Ein Paar, eine Pfarrei, eine Passion

Über die Ostertage bleibt Hella und Gregor Sodies kaum Zeit für sich. Sie leiten die katholische Pfarrei Greifensee. Diese Freude haben sich die Pastoralassistenten erkämpft.

Um gemeinsam eine Pfarrei zu leiten, mussten Hella und Gregor Sodies viel Überzeugungsarbeit leisten. Foto: Dominique Meienberg

Um gemeinsam eine Pfarrei zu leiten, mussten Hella und Gregor Sodies viel Überzeugungsarbeit leisten. Foto: Dominique Meienberg

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«Ich wollte am Grab schon mit der Abdankung beginnen, da wurde ich gefragt, wann nun der Pfarrer käme.»

Hella Sodies hat ein jugendliches Gesicht, trägt eine feine Brille, eine farbige Halskette und einen weiten Pullover. Sie ist Pastoralassistentin von Beruf.

«Mir wird jeweils auf den Ehering geschielt.»

Gregor Sodies hat einen wachen Blick, ein spitzbübisches Lachen, lässige Jeans, sportliche Turnschuhe. Er ist Pastoral­assistent von Beruf.

«Ostern ist eine herausfordernde Zeit, aber wir lieben sie – besonders die Osternacht.»

Gemeinsam leiten Hella und Gregor Sodies die katholische Pfarrei Greifensee –und sie arbeiten gerne, wenn andere frei haben, Schokolade essen und Ostereier suchen. Sie haben vor einer Woche mit Familien die Palmbäume gebunden, mit denen Kinder und Jugendliche am Palmsonntag die Palmprozession anführten.

Sie haben am Gründonnerstag mit den Erstkommunionkindern, dem Pfarreiadministrator und der Katechetin das letzte Abendmal Jesu gefeiert. Gestern hat Gregor Sodies die Karfreitagsliturgie gestaltet. Das Ehepaar Sodies ist das zweite Paar im Kanton Zürich, das an der Spitze einer katholischen Pfarrei steht. Unterstützt wird es, wie es das katholische Kirchenrecht vorschreibt, vom Pfarreiadministrator, einem Priester.

Pastoralassistenten übernehmen fast alle Aufgaben in einer katholischen Kirchgemeinde und wirken seit rund fünfzig Jahren in katholischen Kirchgemeinden. Sie gestalten Gottesdienste, predigen, beerdigen, besuchen Kranke und geben Religionsunterricht. Sie haben Theologie studiert und eine berufspraktische Zusatzausbildung angehängt. Weil ihnen jedoch die Priesterweihe fehlt, dürfen sie keine Sakramente spenden, weder Eucharistie feiern noch Beichten abnehmen.

«Paare sind in der katholischen Hierarchie nicht vorgesehen und für viele Katholiken ungewohnt.»Hella Sodies

Bei allem, was er und seine Frau erzählen, geht es ihnen immer ums Miteinander. Als Paar, mit den Mitarbeitenden und allen Pfarreimitgliedern. An Ostern steht die Gemeinschaft ganz besonders im Vordergrund. Doch der Weg zum gemeinsamen Glück war für das Ehepaar nicht leicht.

Ein prägendes Vorbild

Gregor Sodies fühlt sich früh zur Kirche hingezogen. Er wächst im reformierten Hamburg in einer den katholischen Glauben praktizierenden Familie auf. Seine Eltern sind in der Kirchenpflege und im Pfarreirat, er ministriert, besucht eine katholische Schule. «Mich faszinierten die Geschichten, das Besinnliche und Mystische.» Später wird er Jugendleiter in der Kirchgemeinde.

Der Pastoralassistent überträgt den Jugendlichen Verantwortung und überlässt ihnen Raum, um Neues auszuprobieren. Das behagt Sodies. «So jung, so locker und erst noch predigen dürfen. Ich wollte damals so werden wie er.»

Trotz aller Hingabe für den katholischen Glauben weiss Gregor Sodies bald, dass er nicht Priester werden will. Für die Weihe das Zölibatsversprechen abzulegen, kann er sich nicht vorstellen. «Ich wollte irgendwann heiraten.» Er beginnt, Theologie zu studieren im Wissen, dass er auf gewisse Handlungen während der Messe verzichten muss.

Als Helferin wahrgenommen

Hella Sodies findet über die katholische Jugendarbeit im katholischen Sauerland und über prägende Wegbegleiterinnen zur Theologie. Doch an eine Arbeit mit Verantwortungsfunktion in der katholischen Kirche denkt sie lange nicht. «Da fehlten mir Vorbilder und Identifikationsfiguren.» Frauen habe sie in der Regel als Helferinnen und nicht als Verantwortungsträgerinnen wahrgenommen. Diese Erfahrungen schmerzen; als Freiwillige hat sie immer viel Wertschätzung erfahren.

Auch von offizieller Seite erlebt sie immer wieder, dass Frauen als Menschen zweiter Klasse wahr- und ihre Charismen und Kompetenzen nicht ernst genommen werden. Dennoch ­entscheidet sie sich für das Theologiestudium.

«Paare sind in der katholischen Hierarchie nicht vorgesehen und für viele, auch offene, Katholiken ungewohnt.»Hella Sodies

An der Universität Münster kreuzen sich die Wege der beiden. Sie werden ein Paar. Nach ersten Berufserfahrungen in Deutschland packen sie die Koffer. In der Schweiz können sie ihren Beruf vielfältiger praktizieren. Dass sie ­dereinst gemeinsam eine Pfarrei leiten würden, konnten sie sich damals aber noch nicht vorstellen.

In zwei Pfarreien in Winterthur wagen sie den Neuanfang und bleiben neun Jahre. Hella Sodies aber sagt: «Wir hätten gern einmal gemeinsam die Osternacht gefeiert.» Der Wunsch wächst, zusammen die Leitung einer Pfarrei zu übernehmen. Doch bis es so weit ist, müssen sie gegen Widerstände ankämpfen und viel Überzeugungsarbeit leisten. Hella Sodies sagt: «Paare sind in der katholischen Hierarchie nicht vorgesehen und für viele, auch offene, Katholiken ungewohnt.»

Taufe im Leimhaus

Seit bald vier Jahren sind sie nun an dem Ort angekommen, von dem sie immer geträumt haben. Ihr Gotteshaus liegt idyllisch unterhalb des herrschaftlichen Schlosses Greifensee, erinnert von aussen aber in keiner Weise an eine Kirche. Ein Backsteinhaus, teilweise verputzt, mit Fachwerkturm in der Mitte. Im Inneren wurde einst Leim hergestellt – noch heute heisst das Zentrum liebevoll Limi. Die einstige römisch-katholische Kapelle wird seit der Reformation für reformierte Gottesdienste genutzt.

Hella und Gregor Sodies predigen in der Mitte des Limiraumes, die Mitfeiernden sitzen aussen herum. Gut fünfzig der 2300 Gemeindemitglieder sind an jedem Gottesdienst da. An besonderen Tagen kommen über 150.

Begrüssung am Osterfeuer

In diesem Rahmen werden die beiden zusammen mit dem ganzen Seelsorgeteam die Osternacht feiern. Sie werden die Gemeinde kurz vor Mitternacht am Osterfeuer vor dem Schloss begrüssen und mit der brennenden Osterkerze in die dunkle Kirche geleiten. Dort wird Hella Sodies in der Predigt danach fragen, wie das biblische Ostergeheimnis das Leben und den Alltag der Menschen hier und heute berührt.

Dann kommt der Höhepunkt: Sie feiern, wie vor drei Jahren, eine Erwachsenentaufe und -firmung – in den ersten vier Jahrhunderten des Christentums war an Ostern der einzige Tauftermin im Kirchenjahr.

Hella Sodies sagt: «Das ist für uns beide schon ein aussergewöhnlicher ­Moment.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2018, 08:36 Uhr

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