Die persönliche Jeansformel

Zwei Zürcher Ingenieure erlösen die Frauenwelt vom Shopping-Frust: Sie haben eine Formel für Denimhosen entwickelt, welche die perfekte Passform errechnet.

Über 100 Frauen mussten stillstehen, bis die Formel ausgereift war: Die Ingenierure Andreas Guggenbühl und Michael Berli.

Über 100 Frauen mussten stillstehen, bis die Formel ausgereift war: Die Ingenierure Andreas Guggenbühl und Michael Berli. Bild: Sophie Stieger

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Entweder sie kneift, oder sie schlabbert, entblösst beim Hinsitzen Körperregionen, die eigentlich verhüllt gehören, oder rutscht beim Gehen ständig runter. Und hat man endlich eine Jeans gefunden, die auf den Oberschenkeln und um die Hüfte einigermassen anständig sitzt, ist sie garantiert zu kurz.

Es gibt kaum ein Kleidungsstück, dessen Beschaffung eine grössere Tortur für Frauen darstellt als Denimhosen. Da Körper im Gegensatz zu Textilien keine einheitlichen Massenwaren sind, scheinen nach einer auslaugenden Shopping-Tour selbst die Erfolgschancen im Lotto höher zu sein als jene beim Jeanskauf. Wie schön es doch wäre, gäbe es eine Jeans, die unsere unproportional breiten Hüften, den flachen Hintern oder die kräftigen Waden berücksichtigte.

Die Hose macht den Bachelor

Die gute Nachricht: Die perfekte Jeans existiert. Das Geheimnis heisst Massanfertigung. Was früher stolze Preise und mehrere Sitzungen beim Schneider des Vertrauens bedeutete, geht seit kurzem bequem übers Internet und ist erst noch bezahlbar. Seit drei Monaten nämlich bietet das Zürcher Start-up-Label Selfnation auf seiner Website individuell angefertigte Jeans an. Und die finden Anklang. «Wir kriegen viele Mails von Kundinnen, die uns mitteilen wollen, wie glücklich sie mit ihrer Selfnation-Jeans sind», sagt Gründer Michael Berli. Es gebe sogar Frauen, die nach der ersten Bestellung gleich die gesamte Kollektion ordern, ergänzt Andreas Guggenbühl, der zweite Initiator.

Berli und Guggenbühl starteten ihr Projekt vor eineinhalb Jahren, nachdem sie sich von Kolleginnen das Geklöne über den leidigen Jeanskauf hatten anhören müssen. Die beiden ETH-Absolventen tüftelten fortan an einer Formel, mit der sich anhand von acht Messpunkten die ideale Passform errechnen lassen soll, und widmeten diesem mathematischen Satz gar ihre Bachelorarbeit. Nach einem Testlauf, bei dem über 100 Frauen vermessen wurden, war es so weit, die Formel ausgereift. Andreas Guggenbühl: «Alles wird berechnet, selbst die Gesässtasche, damit auch Details wie Grösse und Abstand zwischen den beiden Taschen stimmen.»

Der Name des Labels setzt sich aus den zwei englischen Begriffen «self-confidence» und «nation» zusammen. Ersterer, das «Selbstbewusstsein», hoffen sie der Käuferin durch den Tragekomfort zu vermitteln. «Nation» wiederum spielt auf die involvierten Länder an. Die Technologie wird in einem kleinen Büro im Zürcher Technopark entwickelt, die Stoffe werden jedoch aus Norditalien bezogen, und produziert wird in Deutschland. Auch die Designerin Lisa Joost lebt nördlich der Grenze. Die 25-jährige Berlinerin hat bereits für Yves Saint Laurent in Berlin sowie Victor de Souza in New York gearbeitet und entwirft nun Jeans für Selfnation.

Vier verschiedene Basic-Modelle werden bisher angeboten. Dabei kann zwischen Slim Fit und Regular ausgewählt werden, bald auch zwischen Low Waist und Mid Waist. Zurzeit beschäftigt sich das Selfnation-Team mit der Ausweitung des Sortiments auf Männerhosen.

Dies, weil neben den weiblichen Feedbacks auch Rückmeldungen von Männern eingegangen sind, welche ihre Freundinnen um die schicken massgeschneiderten Jeans beneiden. «Die Nachfrage ist auf jeden Fall da», sagt Andreas Guggenbühl.

Der Praxistest

219 Franken kostet eine Hose von Selfnation. Das ist nicht nichts, aber auch nicht viel, wenn man bedenkt, dass Markenjeans, etwa von Diesel oder Replay, im selben Preissegment rangieren. Nur, lohnt sich die Investition wirklich? Oder ist man mit einem 50-Franken-Teil vom schwedischen Kleiderriesen am Ende besser bedient? Ich mache den Test.

Die Bestellung erfolgt problemlos. Nachdem ich mich für die schwarze Variante namens Oslo Rocks entschieden habe, muss ich verschiedene Masse angeben wie den Bund, Hüft-, Schenkel- und Knieumfang sowie die innere Beinlänge. Wer kein Meterband zu Hause hat, kriegt von Selfnation gratis eines zugeschickt. Kurze Videos veranschaulichen, wie man richtig abmisst. Nach fünf Minuten ist der Auftrag abgeschickt, zehn Tage später liegt das Paket in meinem Briefkasten.

Gespannt schlüpfe ich in die neuen Jeans, ziehe den Stoff an meinen Schenkeln hoch und knöpfe knapp unter dem Bauchnabel zu. Und siehe da: Passt wie angegossen! Die Hose schneidet nirgends ein, sitzt dennoch satt und stimmt sowohl in der Länge wie auch von der Höhe des Bunds her. Meine Begeisterung kennt kaum Grenzen. Ich schwärme meinen Freundinnen vom hohen Tragekomfort vor und ziehe meine Selfnations praktisch zu jeder Gelegenheit an.

Ein Fehler, wie sich bald herausstellt. Denn obwohl ich nun wahrlich keine ausgefallenen Aktivitäten in der Jeans unternommen habe, weitet sich das Material bald, das Kleidungsstück leiert aus. Schade, finde ich.

Eine unglückliche Ausnahme, versichern mir Andreas Guggenbühl und Michael Berli. Bisher habe sich noch keine Kundin über dieses Problem beschwert. Andernfalls hätte es einen kostenlosen Ersatz gegeben, oder, falls gewünscht, das Geld zurück. Kleinere Unstimmigkeiten lässt man zudem bei einer Partnerschneiderin beheben – auch das ohne Zusatzkosten. Den beiden Jungunternehmern liegt viel an der Zufriedenheit ihrer Abnehmer.

Fazit: individuelle, bequeme und gleichzeitig modische Jeans aus lokaler Produktion, die das lästige Anprobieren in engen Umkleidekabinen wegfallen lassen. Sofern das Ausleiern des Stoffs bei der Testhose tatsächlich nur ein Einzelfall war, können Selfnation-Jeans mit dem Preis von 219 Franken in Anbetracht des Preis-Leistungs-Verhältnisses als Schnäppchen bezeichnet werden. Besonders wenn sie das Ziel der Gründer erfüllen und die Trägerin dank schmeichelnder Beinkleider zu mehr Selbstwertgefühl findet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2014, 10:58 Uhr

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