Die mit der grossen Uhr

Die St.-Peter-Kirche wird oft unterschätzt, dabei ist sie der älteste protestantische Sakralbau nach der Reformation und hat erst noch eine Falltüre. Sie führt in die Geschichte.

Grafik zum Vergrössen anklicken.

Grafik zum Vergrössen anklicken.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zürichs Altstadtkirchen aufzuzählen, fällt leicht – auf den ersten Versuch zumindest: Grossmünster, Fraumünster und . . . die mit der grossen Uhr. Das ist das Schicksal des St. Peter. Hinter den vermeintlichen «Münstern» muss er zurückstehen. Doch zu Unrecht, überragt er doch die beiden anderen Gotteshäuser in verschiedenen Punkten: Er liegt höher, sein wuchtiger Turm wirkt standhafter, und ganz Zürich tickt nach seiner Uhr. Wo schaut man am Limmatquai auf die Zeit? Wohin schwenkt die Fernsehkamera am Sechseläuten jeweils kurz vor 18 Uhr? Auf den St. Peter.

Doch vor allem ist der St. Peter Zürichs ältester protestantischer Sakralbau nach der Reformation. Grund genug für uns, in der Vorweihnachtszeit eine Woche lang das Baudenkmal von aussen und von innen zu beleuchten.

«No access» für Touristen

Dass der Moränenhügel über Jahrhunderte ein Anziehungspunkt für Gläubige war, zeigt sich im Untergrund unter dem Kirchenchor. Doch dazu braucht es Andrea Saxer. Nur der Sigrist, den man eher in die Kategorie Sportlehrer eingeordnet hätte, hat einen Schlüssel zur kleinen Falltüre. Und er ist stolz darauf, denn die Geschichte hat es ihm angetan. Er lässt uns in den Archäologiekeller absteigen. Untersuchungen vor rund 40 Jahren haben gezeigt, dass der St. Peter vier Vorgängerkirchen hat. Mindestens. Da sieht man die Grundmauern der ersten vorromanischen Kirche. 857 wurde der einschiffige Bau ohne Turm erstmals urkundlich erwähnt. Die gerundeten Mauerreste lassen noch die Apsis erkennen . . . doch dann werden auf der Leiter plötzlich Beine sichtbar. «No access», ruft Saxer. Touristen, sagt er, darum spreche er sie immer Englisch an.

Weitere Mauern zeugen von der Erweiterung des Chors 200 Jahre später und dem spätromanischen Neubau aus dem 13. Jahrhundert. Dieser wurde erstmals mit einem Turm gebaut. «Es ist ergreifend», sagt Saxer, der Sigrist im Kapuzenpulli, «dass man auf dem Hügel schon vor 1200 Jahren der Frage nach­gegangen ist, was Leben ist und wofür man lebt.»

Keine Bilder, keine Ablenkung

Den Zutritt zur hölzernen Kanzel lassen wir uns mit dem Sigrist im Schlepptau nicht nehmen. Schliesslich, so empfiehlt er, sei dort oben nicht nur die Aussicht «fantastisch». «Hier spürt man die Kraft dieses Ortes.» Der Blick in den grossen weissen Saal mit den schlichten Stuckaturen hat tatsächlich etwas Magisches.

1706 wurde dieser barocke Saal im ersten Sakralbau nach der Reformation eingeweiht. 650 Personen finden darin Platz zum Sitzen. Als Johann Caspar Lavater Ende des 18 Jahrhunderts St.-Peter-Pfarrer war, predigte er noch von der Kanzel. Nur von dort oben hatte er den Überblick über all die zahlreichen Kirchbesucher. Der jetzige Pfarrer, Ueli Greminger, zieht es vor, vom Taufstein her zu sprechen.

Erst beim Wandeln durch den Saal fällt auf, wie schlicht er tatsächlich ist. Und Saxer erzählt vom 500-jährigen Marienbild rechts des Chors, das bei der Renovation in den 70er-Jahren freige­legt und dann wieder überdeckt wurde. Zu viel Ablenkung! Zwinglis Erbe wirkt nach.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.11.2014, 20:08 Uhr

Serie «Im Huus»

In der Serie «Im Huus» widmen wir uns jeweils mehrere Tage lang dem Innenleben eines besonderen Zürcher Gebäudes. Dies kann ein äusserlich schlichtes Bürohaus sein, ein Stadion oder eine Kirche. Diese Woche widmen wir dem St. Peter.

Artikel zum Thema

«Es ist DIE Orgel für mich»

Interview Seit 12 Jahren ist Margrit Fluor Organistin im St. Peter und damit Chefin über 2500 Pfeifen, wie sie sagt. An der Orgel dort mag sie besonders, dass es ein Allround-Instrument ist. Mehr...

Im Kampf gegen den Bedeutungsverlust

Deutschlands evangelische Kirche hat mit Heinrich Bedford-Strohm einen neuen Präsidenten. Er will sich einmischen. Mehr...

Wo die Kirche politisch Farbe bekennt

In der Geschichte der reformierten Kirche Offener St. Jakob hat der soziale Einsatz für die Schwächsten Tradition. Derzeit bietet sie kurdischen Aktivisten Asyl. Mehr...

Dossiers

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Deshalb lassen sich Frauen online gut abschleppen

Hör auf, Frauen Drinks zu spendieren, und konzentriere dich besser darauf, beim Casual Dating Gas zu geben. Die Chancen auf eine heisse Nacht sind auf den Erotik-Portalen deutlich besser.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Ganz in weiss: Josephine Skriver posiert vor der Vorführung des Films «Roubaix, une lumière» in Vannes auf dem roten Teppich. (22. Mai 2019)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...