Die Schneiderin in der Europaallee

Mehr als eine Woche näht Eva Bräutigam in ihrem neuen Geschäft an einem Massanzug. Nebenher engagiert sie sich im Zentrum Juch für Asylsuchende.

Bereit zur Anprobe: Eva Bräutigams von Hand genähte Kleidungsstücke müssen exakt sitzen. Foto: Doris Fanconi

Bereit zur Anprobe: Eva Bräutigams von Hand genähte Kleidungsstücke müssen exakt sitzen. Foto: Doris Fanconi

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Je mehr der weissen Leuchtbuchstaben über der Tür ihres neuen Ladens leuchteten, desto stärker wurde das Gefühl, am neuen Ort angekommen zu sein. Fortan sollte ihr Name am neusten ­Gebäude der Europaallee prangen, von der Lagerstrasse und gar von den Gleisen sichtbar. Wäre es ein gewöhnlicher Name, er würde nicht auffallen. Aber «Eva Bräutigam» sticht ins Auge. Genau deshalb kennt seit April halb Zürich ­ihren Schriftzug. Sie habe lange nach einem Namen für ihr Geschäft gesucht, aber ihr eigener schien ihr schliesslich am passendsten. Inzwischen hat sich die 31-Jährige an die Buchstaben gewöhnt und freut sich, dass ihr Name Kunden anlockt. Zuweilen auch solche, die sich nach der Brautmode erkundigen.

Eva Bräutigam steht für Feinmass­kleidung und Masskonfektionen sowohl für Damen als auch für Herren, hergestellt mit höchstem Anspruch an Qualität. Das betrifft die Verarbeitung, aber auch die Materialien.

Eine der Letzten in der Schweiz

Eva Bräutigam näht von Hand aufwendige Kleidungsstücke als Feinmassanfertigungen. Vom Abendkleid bis hin zum Anzug alles. Als Feinmassschneiderin pflegt sie als eine der Letzten in der Schweiz dieses traditionelle englische Schneiderhandwerk. Ziel ist es, dass das Stück exakt am Körper sitzt. Vom Schnitt bis hin zum fertigen Kleidungsstück sind bei ihr den Wünschen der Kunden keine Grenzen gesetzt. In unverwechselbarem Ostschweizer Dialekt sagt sie: «Ich arbeite extrem gerne von Hand. Das hat für mich etwas Meditatives.» Sie setzt sich, stellt den Fuss auf einen Schemel, nimmt die Näharbeit aufs Knie, den goldenen Fingerhut zur Hand und zieht den Faden in immer gleichen Abständen durch den Stoff. Die starken Hände fallen auf und passen irgendwie nicht zu ­ihrer zierlichen Erscheinung. Wenn sie so ein Revers pikieren könne, sei sie glücklich, sagt Eva Bräutigam. Gemessen an ihrer Ausstrahlung tut sie das oft.

Dressieren mit sechs Kilo

Das Pikieren von Hand ist eines der Hauptmerkmale für echte Feinmassarbeit. Für die optimale Formgebung an Kragen, Schultern oder am Hosenbund arbeitet Bräutigam mit losen Einlagen aus Kamel- oder Rosshaar. Die Knopflöcher stickt sie von Hand, die Revers­kanten wie auch das Futter näht sie mit Nadel, Faden und Fingerhut. Nur für die Längsnähte nimmt sie die Maschine. Damit der Stoff genau allen Körperformen entspricht, an den Waden, Schultern oder an der Brust beispielsweise, dressiert sie ihn zusätzlich. Das heisst, sie bügelt den Stoff in feuchtem Zustand mit einem antiken, sechs Kilogramm schweren Bügeleisen in die Form.

Nach dem Massnehmen und der Stoffauswahl kommen die Kunden mindestens noch zwei weitere Male zur Anprobe im Atelier vorbei. Das Kleidungsstück lässt sie zuvor eine Nacht lang an der Büste hängen, bevor es dem Kunden übergeben wird. Es soll ganz bewusst einmal zur Ruhe kommen, sagt sie. 60 bis 80 Stunden verbringt Bräutigam mit einem Kleidungsstück, bis es zum Kunden geht. Manchmal sind es auch mehr. «Fertig ist ein Stück erst, wenn ich damit zufrieden bin», sagt sie. Ihr Mitarbeiter Marcello Nicoli sagt, nur ein präzis verarbeitetes Kleidungsstück habe für sie Qualität. Das zeigt sie auch bei der eigenen Kleiderwahl und beim stets akkurat frisierten blonden Haar. Ihre eigenen Kleider kauft sie bei ausgesuchten Anbietern ein. Wer sich also einen von Bräutigams Feinmassanzügen für rund 6800 Franken leistet, investiert in hochwertige Handarbeit und – kauft viel von ihrer Zeit. Das ist ihr wichtig.

Schon als Kind in Kreuzlingen hat Eva Bräutigam viel mit Textilien gearbeitet. Nach der Schule begann sie eine Lehre als Damenschneiderin in Basel. Daneben boxte sie wettkampfmässig, bis eine Ellenbogenverletzung sie daran hinderte. Später lernte sie das traditionelle englische Handwerk der Herrenschneiderei in Zürich. «Da werden andere ­Anforderungen an die Qualität gestellt», sagt sie. 2009 machte sie sich selbst­ständig, machte die Berufsprüfung und unterrichtete nebenbei an der Berufsschule Basel den Damenschneidern und Damenschneiderinnen das Handwerk. In ihrem «kleinen, aber feinen» Atelier im Soussol eines Wohnhauses in der Enge nähte sie fast rund um die Uhr. «Sie macht keine halben Sachen, um ihre Ziele zu erreichen», sagt eine Freundin.

Kochen im Armenviertel

Trotzdem nahm sie sich Zeit, 2012 nach Salvador da Bahia zu reisen und für ­Cuisine sans Fontières (CSF) in einer Armenküche zu helfen. Die Zürcher Hilfsorganisation realisiert weltweit Projekte rund um die Esskultur. Und Bräutigam kocht leidenschaftlich gern. Den Frauen vor Ort gab sie Nähkurse. Die vier Wochen haben ihr Leben geprägt: Sie reist seither öfters an den Karneval und zu ­ihren brasilianischen Freunden.

Zudem ist Bräutigam heute Mitglied des CSF-Vorstands, der bis am Samstag in der Roten Fabrik seinen traditionellen Kitchen Battle durchführt, ein Benefiz-Wettkochen zweier Szenenbeizen für über hundert Gäste. Bräutigam betreut bei CSF das Projekt in der Asylunterkunft Zentrum Juch in Altstetten. Um Spannungen unter den Asylsuchenden abzubauen, organisiert ihr Team gastronomische Veranstaltungen.

Nach sechs Jahren im Atelier hatte sie den Wunsch, in einer Umgebung von  anderen «Handwerkern» zu arbeiten. Ihr Konzept überzeugte die SBB. Bräutigam sagte zu. «Eine solche Chance bietet sich dir nur ein Mal im Leben.»

Mittlerweile hat Bräutigam drei Angestellte, doch nach wie vor arbeitet sie oft sechs Tage die Woche bis spät in die Nacht. Dass draussen quasi das volle ­Leben an ihr vorbeizieht, schätzt Bräutigam. «Mein Beruf ist so ruhig, da liebe ich das Treiben der Stadt», sagt sie. Für den körperlichen Ausgleich besucht sie noch immer das Boxtraining. Und wenn sich Bräutigam dann tatsächlich einmal für sich Zeit nimmt, dann raucht sie eine Zigarre. «Darin steckt ebenso viel Qualität wie in meinen Kleidungsstücken.»

Für Spontanentschlossene hat es für den heutigen Vegi Kitchen Battle noch Tickets (150 Franken). Die Markthalle tritt gegen den Nachtjäger an.

www.cuisinesansfrontieres.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2015, 22:28 Uhr

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