Die bengalische Quittung

Die Welcome-Drinks in Hotels sind vieles. Zum Beispiel Entschädigung. Köder. Oder Ablenkungsmanöver. Nur in Zürich hat man das noch nicht begriffen.

Kleine Getränke erhalten die Gastfreundschaft: Begrüssungsdrink mit Kräuterdekoration. Foto: Oliver Lippert (Stockfood)

Kleine Getränke erhalten die Gastfreundschaft: Begrüssungsdrink mit Kräuterdekoration. Foto: Oliver Lippert (Stockfood)

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Zu viel Gastfreundschaft wirkt abführend. Diese Erkenntnis kam auf einer Studienreise in Thailand mit einer Gruppe von Reisebüroangestellten. Wir schauten uns an einem Vormittag fünf Hotels an. Bei jeder Réception warteten schon freundlich lächelnde Angestellte, die uns eiskalte Tücher und kleine Gläser mit einem bräunlichen Getränk überreichten. Die Welcome-Drinks hiessen Nam Matoom, sie basierten auf bengalischer Quitte und schmeckten fantastisch. Die Frucht soll reinigend wirken, die Verdauung anregen. Nicht nur aus Höflichkeit kippte ich alle Gläser runter. Am Abend erhielt ich dann die bengalische Quittung: Durchfall.

Seither habe ich ein gespaltenes Verhältnis zum Welcome-Drink im Hotel. Klar, er stellt eine schöne Geste dar und ist oft ziemlich lecker. Doch es gibt wenig Zermürbenderes, als wenn man nach der langen, strapaziösen Reise hundemüde und nassgeschwitzt zuerst einen Cocktail kippen muss, bevor man sich in den Pool oder ins Bett stürzen darf.

Das Ritual auf die Spitze getrieben hatte einmal das Personal im Hotel Sofitel So in Bangkok: Eine Angestellte brachte eine Art Chemiekasten mit vier Reagenzgläsern ans Check-in-Tischchen, ihr Kollege mixte die bunten Flüssigkeiten zu einem dampfenden Gebräu zusammen und verzierte das Ganze mit kunstvoll geschnitzten Früchte-Spiesschen – eine unglaublich zeitraubende Prozedur. Gut möglich, dass das Zimmer noch nicht bereit und das Willkommensgetränk also nichts anderes als eine clevere Möglichkeit war, Zeit zu schinden.

In Ägypten zum Beispiel macht man in den meisten Ferienresorts Bekanntschaft mit der Toilette in der Lobby, ehe man die Zimmerschlüssel ausgehändigt bekommt: Schuld daran ist der süsse Malventee, der dort in Halblitergläsern serviert wird. Wie viele Gäste die erste Nacht am Ferienort infolge eines Zuckerschocks im Spital- statt im Hotelbett verbracht haben, ist leider nicht bekannt.

Der Drink ist eine Visitenkarte

Gewisse Skepsis ist immer dann angebracht, wenn der Begrüssungstrunk besonders viel Alkohol enthält – es drängt sich der Verdacht auf, dass der Hotel­direktor den Gast betrunken bevorzugt, weil so die Chance steigt, dass er die Löcher in der Bettwäsche und die Kalkablagerungen in der Dusche übersieht. Oder die Geräusche der benachbarten Hahnenzucht überhört. Ich bin schon in Häusern abgestiegen, in denen ich mir den Welcome-Drink mit K.-o.-Tropfen gewünscht hätte – dann hätte ich ­wenigstens schlafen können.

In Asien scheint man regelrecht besessen zu sein von Welcome-Drinks. Nachdem ich einmal spontan meinen Aufenthalt in einem Hotel in Kambodscha um einen Tag verlängert hatte, servierte man mir an der Réception prompt einen weiteren Früchtetee – obwohl ich schon seit einer Woche Gast war in diesem wunderbaren Haus. Beim nächsten Halt gabs den Welcome-Drink bereits vor dem Transfer vom Flughafen zum Hotel. Eine Miss Apple, die mich in ihrem uralten roten Mercedes abgeholt hatte, drückte mir bei der Begrüssung ein eisgekühltes Bier aus dem Kofferraum in die Hand: «Here is your welcome drink!» Bis heute hege ich den ­Verdacht, dass mich die Frau nur milde stimmen wollte für die anschliessende Fahrt über Hunderte von Schlaglöchern.

Witzig wurde es in Japan. Wir hatten online in einem Hotel für drei Nächte reserviert. In der Lobby wurden wir herzlich begrüsst – und dann ignoriert. Nach 20 Minuten fragten wir, ob man uns nun unser Zimmer zeigen könne. Beschämt teilten uns die Angestellten mit, dass sie bloss gewartet hätten, bis wir unseren Welcome-Drink getrunken hätten. Der Krug mit dem Grüntee an der Réception war japanisch angeschrieben.

Das ist das Schöne an dieser Tradition: Man bekommt einen ersten Eindruck davon, wie ein Ort schmeckt und funktioniert. Wie die Geschmeidigkeit der Pantoffeln, wie der Duft des Dusch­shampoos sind die Drinks Visitenkarten eines Hotels. Wer auf Tripadvisor die Hotelbewertungen durchgeht, findet oft eine Bemerkung zum Welcome-Drink: Wenn dieser mundete, schnitt das Haus in der Regel gut ab – der erste Eindruck zählt eben doch.

Umso erstaunlicher, dass der Brauch in Zürcher Hotels viel weniger verbreitet zu sein scheint, wie eine Kurzumfrage zeigt. «Auch wenn wir eins der traditionsreichsten Häuser der Hotelbranche sind, kann ich leider mit keiner speziellen Tradition in Bezug auf ein Begrüssungsgetränk dienen», schreibt der Verantwortliche des Baur au Lac auf Anfrage. Auch wer im Dolder, im Alexander, im 25 Hours Hotel oder im Hotel Helvetia eincheckt, muss das Empfangsgetränk entbehren. Die Begründungen sind unterschiedlich: Entweder verweist man auf das umfangreiche Angebot an Schänken in der Nähe des Hotels – oder, wie im Falle der Helvti, auf die hauseigene Bar, wo Gäste beim Einchecken bestellen können, worauf sie gerade Lust haben . . . notabene gegen Bezahlung.

Einen Welcome-Drink im Programm führen die Hotels Widder und Helmhaus. Im Widder gibt es beim Ein­checken je nach Jahreszeit Eistee oder einen warmen Tee. Das Helmhaus serviert seinen ankommenden Gästen Mineralwasser mit oder ohne Kohlensäure, Punsch oder einen Riesling-Silvaner.

Weisswein, Tee, Wasser – eine Auswahl wie beim Zünfter-Apéro. Und natürlich passt das zu Zürich; so erkennt ein Tourist sofort, dass es hier ernsthafter zu- und hergeht als etwa in Pattaya.

In der Schweiz gibts den Apéro

Eine (löbliche) Ausnahme bildet das Hotel Renaissance in Zürich-West. Als wir da vor einiger Zeit nach einer feuchtfröhlichen Party morgens um halb vier einchecken wollten, vergingen keine fünf Minuten, bis uns ein Angestellter ein Cüpli in die Hand drückte. Allerdings hatten wir vielleicht auch bloss Glück: Denn an jenem Abend war auch die Belegschaft des Cirque du Soleil dort zu Gast und infolgedessen die Bar selbst zu so später Stunde noch bestens besetzt – mit literweise Bier trinkenden Artisten aus Russland.

Der Eindruck, dass der Welcome-Drink hierzulande kaum verbreitet sei, täusche womöglich, sagt Corinne Seiler vom Branchenverband Hotelleriesuisse. Viele Hotels seien schlicht der Meinung, dass dieses Getränk keinen Einfluss auf einen Buchungsentscheid habe, weshalb das Angebot nicht aktiv beworben werde. Dafür würde neuen Gästen indes oft ein Apéro spendiert, natürlich verbunden mit der Hoffnung, dass diese anschliessend auch gleich noch im hotel-eigenen Restaurant speisen.

In Hotels mit vier oder fünf Sternen seien Apéros, bei denen auch die Hoteldirektion anwesend sei, durchaus üblich, sagt Seiler: «Während in einem Businesshotel primär ein Internetzugang beansprucht wird, wird in der ­Ferienhotellerie ein Welcome-Drink von den Gästen sehr geschätzt.»

Ein Welcome Drink kann also vieles sein: Entschädigung für die beschwerliche Anreise, Ablenkungsmanöver bei fehlendem Duschvorhang, Köder für schlecht ausgelastete Hotelrestaurants. Am besten schmeckt dieses spezielle Getränk jedoch immer dann, wenn es aus purer Gastfreundschaft serviert wird, ganz ohne Absicht und Hintergedanken. Wie damals in diesem Resort in Malaysia, wo ich nach Besichtigung der Bungalows doch nicht eingecheckt habe, die Betreiber mich aber gleichwohl nicht weiterziehen liessen, bevor ich ihren Welcome-Drink probiert hatte – und ich bekam nicht mal Durchfall davon.

Erstellt: 13.02.2015, 19:38 Uhr

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