Die sechs Zürcher Abfallsünden

Güsel ist grundsätzlich Mist, aber es gibt Abfall und Abfall. Hier erfahren Sie, was für die ERZ-Teams besonders übel ist.

Von wegen «Bellevue»: Überfüllter Abfallkübel nach dem Sechseläuten. Bild: Samuel Schalch

Von wegen «Bellevue»: Überfüllter Abfallkübel nach dem Sechseläuten. Bild: Samuel Schalch

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Die Lust am Littering ist ein urbanes Mysterium. In einer Stadt wie Zürich mit ihren 4000 Abfallkübeln sollte es eigentlich möglich sein, den Güsel richtig zu entsorgen. Warum die Chipstüte trotzdem im Gebüsch oder auf der Strasse direkt neben dem Mülleimer landet, bleibt rätselhaft. Steckt Boshaftigkeit dahinter? Ist es Faulheit? Ignoranz? Unfähigkeit? Wir werden es nie mit abschliessender Sicherheit wissen.

Was allerdings feststeht, ist, dass diese ominöse Litterlust mit den steigenden Temperaturen zunimmt wie ein Fieber. Nach heissen Tagen mit lauen Abenden räumen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) regelmässig bis zu 4,5 Tonnen Abfall von den Seeanlagen weg, was in etwa dem Gewicht eines ausgewachsenen Elefanten entspricht. Nur ein Bruchteil des Mülls liegt in den 60 Containern, die ERZ dort in den warmen Jahreszeiten zusätzlich aufstellt.

In diesem Sommer werden die ERZ-Leute sogar noch mehr zu tun haben, wenn Anfang Juli Millionen Menschen ans Züri-Fäscht strömen. Beim letzten Mal, vor drei Jahren, haben die Gäste am dreitägigen Fest über 260 Tonnen Abfall und 6,5 Tonnen PET, Aluminium und Glas hinterlassen. Anders als bei der Street Parade muss die Stadt Zürich für die Entsorgungskosten selbst aufkommen.

So weit die offensichtlichen Orgien des Litterings und des Müll-Gomorra – aber auch im Alltag gibt es besonders fiese Hinterlassenschaften, die den 200 ERZ-Mitarbeitenden mehr Arbeit machen als alles andere. Es sind kleine Dinge mit grossen Auswirkungen, die wir hier mal zum Thema machen – auf dass vielleicht, vielleicht ein Umdenken stattfinden möge.


1 – Vermaledeites Vakuum

Sie kommen so unschuldig daher, diese kleinen, bunten Zettelchen. Aber Flyer haften am Asphalt, als wäre jemand mit Araldit am Werk gewesen. Die Beschichtung lässt zwischen Papier und Boden bisweilen ein Vakuum entstehen, dem kein Besen gewachsen ist. «Das ist auch bei Parktickets der Fall. Die müssen wir regelmässig von Hand auflesen, weil sie sich nicht wegwischen lassen», sagt der ERZ-Sprecher Daniel Eberhard. Vielleicht ist dieses Problem aber bald aus der Welt geschafft: Am 1. April 2019 hat die Stadt Zürich die ersten Parkfelder eingerichtet, auf denen die Parkgebühren bargeld- und vor allem papierlos per App beglichen werden können.


2 – Der tückische Ritzentrick

Zigarettenkippen sind toxischer Sondermüll. Das hat die Weltgesundheitsorganisation 2017 in einem Bericht publik gemacht. Die Giftstoffe bleiben nach dem Rauchen in den Kippen stecken, die Filter zerfallen zu Mikroplastik. Manch Raucherin oder Raucher ist sich dieser Tatsachen offenbar bewusst und hat nach Alternativen zum Wegschnippen der Kippen gesucht. Die besonders Kreativen sind fündig geworden: Sie stopfen die Überreste ihrer Zigaretten origamiartig in die Ritzen der Hausmauern. Besonders kunstvoll gehen die Nikotinabhängigen beim Rothaus an der Langstrasse vor, wo die weissen Fluppen herrlich mit den Backsteinen korrespondieren. Von dort müssen die ERZ-Leute die Stummel dann in mühsamer Handarbeit wieder rausklauben. Die sauberste Lösung des Problems für alle Beteiligten wäre, erst gar nicht mit dem Rauchen anzufangen.


3 – Konfetti from hell

So ein Konfettiregen ist eine feine Sache, wenn er sich flitterig über die Sieger eines Finales ergiesst und der Pokal vor lauter Goldlamé gar nicht mehr zu erkennen ist. Das kann schon mächtig Laune machen. Deshalb haben Konfettikanonen Hochkonjunktur, seit sie auch vom kleinen Mann zwecks Optimierung der Partystimmung gekauft werden können. Aber das Zeug ist die reine Müllhölle. Der Glitter ist nicht biologisch abbaubar und kaum vom Boden wegzuklauben – nicht vom Asphalt, nicht vom Kies und schon gar nicht aus den Wiesen. Abgesehen davon pustet der kleinste Lufthauch die Dinger in alle Himmelsrichtungen. Also, liebe Konfettikanoniere, wenn ihr trotzdem nicht verzichten könnt: Please try this at home! Die ERZ-Leute danken es euch.


4 – Grillspiesschen des Grauens

Die Hartgesottenen haben das ganze Jahr Grillsaison. Für alle anderen beginnt sie mit den wärmeren Temperaturen. Und weil nicht alle Zürcherinnen und Zürcher die Vorzüge eines Balkons oder eines eigenen Gartens geniessen können, ziehen sie mit ihren Kugelgrillen in die städtischen Parks und ans Seeufer. Dort braten und rösten sie dann allerlei Esswaren. Gerne auch an überlangen Holzspiessen. Die Dinger verstopfen dann die Öffnungen der Abfallbehälter – sofern sie überhaupt dort entsorgt werden. «Vom Boden müssen wir sie einzeln auflesen, weil sie sich nicht wegsaugen lassen», sagt Eberhard. Noch perfider sind die Kronkorken der Bierflaschen, die wie einbetonierte Mosaiksteine in den Wiesen feststecken, nachdem sie im sommerlichen Übermut vom Flaschenhals geflippt wurden. Die rosten auch noch, statt zu rotten wie Holzstäbchen.


5 – Waten durch Wind und Wogen

Wenn die Stadt glüht und die Hitze über dem Asphalt flimmert, wenn die Kehle austrocknet und alles nach Kühlung dürstet, dann lockt der Schanzengraben in seine schattige Schlucht. Rasch sind die Schuhe abgestreift und die Füsse in den Fluten getunkt. Dazu noch ein Bierchen trinken, etwas Kleines knabbern, ein Eis schnabulieren. Ja, so was kann erheblich zum Wohlbefinden im sommerlichen Alltag beitragen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, solange die Flaschen, Dosen und sonstigen Verpackungen nicht im Wasser landen. Da bleibt es nämlich liegen, bis die ERZ-Leute das Zeug rausfischen. Bei Regen, bei Wind und, ja, auch bei Schnee und Kälte. Kein Schleck, selbst wenn der Müll im Fluss nicht mehr stinkt und schön sauber gespült ist.


6 – Eingemachtes im Morgengrauen

Grosse Hitze sorgt für grossen Durst. Korn, Bier, Schnaps und Wein rauschen durch die Kehlen rein. Und wenn sich das tüchtig im Magen vermischt, kullert eben alles wieder von dort raus. Ein optisches und olfaktorisches Ärgernis auf den Strassen, dem die ERZ-Leute schon im Morgengrauen zu Leibe rücken müssen. Losen die Mitarbeitenden untereinander aus, wer die üblen Lachen wegputzen muss? «Nein. Aber weil sie meistens zu zweit unterwegs sind, können sie sich wenigstens abwechseln, damit es fair bleibt.» Sollte Wasser alleine nicht nützen, um dem Eingemachten den Garaus zu machen, bleibt noch das Anti-Urin-Mittel, mit dem ERZ einen Hauch von Limonen in die Gassen zaubert.

Erstellt: 02.05.2019, 12:05 Uhr

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