«Ein Rausch, der vorübergeht»

Eine Redaktorin und ein Redaktor unterhalten sich kurz vor Sommerende – über Hitzetage oder nackte Haut im ÖV.

Auf der Wiese, auf der während des Sommers noch Entblätterte lagen, liegt jetzt nur noch ein Herbstblatt. Foto: Thomas Egli

Auf der Wiese, auf der während des Sommers noch Entblätterte lagen, liegt jetzt nur noch ein Herbstblatt. Foto: Thomas Egli

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Als die beiden Schreiberlinge ­– sie Ende zwanzig, er Ende dreissig – an diesem Donnerstagabend gegen 18 Uhr beim Primitivo an der Limmat ankommen, treffen sie auf den Herbst: Die Bar ist schon geschlossen, ihr Bier müssen sie deshalb weit vorne beim Eisenbahnwagen holen. Auf den Sofas, abgerundeten Geflechten aus Stahl direkt an der Limmat, liegen keine Kissen mehr. Das ist unbequem, aber sie setzen sich trotzdem, denn es passt zum Inhalt dieses Gesprächs. Auch, dass die ansonsten vor Menschen überquellenden Liegeflächen aus Holz beinahe leer sind. Nur noch vereinzelt springen Leute ins Wasser. Es ist also Zeit, von der schwitzigen Körperlichkeit etwas abzusehen und sich ein paar Gedanken zu machen.

Sie: Eine Badi ist im Grunde genommen etwas Merkwürdiges. Leute, die sich nicht kennen, liegen halb nackt nebeneinander und tun so, als wäre es das Normalste überhaupt. Als gäbe es in diesem klar abgegrenzten Raum ein gegenseitiges Einverständnis, ein gemeinsames Geheimnis. Draussen sind dann alle wieder beschämt und irritiert von zu viel nackter Haut.

Er: Zu viel nackte Haut irritiert im Tram mehr als in der Badi, das hat was. Von wegen Irritation: Generell dürften einige Männer nicht unglücklich dar­über sein, ist der Sommer jetzt vorüber. Im Herbst fällt es wieder leichter, sich zu konzentrieren.

Sie: Man sieht den Männern ein gewisses Ringen manchmal an. Wenn mich während eines Gesprächs jemand mustert, anstatt mir zuzuhören, finde ich das störend. Es bringt mich aus dem Konzept. Ich versuche dann, mir nicht anmerken zu lassen, dass ichs längst ­bemerkt habe.

Er: Wenn ich den Komiker Louis C. K. zitieren darf: «Frauen sind nur Gäste im Reich der Perversion. Männer sind darin gefangen.» Ab wann ist ein Blick eigentlich unangenehm?

Sie: Wenn du von weitem merkst, dass dich jemand ins Visier genommen hat und darauf wartet, bis du an ihm ­vorbeigehst. Mich stört es, wenn mir Typen vom Motorrad aus Dinge zurufen, die ich wohl als Kompliment verstehen soll. Wem bringt das etwas? Mir? Oder zuletzt sogar ihnen? Ich würde dann gerne etwas sehr Schlaues, Beeindruckendes entgegnen ­– das mir leider nie einfällt.

Das Bierglas leert sich langsam, ebenso ziehen die einzelnen Grüppchen am Ufer der Limmat langsam ab. Letzte Sonnenstrahlen drücken durchs Geäst.

Er: Auch seltsam in dem Zusammenhang: Ich habe schon Arbeitskolleginnen in der Sauna getroffen. Ich hätte dem nicht einmal ausweichen können, denn Männer haben ja keine Wahl zwischen gemischter und gleichgeschlechtlicher Sauna. Frauen schon. Eine Ungerechtigkeit.

Sie: Für Frauen ist es als Schutz gedacht. Damit sie mal Ruhe haben. Wenn ich wählen kann, gehe ich in der Badi ins Frauenabteil. Männer gehen wohl lieber in den gemischten Bereich?

Er: Ein Klischee, das zumindest bei mir zutrifft. Obwohl: Die Männerbadi kann eine sehr angenehme Erfahrung sein. Alles ist entschleunigt, das allgemeine Testosteron-Level ist gesenkt, die Männer sind seltsam im Einklang mit sich selber. Ein Zustand, an den man sich gewöhnen könnte.

Sie: Wenn ich mich nicht täusche, haben Frauen in der Badi oft nur Augen für andere Frauen. Der Vergleich untereinander spielt eine nicht unwesentliche Rolle.

Er: Unter Männern in der Männerbadi habe ich so was nicht beobachtet. Wenn jetzt nur Sixpacks vorbeispazieren würden, wäre das vielleicht mit der Zeit unangenehm. Zürich ist aber nicht Miami Beach, auch wenn es Tendenzen in diese Richtung gibt. Bisher ist aber alles angenehm, sozialdemokratisch und ­wenig kompetitiv.

Sie: Hast du nach dem Sommer eigentlich dein eigenes Fleisch auch manchmal satt?

Er: Wie bitte?

Sie: Wenn du dich selbst betrachtest und immer das Gleiche siehst, immer deine eigenen entblössten Gliedmassen. In der kälteren Jahreszeit ist das alles wenigstens mit immer wechselnden Stoffen bedeckt. Aber Ende Sommer kann ich diesen immer gleichen Bildausschnitt von mir nicht mehr ertragen.

Er: Bei mir ist das eher umgekehrt. Anfang Sommer kann ich mir nicht vorstellen, halb nackt unter Hunderten ande­ren Halbnackten zu liegen. Doch gewöhne ich mich daran, je länger die warmen Tage andauern ­– ebenfalls gewöhne ich mich an meine Gliedmassen, je gebräunter sie werden. Der Sommer ist eher wie ein Rausch, der ganz eigene Verhaltensmuster hervorruft, die man sich vorher und nachher gar nicht vorstellen kann. Wie nach einer durchzechten Nacht gibt es rückblickend immer peinliche Momente. Aber eigentlich habe ich mir das noch nie überlegt.

Sie: So erlebst du deine Sommer? Klingt doch eher nach etwas, das niemals aufhören sollte.

Hinter dem Migros-Hochhaus geht die Sonne unter, die Sitze aus Stahl werden ungemütlich. Müller und Sarasin machen sich auf den Weg durch die Kreise 4 und 5 ins Café Bank, sie spazieren entlang der Langstrasse.

Er: Clubs werden ja in der kalten Jahreszeit wieder Thema. Ein Experiment, das mich in diesem Zusammenhang interessieren würde: Ein Mann verkleidet sich so richtig realistisch als Frau und geht morgens um vier im Röckli der Langstrasse entlang. Alle halten ihn für eine attraktive Frau. Meine Prognose: Die totale psychische Überforderung. Dasselbe im Club um diese Zeit, wenn sich die Männer um Frauen gruppieren.

Sie: Wahrscheinlich wäre der Typ wirklich überfordert. Mit solchen Situationen umzugehen, lernen Frauen schliesslich von früh an, wie in einem lebenslangen Training. Man lernt, auszuweichen, Grenzen zu ziehen, deutlich zu sein. Mit dem Alkohol ist man übrigens weniger ängstlich. Wenn man mit Männern im Ausgang ist, dienen die oft auch als Schutzschild.

Als Sarasin und Müller nach fünfminütiger Suche und einigen Rangeleien mit anderen Wartenden einen Tisch im Café Bank ergattert und ein weiteres Getränk bestellt haben, kommt das Gespräch auf Restaurants und Bars.

Er: Das Schönste am Herbst ist das ­gemeinsame Essengehen.

Sie: Oder die langen Nachmittage in einer Kneipe, wo man Freunde trifft und allmählich vom Cappuccino auf Apéro wechselt. Endlich kann man wieder ins Kino und gleich drei Filme hintereinander schauen – im Herbst sind ja alle so auf Rückzug bedacht. Es kommt mir vor, als würden alle in der Stadt kurz zusammen aufseufzen, um dann die letzten Dinge wegzuräumen, die an den Sommer erinnern.

Er: Der Sommer, ein Rausch, der wie alle Räusche irgendwann vorübergeht.

Sie: Dann kommt jetzt der Kater?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2016, 08:52 Uhr

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