Die rollenden Bretter aus Nepal

Marius Arter verbindet eine urbane Sportart mit traditioneller Schnitzkunst – er verkauft in Zürich Skateboards, die er im Herzen Asiens produzieren lässt.

Der gelernte Schreiner Marius Arter legt bei der Produktion der Bretter auch selbst Hand an. Fotos: Sylvain Cabannes

Der gelernte Schreiner Marius Arter legt bei der Produktion der Bretter auch selbst Hand an. Fotos: Sylvain Cabannes

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Ein Mann kurvt auf dem Motorrad durch die Strassen Kathmandus. Er schlängelt sich um Schlaglöcher, Fussgänger und Hunde; überholt mal links und mal rechts, bei einem Taxi wirds extrem knapp, kurz: Es ist der Fahrstil eines Einheimischen. Als der Mann aber in einen backsteingepflasterten Innenhof einbiegt, das Motorrad abstellt und den Helm vom Kopf nimmt, wird seine helle Haut sichtbar. Er ist Schweizer. Seine Personalien: Marius Arter, 29 Jahre alt, wohnhaft in Zürich.

Kurz danach wechselt Arter mit einem Mann, der vor der Haustür am Boden sitzt und schnitzt, ein paar Worte auf Nepali – der Mann heisst Kiran, er ist einer der besten Schnitzer der Stadt.

Das alte Schnitzhandwerk hat eine grosse Tradition in Nepal, doch Kiran arbeitet an einem modernen Stück: Es ist ein Skateboard, das er da mit dem nackten Fuss festhält und in das er mit einer Art Meissel den Schriftzug «Arniko» einritzt. Arniko ist der Name eines berühmten nepalesischen Architekten aus dem 13. Jahrhundert – und ebenso der zweite Vorname von Marius Arter, dem Gründer und Geschäftsführer der Arniko Skateboards GmbH.

Ausgerechnet Kathmandu

Arter ist in Kathmandu zur Welt gekommen (daher sein nepalesischer zweiter Vorname), er hat auch seine ersten vier Lebensjahre in Nepals Hauptstadt verbracht, bevor er mit seiner Familie nach St. Gallen zog. Nun produziert er ausgerechnet hier seine eigenen Skateboards – ausgerechnet, weil diese Grossstadt denkbar ungeeignet ist, um Skateboard zu fahren: Es gibt weder Skate­parks noch Halfpipes, und die asphaltierte und damit befahrbare Fläche beschränkt sich auf wenige Strassen, auf denen sich meist ein unglaublich dichter Verkehr aus Bussen aller Grössen, Motorrädern, Autorikschas, Taxis, Lastwagen, zwei- und dreirädrigen Velos und Fussgängern vorwärtswälzt.

Kein Wunder also, gab es nirgendwo ein anständiges Skateboard zu kaufen, als Arter vor elf Jahren – nach dem Abschluss seiner Schreinerlehre – seine Geburtsstadt besuchte. Die wenigen ­Freaks, die damals in Kathmandu ernsthaft dem Skateboardfahren huldigten, hatten ihre rollenden Bretter von Verwandten aus dem Ausland oder von Touristen erhalten. Diese Situation inspirierte Arter zu einer Idee, die sein künftiges Berufsleben entscheidend beeinflussen sollte: 2007 reiste er erneut für drei Monate nach Nepal, stellte dort selber zwei Boards her und liess sie von einem einheimischen Handwerker mit einer Schnitzarbeit verzieren.

Zurück in der Schweiz, lösten die Bretter bei seinen Kollegen so viele positive Reaktionen aus, dass Marius Arter mit seinen beiden Geschwistern und neun Freunden die Arniko Skateboards GmbH gründete.

Inzwischen entstehen in Kathmandu jedes Jahr 150 bis 300 Arniko-Boards. Ihre Formen erinnern an die 70er- und frühen 80er-Jahre, sie sind inspiriert durch Arters eigene frühe Boards, die er einst von seinem Onkel erhalten hatte. Verkauft werden sie übers Internet, in einigen Skateshops in der Schweiz und natürlich in den beiden Arniko-Shops – der eine an der Europaallee in Zürich, der andere mitten im Touristenviertel Thamel in Kathmandu.

Schnitzer und Schreiner

Als Arter mit der professionellen Skateboardproduktion begann, pendelte er im Dreimonatsrhythmus zwischen der Schweiz und Nepal hin und her. Eines Tages aber zog er vollends nach Kathmandu, denn ohne seine Anwesenheit lief nicht alles rund: Die Zusammenarbeit mit einer grossen Schnitzereifirma zum Beispiel erwies sich als reinste Lotterie; die Qualität variierte von gut bis unbrauchbar, je nachdem, welcher Schnitzer die Arbeit ausgeführt hatte. «Und wenn ein grösserer Fremdauftrag hereinkam, liess man die Skateboards auch mal längere Zeit liegen», erzählt der Firmengründer. Auch das klassische nepalesische System, für alle Arbeiten und Geschäfte auf Verwandte und Bekannte zurückzugreifen, statt die Partner nach Qualität und Preis auszuwählen, war dem jungen Skateboard-Business nicht immer zuträglich.

Inzwischen hat Marius Arter seine Vertrauenspersonen aber gefunden. Nebst dem Schnitzer Kiran ist es der Schreiner Bharat, der von Arter persönlich gelernt hat, wie man Skateboards nach westlichen Qualitätsstandards herstellt. Bharat arbeitet in einer kleinen Werkstatt, wo er die Skateboards aus sieben Schichten kanadischem Ahorn zusammenleimt, in die richtige Form presst, aussägt und die Schnitzvorlage aufklebt. Sobald die Designs geschnitzt sind, geht er zum Feinschliff über, bohrt die Löcher für die Aufhängung der Rollen und versieht die Bords zum Schluss je nach Bedarf mit einem Druck oder ­einem Lack.

Kiran und Bharat arbeiten längst so zuverlässig, dass Arter vergangenes Jahr sogar zurück in die Schweiz ziehen und ihnen die Kontrolle vor Ort übergeben konnte. Für ein bis zwei Arbeitstage an einem Brett – die deutlich kürzer sind als in der Schweiz – erhält Schnitzer Kiran umgerechnet knapp 15 Franken – was in Nepal Ende Monat einen angemessenen Lohn ergibt. Im Handel sind die Arniko-Boards ein wenig teurer als industriell gefertigte Produkte, trotzdem ist die Marge tief. Seinen Lebensunterhalt verdient sich der Jungunternehmer denn auch nicht mit den Skateboards, sondern mit Kleidern und Accessoires.

Stoffe und Prototypen

Die Arniko-Kleider designt Arter ebenfalls selber, auch sie werden in Nepal produziert. Der Shop in Zürich läuft inzwischen unter dem Doppelnamen ­Arniko/Feinraus und verkauft auch Produkte anderer Marken. Und auch wenn Arter seine sogenannten Ferien in Kathmandu verbringt, drehen sich seine ­dortigen Tage nun weniger um Skateboards als vielmehr um Stoffe und Prototypen neuer Kleider, die er ebenfalls in Nepal nähen ­l­assen will. Und auch wenn die Skateboards umsatzmässig weniger einbringen als die Kleider, sorgen sie eben doch für Aufmerksamkeit – sowohl in ­den Medien als auch im Bereich der Mundpropaganda: «Vor allem Touristen, die im Shop in Kathmandu Boards ­kaufen, tragen so den Firmen­namen in die ganze Welt hinaus», so ­Marius Arter.

Im Gespräch ist allerdings unschwer zu merken, dass die Skateboards seine Leidenschaft geblieben sind, obwohl er selber nicht mehr fährt. Dazu passt auch, dass er oft gebrauchte Bretter aus der Schweiz mitbringt oder günstige Ware zum Selbstkostenpreis abgibt, um die lokalen Skater zu unterstützen – die gängigen Marktpreise sind für die einheimischen Jugendlichen zu hoch.

www.arnikoskateboards.com (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2014, 19:33 Uhr

Nepalesische Schnitzer kümmern sich um die Verzierung der Skateboards.

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