Zürichs Köpfe (5): Ein Rüeblisaft mit der Internetpionierin Bea Knecht:

Die TV-Kuratorin

Bea Knecht hat das Fernsehen auf den Computer gebracht. Die Gründerin von Zattoo sagt, dass das TV der Zukunft die Sender dazu zwinge, noch bessere Inhalte zu liefern.

Zattoo sei «ein Geschenk an den Nutzer», sagt Bea Knecht. Fotos: Doris Fanconi

Zattoo sei «ein Geschenk an den Nutzer», sagt Bea Knecht. Fotos: Doris Fanconi

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Was Bea Knecht mit ihrem Team fertigbrachte, scheint rückblickend nicht mehr so wahnsinnig revolutionär. Fernsehen auf dem Computer, dem Handy, dem Tablet ist längst selbstverständlich. Vergessen geht dabei aber, dass Bea Knecht und ihr Geschäftspartner und Studienkollege, der US-Professor Sugih Jamin, es waren, die weltweit als erste gratis Fernsehen auf mobilen Geräten ermöglichten.

Damals, 2005, als sie Zattoo in den USA gründeten, schienen Bea Knechts Backenknochen noch nicht ganz so hoch, ihr Haar war kurz. Damals war sie auch noch ein Mann, einer, dem man ansah, dass er viel Zeit hinter Computern verbrachte. Darüber, wie aus Beat vor knapp zwei Jahren Bea wurde, spricht Knecht offen. Auch, wie sie sich aufmachte, den besten Arzt für ihr Gesicht zu finden. Aber darum geht es hier nicht, denn ein gescheites Hirn hat schliesslich kein Geschlecht.

Sich mit den Besten messen

Bea Knecht (47) greift zum Rüeblisaft. Verschnaufpause. Die Frau hat viel zu erzählen, tut das schnell, aber dennoch präzise. Um sie herum muss man wach sein, sonst verliert man den Anschluss. Nur im Hiltl, wo wir uns treffen, sagt sie, schmecke der Saft wie in Kalifornien.

Knecht hat viel Zeit in den USA verbracht. Sie benutzt oft englische Ausdrücke, spricht von Curating, Landing Pages und Social Graphs, wenn sie über die Zukunft des Fernsehens redet. Inzwischen sind die USA nur noch Knechts zweite Heimat. Lange waren sie ihre erste. Und dass das so werden sollte, war der Entscheid eines 17- jährigen, neugierigen Jungen, der seinen Eltern sagte, er wolle auswandern.

Natürlich hatte er seine Gründe: Er wollte, damals Anfang der 80er-Jahre, Informatiker werden. Beat Knecht wollte die beste Ausbildung. Und die gab es eben in Kalifornien. Also verliess er das aargauische Windisch, wo seine Eltern ein Carreiseunternehmen hatten.

Beat Knecht besuchte die High School in der Nähe von San Diego, machte dort den Abschluss und bewarb sich an der University of California in Berkeley. Er wurde als einer von 400 aufgenommen. Nur 60 von ihnen haben vier Jahre später das Bachelordiplom erhalten. Unter ihnen Knecht. Beat spezialisierte sich auf Chip Design, auf die Schnittstelle zwischen Hard- und Software. In diesen vier Jahren verliess er den Campus nur wenig. «Ich habe mich angestrengt wie sonst nie im Leben», sagt Knecht. Er mass sich mit den Besten und musste einsehen, dass er nicht zu ihnen gehörte. Denn die Besten waren jene, die sich nicht nur die «Denkmaschinen ausdachten», sondern auch Codes fanden, um die Ideen in die Realität umzusetzen. Knecht war bald klar: Er hat andere Qualitäten.

Dennoch programmierte auch er Tausende von Zeilen, bevor er damit aufhörte. 1995 fing er an, sich ausschliesslich auf Management- und Beraterfunktionen zu konzentrieren. Knecht arbeitete für die UBS, für McKinsey und für Internet-Start-ups.

Beat Knecht gehörte in Berkeley zu einer Gruppe von Menschen, die sich technologisch längst in der Zukunft bewegten. 1986 hatten sie an der Eliteuni bereits Internet. Und es war den jungen Tüftlern schon damals klar, dass es irgendwann möglich sein würde, übers Web fernzusehen. 1990 las Knecht eine Spezifikation, die aufzeigte, wie das gehen könnte. Es dauerte 15 Jahre, bis die Computer und das Internet schnell genug waren und die Komprimierungs-Algorithmen für Ton und Bild genug ausgereift, bis ein Unternehmen wie Zattoo gegründet werden konnte.

Knecht nennt Zattoo «ein Geschenk an den Nutzer». Zattoo ist gratis, nur wer keine Werbung will und noch mehr Sender als die 140 im Standard­programm, muss bezahlen.

Zurück in die Schweiz

Der Zufall spielt dabei mit, dass Zattoo als Erstes den Schweizerinnen und Schweizern geschenkt wurde. Eigentlich hätte die Firma in den USA starten wollen. Allerdings war es unmöglich, von den vielen Sendern die Übertragungsrechte zu erhalten und dafür zu bezahlen. In der Schweiz war das anders: Fast zufällig hatte Knecht davon erfahren. Und so kam er zurück in die Schweiz, um die Firma voranzubringen. Geschäftspartner Jamin blieb mit den Entwicklern in den USA. Noch heute arbeiten Zattoo-Entwickler dort, aber auch Berlin und Zürich.

Zattoo ist in sieben Ländern aktiv, in den USA gibt es das Angebot allerdings bis heute nicht. 15 Millionen Nutzer hat die Firma inzwischen, die meisten hier und in Deutschland. Nutzer, die sich Sendungen live oder im Nachhinein anschauen. 50 Personen arbeiten dafür. Die Firma ist sei 2011 in der Gewinnzone und macht laut Knecht einen Umsatz von knapp 15 Millionen Franken.

Filmverleih ohne Abo

Knecht hat angekündigt, dass Zattoo dereinst auch Filme und Serien zur Verfügung stellen könnte, im Unterschied zum Internetfilmverleih Netflix aber nicht im Abomodell, sondern durch Werbung finanziert. So weit ist es noch nicht. Jetzt, wo die Konkurrenz Zattoo eingeholt hat, versucht die Firma, sich mit mehr Übersicht und besserer Suchfunktion abzuheben. Doch wie geht es weiter? Und vor allem: was wird aus dem Fernsehen? «Das wird noch individueller, sowohl was das Zuschauer­verhalten als auch die Werbung angeht», sagt Knecht. Von Letzterer lebt Zattoo, sie zu generieren gehört zum Kerngeschäft. Weil die Nutzer ein Konto haben, weiss die Firma genau, wer sich was wann anschaut. Deshalb kann Zattoo auf die Zielperson ausgerichtete sogenannte Landing Pages schalten. Und sollte Zattoo künftig mit sozialen Netzwerken wie Facebook zusammenar­beiten, würde die Firma auch erfahren, wer die Freunde der Nutzer sind und was die Zuschauer einander empfehlen. Social Graph nennt sich diese Art von Daten.

Fernsehen, das Lagerfeuer des vergangenen Jahrhunderts, bleibt für Knecht also eine soziale Angelegenheit. Die Zukunft, sagt Knecht, wird kuratiertes Fernsehen sein. So könnte Zattoo künftig nicht nur das Programm von Fernsehstationen anbieten, sondern auch von Leuten, die selbst einige Stunden Programm zusammenstellen. «Der Bea-Sender zum Beispiel», so Knecht, «mit Serien, Dokumentationen und News von Fernsehstationen aus der ganzen Welt, die eben Bea empfiehlt». Das schafft dann wieder ein gemeinsames Fernseherlebnis. Und gerade weil solche kuratierten Sender vom Inhalt leben, sagt Knecht, sind die Fernsehstationen gefordert, guten Inhalt zu produzieren. Das macht doch irgendwie Hoffnung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2014, 20:14 Uhr

Visionäre Zürcher Köpfe

Unter dem Titel «Zürichs Köpfe: Ein Getränk mit …» treffen wir Tüftler, Intellektuelle, Grübler und andere spannende Zeitgenossen und reden mit ihnen über ihre Erkenntnisse.

Bea Knecht, 47, hat Informatik studiert und ist Mitgründerin und VR-Präsidentin von Zattoo. Dieses Jahr erhielt die Transfrau den Ehrenpreis von Best Swiss Web für ihre herausragende Leistung. Gestern wurde ihr der «Digital Lifetime Award» verliehen.

Nächste Folge: Ein Ristretto mit ­Biologe Hans Herren.

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