Die schönen Wilden vom Niederdorf

Was passiert, wenn die einflussreiche Frauenzeitschrift «Vogue» einen Hype um ein Zürcher Modelabel auslöst? Drei Frauen haben es erlebt.

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An der Spiegelgasse liegt eines der schönsten Geschäfte des Niederdorfs. Zwar zeugen Fleischerhaken und Hackbeile noch davon, dass hier irgendwann mal ein Metzger Koteletts schnitt. Doch seit nunmehr 40 Jahren wird hier hauptsächlich Eleganz feilgeboten: aus Herrenstoffen gefertigte, dem Androgynen einer Marlene Dietrich nachempfundene Arbeitskleider für Frauen, taillenbetonte Röcke, Stricksachen und Blusen im Couture-Chic.

Thema Selection, so der Name des Geschäfts, ist mehr als nur ein Pilgerort für stilbewusste Frauen. Hinter dem Label verbirgt sich eine der wohl aufregendsten Geschichten aus Zürichs Mode- und Künstlerwelt der 70er- und 80er-Jahre. Erzählt wird sie in «Female Chic», einem liebevoll zusammengestellten Buch mit zahlreichen Fotografien, das Ende letztes Jahr auf Deutsch und kürzlich auf Englisch erschienen ist. Dies, weil sich englische und amerikanische Verlage für diese Zürcher Geschichte interessierten.

Knabenfrisur und Männerjacke

Die Gründerinnen von Thema Selection waren Ursula Rodel, Katharina ­Bebié und Sissi Zoebeli. In der Presse wurden sie die «schönen Wilden» genannt. Rodel und Bebié arbeiteten als Stylistinnen beim Warenhaus Globus. Eines Tages trafen sie in den besetzten Häusern an der Venedigstrasse in der Enge auf Zoebeli. Sie hatte eine Knabenfrisur und trug eine Männerjacke. Rodel fand das einen «wahnsinnig tollen Stil». Für Zoebeli hingegen war das «einfach Mode». Bald beschlossen die drei, ihr eigenes Ding zu machen. Sie fertigten ihre eigene Kollektion an und eröffneten an der Weiten Gasse im Oberdorf ihr ­erstes Geschäft.

Zürich war 1972 noch Provinz. Die Restaurants und Bars mussten um Mitternacht schliessen. Unverheirateten Paaren war es verboten, zusammenzuwohnen. Die verheirateten Frauen wiederum mussten ihren Ehemann um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen wollten. Doch 68 hallte nach. Der Feminismus war wieder da, die Frauen begannen, ohne BHs unter der Bluse herumzulaufen, es entstanden Kommunen und WGs. Die grosse Freiheit kündigte sich an.

Ein Bericht änderte alles

Für die drei Frauen bei Thema Selection war dies ein zwiespältiger ­Segen. Ihre Freundinnen und Freunde waren Hausbesetzer und Künstler und hatten kein Geld. Zwei Jahre kaufte kaum ­jemand bei ihnen ein. Dann berichtete die amerikanische Modezeitschrift «Vogue» enthusiastisch über die avantgardistische Kollektion von Thema ­Selection. Das änderte alles. Jetzt stürmten Zahnarzt- und Bankersgattinnen in den Laden und kamen auf den Geschmack der Szene.

«Den Thema-Frauen ging es nicht um Mode per se, sondern darum, die Frauen über ihre Mode gleichberechtigt zu machen – mit feminin betonten Details genauso wie mit männlichen Attributen», schreibt Gina Bucher, die Herausgeberin des Buches. Was für das Trio zählte, waren Qualität und Zeitlosigkeit. Die Kleider wirkten fast neutral. Sie begannen erst durch die Trägerin zu leben, deren Charakter oder Sex-Appeal zu unterstreichen.

Eine legendäre Modenschau

Doch für die Gruppe wurde der Erfolg zum Spaltpilz. Katharina Bebié stieg 1974 aus und startete ihre eigene Karriere. Sie wurde durch Elisabeth Bosshard ersetzt. Bosshard hatte ihr Handwerk bei Yves Saint Laurent gelernt. An der Unternehmenskultur änderte sich jedoch nichts. Die drei Frauen kamen ohne Hierarchie aus und verdienten alle gleich viel. Dafür heimsten sie in der ­Öffentlichkeit mit ihren ausgefallenen Modeschauen jede Menge Aufmerksamkeit ein. Legendär war die Show in der Frauenbadi, als die stadtbekannte Prostituierte Lady Shiva über den Laufsteg stöckelte. Unter einem Nerz trug sie bloss Strapse und Mieder.

Ob an der Weiten Gasse oder später an der Spiegelgasse: Der Laden war ein Treffpunkt für Leute aus Mode, Kunst und Politik. Genauso wie das Kontiki, die Platte 27 oder die Fantasio-Bar. Filmer wie Daniel Schmid und Kinobesitzer wie This Brunner verkehrten dort und im Kleiderladen. Man traf auch auf Kunsthändler wie Yoyo Bischofberger und Thomas Ammann. Ursula Rodel schneiderte Kostüme für Filme von ­Daniel Schmid, Claude Berri und Federico ­Fellini oder sorgte für internationale Schlagzeilen, indem sie Stars wie Maria Schneider, Lucia Bosé und Catherine Deneuve einkleidete, Letztere auch privat.

Gehäkelte G-Strings und Joints

This Brunner beschreibt das Lebensgefühl jener Zeit vortrefflich: «Bei Thema trafen wir uns nicht nur im Alltag. Bald kamen gemeinsame Ausflüge nach New York und Ferien auf Stromboli dazu. Auf Stromboli war nur das Schlafzimmer überdacht. Sonst hielten wir uns ohnehin nackt im Freien auf, häkelten ­G-Strings oder reichten Joints in der Runde herum. Ursula Rodel zeichnete oft, Elisabeth Bosshard färbte sich endlos mit Henna die Haare orange, und ich versuchte, den Schmerz von Quallen­bissen mit Büchern von Paul Bowles, Jack Kerouac und Truman Capote unter Kontrolle zu halten.»

1986 verlässt Ursula Rodel Thema Selection, was sie heute noch bedauert. Rodels Muse war Lady Shiva. Die Kehrseiten dieses glamourösen Lebens werden im Buch nicht verschwiegen: Harte Drogen und Entzug forderten ihren Tribut, der Freundeskreis begann sich zu lichten. Heute ist Sissi Zoebeli allein für die Kollektionen verantwortlich. Sie schmeisst den Laden, in dem auch Stefi Thalmann oder Sonnhild Kestler eingemietet sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2016, 08:40 Uhr

Gina Bucher: Thema Selection. Female Chic: Geschichte eines Modelabels. Edition Patrick Frey. 632 S., 78 Fr

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