Dieses Fundbüro kennt sogar Angela Merkel

Das Zürcher Fundbüro 2 nimmt emotionale Verluste und Funde entgegen. Und sorgte im Berliner Reichstag für Aufsehen.

Kommt auch in Deutschland gut an: Das etwas andere Fundbüro von Andrea Keller und Patrick Bolle.

Kommt auch in Deutschland gut an: Das etwas andere Fundbüro von Andrea Keller und Patrick Bolle. Bild: Dominique Meienberg

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Die Geschichte beginnt damit, dass Andrea Keller und Patrick Bolle für einen befristeten Kunstbeitrag im Pavilleon – das ist das ehemalige Billetthäuschen am Werdmühleplatz – angefragt wurden. Also setzten sie sich gemeinsam auf die Parkbank am Platz, blickten Richtung VBZ-Fundbüro – und «zägg!», plötzlich war die Idee da. Sie hiess Fundbüro 2 – und sollte eine Einrichtung sein, in der man immaterielle Verluste oder Fundstücke anmelden konnte; dies, weil Keller und Bolle seit längerem fanden, der Gesellschaft sei eine gewisse Reflexion und emotionale Tiefe abhandengekommen. Öffnungszeit: jeweils am ersten Samstag des Monats.

Anfänglich sassen Keller und Bolle selber hinter dem Schalter. Die 35-jährige Kulturpublizistin und der 46-jährige Kulturmanager nahmen die Meldungen entgegen, ergründeten sie im Gespräch mit den Meldern. Zusätzliche Schalterbeamte, die den Umgang mit Worten und Geschichten zum Beruf gemacht hatten – etwa Schriftsteller Thomas Meyer, Autorin Tanja Kummer oder Wortpoet Simon Chen –, ergänzten sie und lösten sie ab.

Da beginnt jeder zu reden

Die Idee funktionierte. Die Leute kamen an den Schalter, manchmal auch solche, die ihren verlorenen Schlüssel abholen wollten, doch die verwies man korrekt ans «reale» Fundbüro schräg vis-à-vis. Die Atmosphäre war so flüchtig und zugleich intensiv, wie es sich Andrea Keller vorgestellt hatte, derweil Bolle sagt: «Da beginnt jeder zu reden.»

Auch der Teenager, den Keller auf der Strasse angesprochen hatte. Er redete unversehens von der grossen Liebe, die er verloren hatte – mimte im Alltag aber lieber den harten Kerl, als sich andern zu öffnen. Am Schalter weinte er beinahe, Bolle hörte zu, machte Notizen, stellte Fragen. Kein Urteil, keine Psychoanalyse, keine Seelsorge. Und falls es je zu einer heiklen Situation gekommen wäre, hätte man die Kunden an Fachstellen weiterverwiesen, so Bolle: «Was die leisten, können und wollen wir nicht.»

Thema im Berliner Reichstag

Bislang habe nur ein älterer Mann mit Unverständnis reagiert und bemerkt, die Idee bringe ja gar kein Geld, sagen die Initianten. «Dabei hätte gerade er eine Menge zu melden gehabt», bedauert Keller. Die Mehrheit der Kundschaft des Fundbüros 2, auch das ist interessant, wählt aber den Weg übers Internet, ohne direkte «Konfrontation». Bolle versteht das, «ich wäre auch zu gehemmt, an den Schalter zu gehen».

Lokale Radiostationen und Zeitungen griffen das Projekt auf, die «Süddeutsche Zeitung» zog nach, schon bald kamen aus allen Ecken Deutschlands Anfragen von Medienhäusern, dazu auch noch einige aus Italien und Österreich. Und dann passierte das völlig Unerwartete: Die Namen der beiden fielen im Berliner Reichstag, Bundeskanzlerin Angela Merkel sass in der ersten Reihe.

Thomas de Maizière, Bundesinnenminister, begann seine Rede am Demografiegipfel mit der Fundbüro-2-Idee. «Zwei Künstler aus der Schweiz, nämlich Patrick Bolle und Andrea Keller, wollten den gesellschaftlichen Wandel ausserhalb von Zahlen und Statistiken erzählen.» Als Keller und Bolle davon erfuhren, waren sie sprachlos, vor allem, weil der CDU-Politiker ihr Projekt «so schön reflektiert» habe. De Maizière tat das so: «Was habe ich in meinen verschiedenen Lebensphasen schon alles verloren, was habe ich gefunden? Welchen Wert messe ich dem Gefundenen oder Verlorenen bei?Was verliere ich, wenn ich älter werde, und was habe ich stattdessen entdeckt? Oder gefunden?» Übrigens: Ein Artikel der NZZ habe auf das Fundbüro aufmerksam gemacht, heisst es vom Bundesinnenministerium.

Was verliere ich, wenn ich älter werde, und was habe ich stattdessen entdeckt? Oder gefunden?Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern

Das Projekt geht derweil Schritt für Schritt weiter. Im Herbst sind Keller und Bolle an ein deutsches Kunstfestival eingeladen, zudem wird die Sache zwischen zwei Buchdeckeln verewigt: Der Vertrag mit dem Rowohlt-Verlag steht, auch das total unerwartet. Bolle: «Wir dachten, wir müssten bei lokalen Verlagen stundenlang Klinken putzen», doch dann hätten mehrere deutsche Häuser Interesse bekundet.

Geöffnet bis Ende Jahr

300 Meldungen sind in den ersten fünf Monaten im Fundbüro 2 eingegangen, viele davon aus Deutschland. Zwei Drittel betreffen Verluste, ein Drittel die Funde. Zwei Leute mit demselben Lost/ Found hat das Büro «vernetzt».

Auch wenn der Weg der Kunstaktion einer Abenteuerreise gleicht – der reale «Anker», den das Unterfangen mit dem Schalter am Werdmühleplatz hat, ist für Keller und Bolle nach wie vor zentral. Deshalb bleibt er auch bis Ende 2017 geöffnet. Jetzt wird aber erst einmal «Halbzeit» gefeiert... und dabei gehofft, dass noch möglichst viele Leute das unkonventionelle Fundbüro finden werden.

Halbzeit Fundbüro 2, 6. Juli, 18.30 Uhr, Pavilleon Werdmühleplatz, Minipodium mit Patrick Bolle und Martin Sutter, Angestellter VBZ-Fundbüro. Dazu Lesungen und offener Schalter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2017, 10:29 Uhr

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