ein Zeichen, nicht angekommen zu sein, wenn man neben der Boutiquenbesitzerin oder dem Hairstylisten sitzt.

Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass auf Gästelisten weniger beeindruckende Namen stehen, als man annimmt: Oft hat es damit zu tun, dass der «social pull» des Gastgebers, seine Kraft, gute Leute anzuziehen, gering ist. Etwa bei sogenannten Neureichen: Wenn ein IT-Unternehmer, der sein Geschäft, oder ein Immobilienentwickler, der eine Überbauung verkauft hat, ruft – wer geht dann schon hin? Wenige, die selber reich sind. Und noch weniger jene, die dazugehören, obwohl sie vielleicht nicht – oder nicht mehr – reich sind.

Das heisst, der eine oder andere, vor allem aus der ersten Kategorie, nimmt die Einladung möglicherweise trotzdem an. Nur schon, um zu sehen, was der Gastgeber draufhat. Und wer sich sonst die Ehre gibt. Um dann rasch wieder abzuhauen und auf dem Heimweg festzuhalten, es sei noch schlimmer gewesen, als man befürchtet habe. Sowohl was die Örtlichkeit als auch was das Catering betrifft. Plus, natürlich, die anderen Gäste.

Mehr als 210'000 in der Schweiz lebende Personen weisen ein Anlagevermögen von über einer Million Dollar aus (Quelle: Ueli Mäder, Professor für Soziologie der Universität Basel, 2010); viele davon leben in Zürich. Es käme nur wenigen Leuten in den Sinn, alle Anlagevermögensmillionäre als Reiche zu bezeichnen. Für Soziologieprofessor Mäder zählt dazu, wer mindestens 30 Millionen Franken hat; wer über 100 Millionen hat, ist ein Superreicher, um diese kümmert sich die Redaktion der «Bilanz» und bringt jährlich eine Ausgabe über die Vermögensentwicklung der 300 Reichsten der Schweiz heraus.

Der Zürcher Anlass mit der höchsten Reichendichte ist wohl das zweijährliche Zoofäscht. Die Hürde, die überwunden werden muss, um daran teilzunehmen, ist mittelhoch: Vier Plätze an einem der vielen Tische, die tausend Gästen Platz bieten, kosten ungefähr so viel wie ein schickes Pärchenwochenende in den Bergen. An Spenden kommen eine Dreiviertelmillion Franken oder mehr zusammen, je nach Beliebtheit der Tierart, um die es geht.

Superreiche allerdings findet man dort kaum. Ob Urs Schwarzenbach kommendes Jahr, wenn das nächste Zoofäscht gefeiert wird, wieder dabei respektive dann noch superreich sein wird, ist zurzeit unbekannt, er soll Geldprobleme haben. Im Allgemeinen aber gilt: Superreiche wollen die Stars der Anlässe sein, an denen sie aufkreuzen. Und das ist in diesem Fall schwer – den Zoo kann man, bis jetzt wenigstens, nicht kaufen und nach sich benennen. Zudem ist es hart, gegen Koalababys, Giraffen- und, besonders, Elefantenkälber anzutreten, auch für Milliardäre.

Urs Schwarzenbach ist ein Beispiel dafür, dass Geld vielleicht glücklich macht und vieles ermöglicht. Ausser das, wonach es Aufsteigern wie dem Finanzunternehmer, dessen Reichtumsquelle bisher nie offengelegt wurde, am meisten dürstet: Ansehen und Zugehörigkeit. Wenn der 69-Jährige in St. Moritz zum Dinner bittet, am Abend vor dem Polofinal, dann gehen Leute hin, die gern wären wie er. Oder wenigstens so viel Geld haben möchten. Doch von den Familien, die in Zürich was zu sagen haben, weil ihre Vorfahren die Stadt regierten – die Bodmer und Syz, die Bär und Vontobel –, ist meistens keiner zu sehen. Die alte Garde mag, was den Eintrag auf der «Bilanz»-Liste angeht, abgehängt worden sein von New-Money-Vertretern. Was nicht heisst, dass man sich deswegen mit diesen gemeinmacht. Im Gegenteil – je weniger Kohle, desto mehr Gehabe. Oder, positiv formuliert: Bloss weil das Geld ausgegangen ist, lässt man sich noch lange nicht in Neureichen-Niederungen herab. (Einige der erwähnten Familien haben, zudem, noch Geld.)

Geld macht nicht spannend

Ein Blick zurück auf meine Erlebnisse zeigt: Der Genuss, der damit zusammenfällt, sich im gleichen Zimmer aufzuhalten wie Reiche oder Superreiche und mit ihnen Champagner, Hummer sowie Atemluft zu teilen, ist überschaubar.

Ich habe in den vergangenen zehn Jahren viele Multimillionäre kennen gelernt, da ich eine Kolumne schrieb, für die es mein Ziel war, jeweils den besten und wichtigsten gesellschaftlichen Anlass der Woche zu besuchen. Ich war dabei, wenn sie sich trafen und feierten. Als Geschäftsmodell für Journalisten ist das in Ordnung. Es lässt sich immer mal wieder ein Artikel darüber verkaufen, weil Reiche und der Blick durchs Schlüsselloch auf ihr Treiben interessieren.

Persönlich teile ich dagegen die Einschätzung eines Freundes, übrigens selber ein Reicher: «Der Gastgeber steht auf der ‹Bilanz›-Liste – na und? Seinen Jet wird er mir nicht schenken, und mein Schnitzel kann ich selber bezahlen.»

F. Scott Fitzgerald, der den Roman «The Great Gatsby» geschrieben hat, soll gesagt haben: «Die Reichen sind anders als du und ich.» Und Ernest Hemingway soll erwidert haben: «Ja, sie haben mehr Geld.» Fitzgerald verkaufte seine Bücher zu Lebzeiten nicht gut und war einkommensschwach, Hemingway stammte aus einer reichen Familie und war einer der Bestsellerautoren seiner Zeit.

Wer bin ich, der diesen Geistesriesen etwas entgegenhalten will? Dennoch – was mehr Bedeutung im Leben reicher Leute hat als in jenem von Leuten wie du und ich, sind, in aufsteigender Reihenfolge: Hauspersonal, Gesundheit, Immobilienpreise und Reichtum. Also eigentlich nur drei Themen – bei Immobilienpreisen und Reichtum geht es ja ums selbe, um Geld.

«Über Geld spricht man nicht, man hat es», sagt der Volksmund. Bloss, woher will der das wissen? Das Volk hat ja kein Geld. Ich erlebe es so: Wer kein Geld hat, spricht viel darüber. Wer viel Geld hat, spricht mehr darüber. Am liebsten mit Leuten, die weniger haben.

In einem Artikel für «Vanity Fair» erinnerte sich Schauspieler George Hamilton an einen Abend in Rom Anfang der 60er-Jahre, als er einen Anruf von Elizabeth Taylor erhielt, die in der Stadt drehte und fragte, ob er Silvester mit ihr verbringen möchte. Hamilton war mehr als geschmeichelt und erzählte berührt vom Treffen mit dem damals grössten und bestverdienenden Hollywoodstar.

Was ihm nicht auffiel, war, dass alle anderen Gäste aus Taylors Gefolge kamen – ihr Coiffeur, ihre Make-up-Künstlerin, ihre Masseuse. Ähnlich wie bei dem in Zürich, St. Moritz und Düsseldorf lebenden Erben, der seinen 50. Geburtstag im Kaufleuten feierte. Wo die besten Freunde rumsassen, die man für Geld kaufen kann.

Mark van Huisseling (52) ist Journalist und Autor. Im September erscheint sein Roman «Letzter Halt Bahnhofstrasse», in dem es auch um Reiche geht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2017, 12:29 Uhr

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