Ein Bild von einer Zeitung

Die Künstlerin Laetitia de Chocqueuse hat eine Ausgabe des «Tages-Anzeigers» für ein Gemälde inszeniert. Ab heute kann man dieses und weitere Werke in ihrer Soloausstellung in Brüssel bestaunen.

Überschneidung der Zeitlichkeit: «Bûche et journal». Foto: 2015 Pro Litteris, Zürich

Überschneidung der Zeitlichkeit: «Bûche et journal». Foto: 2015 Pro Litteris, Zürich

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Auf dem Gemälde presst ein Stück Holz den «Tages-Anzeiger» verkehrt herum an eine weisse Wand. Auf dem Holzstück steht eine schwarze Kerze. Der Docht scheint die Hand zu berühren, die sich im Zeitungsbild dem Sänger Udo Jürgens entgegenstreckt. Es wirkt fast so, als ob die Hand die Kerze in einem nächsten Moment für den verstorbenen Jürgens anzünden wollte. Die Schwarzweissaufnahme des deutschen Entertainers wurde auf der Frontseite des «Tages-Anzeigers» vom 22. Dezember 2014 ­abgedruckt. Die Bildüberschrift lautet «Mitten aus dem Leben gerissen». Die Unterzeile, die das Gemälde nicht zeigt, verkündet Jürgens’ plötzlichen Tod. Der Schatten des Holzscheits wellt sich an einer Stelle – ist das ein bewusster Bruch der Fiktion? Oder eine Analogie zum zitternden Schatten einer entflammten Kerze?

Eine instabile Szenografie

Das Gemälde «Bûche et journal», also «Holzscheit und Zeitung», stammt von der Pariser Künstlerin Laetitia de Chocqueuse. Die 32-Jährige pendelt zurzeit zwischen Paris und Zürich, will aber in den nächsten Monaten mit ihrem Verlobten fix hierher ziehen. Für ihre künstlerische Tätigkeit sei das die fruchtbarere Umgebung als Paris.

Laetitia de Chocqueuse sagt, dass dieses Gemälde sinnbildlich für ihr Schaffen stehe. «Es konkretisiert meine verschiedenen Interessen: die Verbindung einzelner Objekte, das Kreieren von mentalen Räumen und die Überschneidung von Zeitlichkeit.» Auf den ersten Blick haben das Stück Holz, die Kerze und die Zeitung nichts miteinander zu tun. De Chocqueuse ordnet sie so an, dass daraus eine zarte und instabile Szenografie entsteht: Die Hand greift aus dem Bild heraus nach dem Docht. Die Zeitung wird vom Holz und der Kerze gestützt, die Kerze vom Holz getragen – die Elemente stehen plötzlich sehr wohl in einer Verbindung, und zwar in gegenseitiger Abhängigkeit. Und schliesslich wird klar, dass alle drei Dinge notwendig sind, um ein Feuer zu entfachen.

Die Gegenstände weisen verschiedene Zeitaspekte auf: Das Holz braucht Jahre, um zu wachsen, die Kerze brennt mehrere Abende, die Zeitung steht für einen einzigen Tag. In dieser Reihenfolge offenbare sich die Zeit als zunehmende Verkürzung, erklärt die Künstlerin. Dem könnte man hinzufügen, dass am Schluss die Zeit auf ein Nichts reduziert wird, symbolisch dargestellt durch den Tod von Udo Jürgens.

De Chocqueuse war von der Typografie der Zeitung und der Jürgens-Fotografie so fasziniert, dass sie die Frontseite unbedingt für ihre Kunst verwenden musste. Die Ausgabe fand sie genau so gefaltet vor, wie in ihrem Gemälde dargestellt. «Je nachdem, wie man das Foto betrachtet, sieht man die Hand als flehende, betende Geste oder auch als Versuch, etwas zu erhaschen.» Um das Ölgemälde fertigzustellen, brauchte de Chocqueuse rund drei Wochen. Nun wird «Bûche et journal» im Rahmen ihrer Soloausstellung in der Dauwens & Beernaert Gallery in Brüssel gezeigt, wo die Künstlerin studiert hat.

Obwohl noch keine weiteren Ausstellungen geplant sind, darf man damit rechnen, wieder von de Chocqueuse zu hören. Erst einmal will sie ihr Studio in Zürich fertigstellen und weitere Projekte vorantreiben. Wie sie verrät, hat sie noch andere TA-Exemplare gesammelt, die sie für ihre Kunst verwenden möchte – ungewiss ist, in welcher Form das geschieht. Und übrigens: Der wellenförmige Schatten des Holzscheits rührt von einer Fussbodenleiste an der Wand her, die de Chocqueuse bewusst nicht abgemalt hat. Mit dem Schatten suggeriere sie die Raumveränderung lediglich, statt diese eins zu eins wiederzugeben, sagt sie. So wird der eigentliche Raum zu einer Wahrnehmung, zu einem Interpretationsraum des Betrachters.

Ausstellung «Chaque tout d’une piece», 26. 3.–18. 4., Dauwens & Beernaert Gallery, Brüssel, www.dauwensbeernaert.com (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2015, 18:24 Uhr

Laetitia de Chocqueuse.

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