Ein Sprung in der goldenen Platte

Martin Geissers Erfolg mit seinem Label Bakara Music wird langsam unheimlich. Wie hat sich der Ironiebolzen aus der RS zum Abräumer an den Swiss Music Awards gewandelt?

Martin Geisser (2. v. l.) mit seinem Plattenlabel-Dream-Team: Produzent Dodo, die Musiker Leduc und Lo sowie Mitarbeiterin Rona Diem. Foto: Peter Hauser

Martin Geisser (2. v. l.) mit seinem Plattenlabel-Dream-Team: Produzent Dodo, die Musiker Leduc und Lo sowie Mitarbeiterin Rona Diem. Foto: Peter Hauser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er war der mit dem grossen Mundwerk. Der, der ständig irgendwas erzählt hat. «Sülzen» heisst das in seiner Sprache.

Er war der, bei dem man nie so genau wusste: Findet er die Armee jetzt eigentlich toll oder nicht? Will er mit dem Extrasatz Liegestützen wirklich die Truppe für den Kriegsfall stärken oder einfach die Absurdität der ganzen Übung aufzeigen? Sein Eifer war anfangs schwer zu deuten. Der Schalk in seinem Gesicht hätte bei ungenauer Betrachtung auch pure Freude an der Sache sein können. Und genau dieser Umstand bereitete ihm diebisches Vergnügen.

Kam dazu: Der grüne Verein faszinierte ihn. Die Hierarchien, die Regeln, die Sprachregelungen. Und dann dieses Egalitäre, dieses «Keiner weiss vom anderen, wer er ist» stachelte ihn zu seinem Spielchen an. Er war ein weisses Blatt, das er nach Belieben bemalen konnte.

Der Wortführer am Nebentisch

Ich weiss noch, wann ich das erste Mal Notiz von Martin Geisser nahm. Es war 1999 in Payerne. Ich und meine Zugskameraden – allesamt Stinger-Schützen, weil sie wie ich von irgendjemandem erzählt bekommen hatten, dass das Zielen auf feindliche Flieger die spannendste Tätigkeit beim Militär sei – trugen die grauen Ausgangsuniformen und schluckten in einem Lokal den Schock der ersten Tage weg.

Der Wortführer am Nebentisch, an dem der Nachbarszug sass, war eine nahezu glatzköpfige Zürischnurre. Er erzählte, dass ihm die ganze RS wie ein Ferienlager vorkomme. Jeden Tag könne er hier ausschlafen. Das Programm sei pure Entspannung. Ein Leben wie im Paradies. Die verdutzten Blicke aller Anwesenden richteten sich auf ihn: ein Fieberpatient? Ein Meister der Ironie?

Keineswegs, versicherte der Mann, auf dessen Brust ich in den Tagen darauf irgendwann den Namen Geisser las: Zu Hause in Brüttisellen sei er der Pöstler. Und wenn das Töffli aussteige, dann müsse er seine Route joggend zurücklegen. Die ganzen Pakete und Briefe auf dem Rücken und unter dem Arm. Eine Kampfpackung sei heilig dagegen.

Es dauerte recht lange, bis ich merkte, dass er kompletten Nonsens erzählte. Und bis ich das merkte, war er – wenn ich mich recht entsinne – einige Tage auch als Dorfmetzger, Grundschullehrer und Grasdealer durchgegangen. Irgendwann schnallte auch der Hinterletzte: Was dieser Martin Geisser erzählt, ist vielleicht nicht immer für bare Münze zu nehmen. Beliebt war er trotzdem. Bei allen. Auch bei seinem Leutnant, der ihn zu seinem Fahrer machte.

Politik und Hip-Hop

Unsere erste Annäherung fand eines Mittags im Esssaal statt. Ohne Mampf keinen Kampf, weiss man ja. Wir hatten Küchendienst und schrubbten eher nachlässig die Tische, dazu lief MTV. Ein Typ mit blondierten Haaren, nerviger Stimme und «In your face»-Attitude hatte seinen grossen Auftritt: «Hi! Do you like violence? Do wanne see me stick nine inch nails through both of my eye lids?», fragte er. So hatte noch niemand zuvor gerappt.

Wir stellten die Arbeit ein und glotzten fasziniert. Und befanden: Dieser Eminem, der hat was. Ja, und so fanden wir heraus, dass wir uns beide für Hip-Hop interessierten. Er erzählte mir von seiner Leidenschaft für Marseille, für die Gruppe IAM, für deren ehemaliges Mitglied Freeman und dessen rotzigen Maghreb-Slang – ich wahrscheinlich von Nas, von Wu-Tang, von Big Daddy Kane vielleicht. Irgendwann eröffnete er mir seine wahren Zukunftspläne: dass er vorhabe, nach der RS an der Uni Zürich Politikwissenschaften zu studieren – genau wie ich.

Am letzten Freitag traf ich meinen ehemaligen RS-Kameraden und Studienkollegen – bei beiden fand das Studium ein unrühmliches Ende, Diagnose: Desinteresse – in den Katakomben des Zürcher Hallenstadions. Er in seiner Funktion als Betreiber des Labels Bakara Music, ich wegen eines Interviewtermins. Es war der Abend der Swiss Music Awards.

Er erzählte mir, dass das bei ihm ­unter Vertrag stehende Pop-Rap-Duo Lo & Leduc für mindestens drei Preise nominiert sei. Ob ich diese im Falle eines Gewinns in meinem Text erwähnen würde, wollte er wissen. «Klar!», meinte ich und wünschte ihm Glück.

Auf dem Weg zurück ins Medienzentrum ging mir die Begegnung nicht aus dem Kopf. Vor meinem geistigen Auge lief eine Art Diashow der letzten Jahren ab. Ein kleines «Best of». Etwa wie wir Geisser – kaum jemand nennt ihn Martin, und das ist nicht der RS geschuldet – anfangs für die Idee mit dem Label belächelt hatten. Wie nach der Gründung 2003 das Geld lange Jahre knapp war. Wie er mit einem Youtube-Clip namens «Traktor Racing» erste Erfolge feierte. Wie er sich mit seinen ersten Künstlern abmühte. Mit Tinguely dä Chnächt etwa, ohne Zweifel einer der begnadetsten Mundartkünstler der Schweiz. Aber ein Mensch, der sich partout nicht in irgendwelche auch nur annährend geordnete Lebensumstände eingliedern will.

Den eigenen Leuten abgepasst

Wollte Geisser mit seinem Künstler irgendetwas besprechen, musste er ihn nächtens irgendwo abpassen. So sah man die beiden immer mal wieder nach Mitternacht vor der Longstreet-Bar oder auf dem Kies des Kanzleischulhauses stehen. In der Hand des Rappers ein Bier, in der Hand des Managers ein Mäppchen mit Suisa-Formularen.

Am Freitag, kurz nach unserer Begegnung, räumten seine Künstler Lo & Leduc und James Gruntz fünf Awards ab. In einer von Major Labels wie Universal, Sony und Warner kontrollierten Musiklandschaft ein Triumph sondergleichen. Der ganze Anlass mutierte quasi zum Werbespot für ein kleines Zürcher Zweimenschlabel.

Immer auf dem Teppich

Was diese kuriose Gestalt nun so erfolgreich gemacht hat, wollen Sie wissen? Eine Mischung von Dingen. Vor allem Geduld, Lernfähigkeit, ein gutes Händchen, Vernunft und Verhältnismässigkeit. Niemand lebt bei Bakara Music über seine Verhältnisse – niemand lebt den grossen Traum. Geisser ist ein Auf-den-Teppich-Holer par excellence.

Steff La Cheffe, James Gruntz und vor allem Lo & Leduc unterschrieben bei ihm, weil er ihnen glaubhaft versichern konnte, dass er sich für sie den Arsch aufreissen würde. Und wohl auch, weil er nicht jemand ist, der irgendwas verspricht, das er nicht halten kann.

Eigentlich wollte ich meinen langjährigen Kumpel Martin Geisser zum Interview treffen. Ihn zu seinem Erfolg und seinen Geheimnissen befragen, ihm Platz einräumen für seine Ansichten und Einsichten ins Musikgeschäft. Er willigte erst ein, überlegte es sich dann anders. Sein Terminkalender sei zu voll. Der Anfragen und Neider seien zu viele nach dem Erfolg bei den Swiss Music Awards. Ausserdem sei sein Büro überhaupt nicht aufgeräumt (eine Tätigkeit übrigens, die er gegen gutes Geld immer wieder befreundeten Künstlern überlässt). Das könne man so nicht auf einem Bild zeigen.

Schade. Während des Telefongesprächs am Vortag hatte er schon mal laut vorgedacht, was er alles so sagen könnte im Interview. «Schreib doch, dass ich hundertmal lieber an einen Fussballmatch als an ein Konzert gehe!» Um den Schalk auszumachen, muss ich ihn mittlerweile nicht mehr sehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2015, 19:53 Uhr

Video

Erste Erfolge: «Traktor Racing» von HmK & daeWue, 2006. Video: bakaramusic (Youtube)

Artikel zum Thema

Eins, zwei, drei: Lo & Leduc räumen ab

Das Berner Duo wurde an den Swiss Music Awards gleich dreimal ausgezeichnet. Dieses Jahr stand sogar die Musik im Vordergrund. Mehr...

James Gruntz gewinnt Basler Pop-Preis

Er musste fünfmal nominiert werden, bis es endlich klappte: James Gruntz erhält die mit 15'000 Franken dotierte Balser Musikauszeichnung. Mehr...

«Ein guter Riecher für lokale Talente»

Das Zürcher Popmusik-Plattenlabel Bakara Music ist am Festival M4Music ausgezeichnet worden. Das Label von Evelinn Trouble, Skor und Steff la Cheffe erhält einen finanziellen Zustupf. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Die Welt in Bildern

Punktlandung: Eine russische Raumkapsel mit drei Raumfahrern der Internationalen Raumstation (ISS) an Bord landet in der Steppe von Kasachstan. Nach fünf Monaten ist die Besatzung wieder auf die Erde zurückgekehrt. (14. Dezember 2017)
(Bild: Dmitry Lovetsky) Mehr...