Die unterverkauften Perlen der Moderne

Der Bauhaus-Stil ist 100 Jahre alt. Zum runden Geburtstag gibt es einen virtuellen Rundgang durch die Gebäude der Stadt Zürich, mit dieser schnörkellosen Architektur.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es wäre ein Grund zum Feiern. Vor 100 Jahren gründete Walter Gropius in Weimar das Staatliche Bauhaus. Jene Kunstschule also, welche den Baustil der Klassischen Moderne und des Neuen Bauens prägte. Gropius stand damals ein für progressive, sachlichschlichte Architektur – ganz auf Funktionalität ausgerichtet, eine Verschmelzung von Kunst und Technik ohne Schnörkel. Auch Zürcher Künstler zog es an die Bauhaus-Schule, allen voran Max Bill, der in den 1920er-Jahren im Bauhaus Dessau studierte.

Bis heute inspiriert der Stil weltweit. Architekturtouristen pilgern zu den Häusern, die in diesem Bauhaus-Stil gebaut wurden. Deutschland feiert das Jubiläum mit diversen Anlässen.

Aber Zürich?

Beiläufig erwähnt gerade einmal eine digitale deutsche Plattform für Städtereisen die wichtigsten Bauhaus-Zeugen Zürichs. In Bills Heimatstadt selber aber sind sie kaum der Rede wert. Die Tatsache, dass es nicht eben viele sind und sie teilweise einiges von ihrer ursprünglichen Ausstrahlung verloren haben, reicht für diese Ignoranz nicht aus. Das Jubiläum ist deshalb Anlass genug, die Bauten einem breiteren Publikum in Zürich wieder in Erinnerung zu rufen.

In einem Haus mit Bauhaus-Stil nächtigen

Bekannt ist das neu renovierte Museum für Gestaltung an der Ausstellungsstrasse, 1933 von Adolf Steger und Karl Egender erstellt. Es gilt in seiner Gesamtheit als schweizweit wichtigster Vertreter des Bauhaus-Stils. Die Architekten entwarfen auch die Inneneinrichtung und die Typografie. Doch im Gegensatz zu deutschen Bauhaus-Bauten gilt es eher als einfach und streng; es sei nicht gebaut, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, wie der emeritierte Architekturprofessor Arthur Rüegg kürzlich gegenüber SRF sagte. Auch fehle dem Gebäude eine aufgehängte Fassade, wie sie für den Stil typisch war. Das Gebäude sei ein steiniges Haus und werde wie je von der Fassade getragen. Später wurde es immer wieder abgeändert, dank der Renovation erstrahlt es nun wieder in seinem Originalzustand.

Unweit des Museums zeugt das Limmathaus ebenfalls vom Bauhaus-Stil, zwei Jahre zuvor ebenfalls von Egender erbaut. Von der Strassenfassade her mag man daran zweifeln, wer aber zum Fluss hin um das Gebäude herumgeht, findet da die für den Stil charakteristischen grossen Fensterflächen ohne Leibung bündig mit der Aussenfassade und einer Versprossung in geometrischer Manier.

Wer in einem Haus im Bauhaus-Stil nächtigen will, der hat an der Universitätsstrasse die Möglichkeit dazu. Der Rigihof, heute ein Hotel und 1932 von den Architekten Hermann Schneider und Otto Tschumper als Appartementhaus erstellt, gilt als weiterer Zeuge dieser Epoche in Zürich. Das Hotel selbst verkauft seinen Mehrwert nicht eben vorteilhaft. Nur die Hülle sei noch Bauhaus, heisst es an der Réception. Der Bau ist horizontal schmucklos gegliedert, ein verglastes Erdgeschoss und ein leicht zurückversetztes Attikageschoss. Zumindest mit den abgerundeten Ecken und der entsprechenden Glasfassade lenkt dieses Gebäude die Aufmerksamkeit auf sich. Noch vor wenigen Jahren wusste man das Erbe mehr zu schätzen. Da hiess das Restaurant im Erdgeschoss noch Bauhaus, und von den Decken baumelten runde, stilechte Leuchten.

Bedürfnis nach Licht und Luft befriedigt

Auch einen sakralen Bauhaus-Bau hat die Stadt zu bieten. Die katholische Kirche St.Theresia am Friesenberg folgt in ihrer Formensprache konsequent dem Stil. 1933 eingeweiht, war sie das erste Bauwerk des Winterthurer Architekten Fritz Metzger. Charakteristisch sind etwa der niedere kubistische Glockenturm und die geometrisch angeordneten Fenster im oberen Teil der Längsfassaden.

Zuletzt dürfen zwei Objekte nicht fehlen. Etwa die 1932 erbaute Werkbundsiedlung Neubühl in Wollishofen. Die Häuserreihen im Stil des Neuen Bauens sollten die Grundbedürfnisse der Mittelschicht nach Licht, Luft und Sonne befriedigen. Bei der Planung mit einbezogen war auch Max Bill. Er selbst, gerade einmal 23 Jahre alt, wohnte damals in seinem ersten Atelierhaus in Höngg. Typisch auch hier: das grossflächig vertikal verglaste Treppenhaus.

Auch wenn dieses Haus für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, die restlichen Gebäude gäben einiges her für einen Bauhaus-Stadtrundgang.

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.02.2019, 16:03 Uhr

Artikel zum Thema

Da sticht Zürichs Geschichte ins Auge

Kolumne Das Haus, erzählt vom Wandel der Stadt. Einst lagerte dort Geld im Tresor und RAF-Terroristen überfielen es, heute sind darin Kleider fein drapiert. Mehr...

Entdeckungen aus der Bauzone

Kolumne Zürich ist voll aufregender Häuser, die nur wenige kennen. Ein Streifzug durch das Freilichtmuseum des Ausgefallenen, Spannenden, Hässlichen oder Schrägen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Frauen suchen Männer für Sex!

Immer mehr junge Frauen registrieren sich auf der Webseite für flüchtige Begegnungen, um ungehemmt ihre wildesten Fantasien zu erfüllen.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Trägt ein aufwändiges Kostüm: Ein maskierter Mann posiert bei einer Kundgebung des senegalesischen Präsidenten in Dakar für Fotografen. (21. Februar 2019)
(Bild: MICHELE CATTANI) Mehr...