Durch die Metropole voller Absurditäten

Wir reisen mit dem Zürcher Geschäftsmann Arsim Hyseni durch dessen kosovarische «Heimat». Letzter Teil: Das junge Kosovo in Pristina.

In der Hauptstadt Pristina verdichten sich die Widersprüche Kosovos. Foto: Urs Jaudas

In der Hauptstadt Pristina verdichten sich die Widersprüche Kosovos. Foto: Urs Jaudas

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Als wir sonntagnachts um halb eins in der Stadt von unserer Reise durch das Fussball-Kosovo in Pristina ankommen, geht gerade das grosse Bierfestival zu Ende. Vor dem Sportpalast, dem sozialistischen Klotzbau im Zentrum, tummeln sich rund um die Stände zahlreicher Brauereien Tausende Junge. Wir bleiben beim Gehen am Boden kleben und müssen aufpassen, nicht in eine der Scherben zu treten, die sich auf dem ­Boden ausbreiten wie Kieselsteine.

Pristina erweist sich nicht als schöne Stadt, doch als lebendige, schwer durchschaubare. «Pristina ist an Absurditäten reich, und wer hier gut leben will, muss vieles wissen», schrieb der kosovarische Autor Beqë Cufaj. Zum Glück haben wir Arsim Hyseni.

Alte Märkte und Szenebars

Die verschiedenen, sich widersprechenden Seiten der Stadt werden am nächsten Tag bei Tageslicht erst richtig deutlich: Märkte wie zu vorindustriellen Zeiten liegen neben Szenebars. Moscheen spiegeln sich in pseudomodernen Glasfassaden, halb verfallene sozialistische Bauten liegen neben Dutzenden nicht fertiggestellten Hochhäusern. Mittendrin historische Bauten, die zu zerfallen drohen, oder eine Kirche, die dem serbischen Regime im Krieg zur Machtdemonstration diente.

Doch das Leben pulsiert, der Altersdurchschnitt liegt in Pristina bei 26 Jahren. Der Mutter-Teresa-Boulevard, die autofreie Hauptstrasse der Stadt, ist auch am Montagnachmittag um drei geflutet mit Menschen, in den Boulevardcafés sitzen Leute, trinken Kaffee und spielen. Das Leben sieht von aussen betrachtet gemütlich aus. Wie das alles trotz gewaltiger Arbeitslosigkeit funktioniert, ist schwer zu deuten. «Ein Gemisch aus internationaler Hilfe, Geld von ausgewanderten Familien und Hilfe untereinander», sagt der Journalist Mon Beqiri vom staatlichen Fernsehen RTK, ein Freund Hysenis, den wir hier treffen.

«Du musst verbunden sein»

Beim Sportpalast in grossen Lettern der Schriftzug Newborn – Neugeborenes oder neu geboren –, es ist das Wahrzeichen des 2008 gegründeten Staates Kosovo. Derzeit ist es überzogen mit einem Stacheldrahtmuster, denn die Leute im Land sind wegen der Visumspflicht, der sie unterliegen, isoliert – noch viel mehr im kosmopolitischen Pristina. In einer Studentenbar treffen wir einen, der trotz allem zurückgekehrt ist. Mentor Latifi hat einen Teil seiner Jugend in der Schweiz, im Kanton Aargau, verbracht, kehrte nach einem Wirtschaftsstudium in Basel aber zurück nach Kosovo. Als offizieller Landesvertreter für Roche in Kosovo gehört er zur schmalen Mittelschicht des Landes.

Latifi führt uns durch Bars, die auch spätnachts noch geöffnet haben und in denen allabendlich Livebands auftreten. Er sagt: «Du musst schon eine tiefe Verbundenheit haben, damit du hier leben kannst.» Seiner Meinung nach hat sich in der Stadt auch einiges gebessert in den letzten Jahren: Der neue und junge Stadtpräsident Shpend Ahmeti hat das wilde Bauen eingedämmt und die Trottoirs mit Stangen versehen, damit die Autofahrer nicht wild parkieren. Was Latifi stört, ist der Müll überall, den es bei jedem Windstoss von den Gassen her auf die Hauptachse bläst. Wirft man in Pristina einen Plastiksack auf die Strasse, wirft man ihn bloss in diesen ewigen Kreislauf hinein. Andere sagen, so schnell werde sich nichts ändern.

Wir wenden uns vor der Abreise noch einmal den geschäftlichen Seiten unseres Reiseleiters Arsim Hyseni zu, er muss in seinem Callcenter noch nach dem Rechten schauen. Seinen Besuch bei der Bank bricht er nach einer halben Stunde in der Warteschlange und langen Diskussionen mit dem Angestellten ab.

Ein Roma-Junge stürmt später, schon auf dem Weg zum Flughafen, an einem Rotlicht herbei und singt: «Es ist ganz egal, wen du heiratest, David. Hauptsache, sie ist reich.» Er führt uns noch einmal vor Augen, dass wir von diesem wunderschönen Land an der gefühlten Peripherie Europas, nur zwei Flugstunden von Zürich entfernt, eigentlich rein gar nichts verstanden haben.

Fotoblog: Weitere Bilder von Urs Jaudas aus Kosovo

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2016, 08:15 Uhr

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