Die Schiebetür zur Welt

Das Il Baretto im Zürcher Hauptbahnhof ist zwar ein Café, aber in erster Linie ein Hotspot für Reisende. Wer hier einkehrt, bleibt nicht lange.

Kommen, Kaffee trinken, weiterreisen: Der Glasquader ist zentral für alle, die am Hauptbahnhof umsteigen. Fotos: Thomas Egli

Kommen, Kaffee trinken, weiterreisen: Der Glasquader ist zentral für alle, die am Hauptbahnhof umsteigen. Fotos: Thomas Egli

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Zu den Lieblingsbeschäftigungen vieler Zeitgenossen gehört das Beobachten der anderen. Eine gute Gelegenheit dazu bietet die Café-Bar Il Baretto im Zürcher Hauptbahnhof. An Wochentagen von halb sechs Uhr morgens bis um Mitternacht geöffnet, am Wochenende rund um die Uhr. Klar, es ist ein Café, aber eigentlich ein Hotspot, in dem sich Wanderer, Touristen, Geschäftsleute, SBB-Angestellte, Jugendliche und Senioren begegnen. Wer hier rastet, der will nicht rosten, sondern schnell einen Espresso trinken oder ein Gipfeli essen, bevor die Reise mit Sack und Pack weitergeht. Das Baretto ist also so etwas wie das Tor zur Welt. Oder genauer betrachtet: die Schiebetür zur Welt.

«Achtung, Zugseinfahrt auf Gleis 4»

Die Luft ist durchdrungen vom Geschmack frischer Back- und Süsswaren. Das rundum verglaste Café ist innen kleiner als gedacht, dafür ist die Geräuschkulisse umso grösser. Das Zischen und Fauchen der Kaffeemaschine hinter der Verkaufstheke, das Gurgeln des Milchaufschäumers, klirrende Gläser, mit denen die Abwaschmaschine gefüllt wird. Dazwischen durchschneidet eine helle Stimme den Geräuschteppich. Es ist die Frau an der Kasse: «Was darf es sein? Caffè Latte, Espresso, Macchiato, zum Hier-Trinken oder Mitnehmen?»

Schnell wird klar: Der ergatterte Platz beim Eingang hat einen nicht zu unterschätzenden Nachteil. Welche teuflische Gedanken den Architekten wohl umgetrieben haben müssen, dort eine Schiebetür einzubauen? Kaum fährt sie auseinander, zischt ein kalter Windstoss durchs Café. Das merken die beiden Seniorinnen, die nahe bei der Tür sitzen. Ihre roten, prall gefüllten Rucksäcke ruhen auf den Nebenstühlen. Die eine beugt sich tief über eine Karte und studiert eine Wanderroute. «Ich habe so schlecht geschlafen», sagt die andere. «Die ganze Nacht hat mein rechter Arm geschmerzt. Ich konnte deswegen beim besten Willen fast kein Auge zutun.»

«Gleis 12: Bitte nicht einsteigen»

Die andere Frau hört bloss mit halbem Ohr zu und macht eine Handbewegung, als würde sie das Gejammer wie eine Fliege verscheuchen. «Vielleicht sollte ich heute gar nicht mit dir mitkommen», sagt die Schlechtschlafende und erhält von ihrer Freundin erneut keine Antwort. Stattdessen streckt ihr diese die Wanderkarte unter die Nase und zeichnet mit dem Zeigefinger die Route vor. Die Frau mit den Schmerzen verdreht die Augen: «Damit du Bescheid weisst, ich habe heute Morgen keine Medikamente genommen und auch keine dabei.»

Mehr vom Gespräch aufzuschnappen, misslingt, da eine laut durcheinanderschwatzende Gruppe Japaner hereinplatzt. Junge Leute mit viel Gel im Haar, grosse, dicke Koffer rollend, die Frauen mit grell geschminkten roten Lippen. Die Schlange vor der Kasse wächst schnell an. Dicht hinter den Japanern reihen sich ein Geschäftsmann mit Aktenkoffer, zwei SBB-Angestellte und ein Senior mit schwarzer Zipfelmütze ein. Kaum hat er seinen Platz in der Schlange gefunden, klingelt sein Handy. Umständlich klaubt er es aus dem Hosensack. Als das vorsintflutliche Gerät endlich aufgeklappt ist, hat der Anrufer bereits aufgegeben. Die Lippen des Seniors werden schmal, kauen Wörter, die nur er hört. Die Zipfelmütze schaukelt auf seinem Kopf empört mit. Er betrachtet das Handy mit so finsterer Miene, als wolle er es im nächsten Augenblick in hohem Bogen unter einen Zug werfen. Die Schlange wird länger und länger, doch die Baristas hinter der Theke bleiben die Ruhe selbst. Speditiv, mit routinierten Griffen, erledigen sie ihre Aufgaben. Wieder ist die Frau mit der hellen Stimme zu hören: «Caffè Latte, Cappuccino, Latte macchiato?»

Der Blick fällt nach draussen in die Bahnhofshalle. Dort spucken Rolltreppen Menschen aus, Leute heben ihre Köpfe, um auf der Anzeigetafel Abfahrtszeiten zu studieren, kreischende Kinder rennen zu ihrem Zug. Im Café-Glasfenster spiegelt sich grellrot eine Info-Anzeige: «Einschränkung im Bahnverkehr. Unterbruch: Killwangen–Spreitenbach– Wettingen.»

«Gleis 18: Abfahrt des IR 17 nach Bern»

Drinnen im Baretto balanciert der Geschäftsmann gerade seinen Latte macchiato zum einzigen freien Stehtisch. Kaum Platz genommen, klappt er den Laptop auf und starrt auf den Bildschirm. Dabei spielt seine linke Hand gedankenverloren mit der Serviette, rollt sie zusammen, auseinander, zusammen und wieder auseinander. Was er wohl auf dem Bildschirm betrachtet? Man sieht nur sein wächsern wirkendes Gesicht im bläulichen Widerschein des Computers.

Im Baretto ist es ein wenig ruhiger geworden. Drei, vier Gäste, die Raucherfraktion, sitzen draussen, eingehüllt in dicke Jacken, Zigaretten paffend und auf ihren Smartphones herumtippend. An einem der hinteren Tische unterhalten sich die zwei SBB-Mitarbeiter lautstark über ihre Steuern. «Steuerrechnung schon bekommen?» – «Ja, ich gebe Fristerstreckung ein.» – «Warum?» – «Zu viele Rechnungen, zu wenig Kohle.»

Plötzlich drehen sich die meisten Köpfe Richtung Eingang. Dort erscheint eine grosse Frau mit langen, schwarzen Haaren und einem weissen Blindenhund. Aufmerksam wird sie vom Personal an einen Tisch begleitet. Die Kellnerin fragt: «Was wünschen Sie?» Sie sagt: «Ein Glas Wasser.» Als die Kellnerin das Gewünschte bringt, will die Kundin gleich zahlen: «Mein Zug fährt bald.» Sie nimmt ein grosses, blaues Portemonnaie hervor, bezahlt und leert das Glas mit schnellen Schlucken, tastet nach dem Hund, steht auf und geht. Hinter ihr wieder die helle Stimme: «Caffè Latte, Espresso, Macchiato?»

Dass es im Baretto hektisch zu und her geht, zeigt die geschätzte Bilanz nach einer Stunde: 38 Espresso, 65 Cafés crème, 17 Latte macchiato, 25 Gipfeli, 12 Rollkoffer, 7 Rucksäcke, 2 Laptops, 1 Zipfelmütze, 1 FC-Bayern-München-Schal und sehr viele Smartphones.

Erstellt: 20.03.2018, 10:01 Uhr

Zürcher Caféprotokolle (2/6)

Es gibt Leute, die gehen jeden Morgen in dasselbe Café, in «ihr» Café, wo sie sich jeden Morgen an denselben Platz setzen, dasselbe Heissgetränk konsumieren, dieselbe Zeitung lesen und um dieselbe Zeit wie am Vortag «ihr» Café wieder verlassen. Weshalb kann man sich nicht entscheiden, ob man das nicht mehr möchte oder ob man das auch möchte? Diese Woche protokolliert das Bellevue den geordneten Alltag in sechs Cafés. (TA)

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