Ein Stück aufblasbare Freiheit

So ein Tag auf dem Boot ist eine romantische Sache – und wie sich zeigt, hat die Idee noch andere Qualitäten.

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Nach vier Stunden auf der Reuss wissen wir: Irgendwann werden wir Ferien auf dem Wasser verbringen. Grund: Alle sind trotz Hitze und Müdigkeit völlig entspannt. Dass das Fliessen und Plätschern von Wasser eine beruhigende Wirkung hat, ist bekannt. Forscher der Universität Zürich um Myriam Thoma haben vor zwei Jahren auch belegt, dass es zumindest bei Frauen stresslösender wirkt als Musik. Et voilà. Ich würde ­sagen: Das tut es auch bei Männern. Doch von Anfang an.


Der Familienrat hat für diesen Tag einen Tag im Ruderboot (Migros-Sommeridee 44) ausgesucht. Nun ja, Gummiboot. Aber eigentlich ist das ja Hans was Heiri. Boot ist Boot, finden wir, romantisch ist beides. Und da wir seit diesem Sommer stolze Besitzer dieses Stücks aufblas­barer Freiheit sind, wollen wir es auch auskosten. Um es genau zu nehmen: Ich bin Besitzerin des Gummiboots. Von der Familie habe ich es geschenkt bekommen. Gebraucht hat sie es bisher mehr als ich. (Es ist übrigens nicht das erste Für-die-ganze-Familie-Geschenk: Zwei Zelte gehen auch schon auf dieses Konto. Im Gegenzug habe ich die Familie mit Schneeschuhen ausgerüstet, aber das ist eine andere Geschichte). Eine Fahrt auf der Reuss soll es werden, wir hoffen auf weniger Halligalli, als wenn es die Limmat wäre. Schwimmwesten, Leinen und Proviant sind eingepackt.


Mit von der Partie ist auch der Mann im Haus. Er hat sich über die Jahre an meinen Programmwahn gewöhnt, und wir spinnen mittlerweile gar Abende lang Ideen für Ausflüge oder Ferien. Doch oberstes Credo ist immer: Es muss für ihn stimmen, sonst verdirbt er uns allen die Laune. Und noch ist er kein Fan ganz grosser Abenteuer. Und schon gar nicht irgendwelcher Hauruckübungen.


Sins AG liegt an diesem Mittag ausgestorben in der Sonne. Beim Bahnhof zeugen Girlanden aus Treibholz vom nahen ­Gewässer. Doch sonst wähnt man sich eher im heissen Westen Amerikas. Im Train Motel, das einem Saloon ähnelt, ist nichts los. Wir haben das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein.


Bei der Reussbrücke legen wir los. Nach der Hektik des Pumpens (es geht irrsinnig schnell, aber allen immer viel zu langsam) und nach der Aufregung, bis alle alles verstaut haben, kehrt Ruhe ein. Alle haben ihren Platz und ihre Aufgabe (etwas paddeln, still sitzen, Tochter halten) – das genügt. Kaum Menschen, viel Natur. Dazu ein leichtes Lüftchen. Ich schaue in den Himmel, denke an unsere Ballone (TA von gestern). So fühlen sich Ferien an. Wunderbar. Und wir sind froh, dass in der Reuss keine Asiatischen Karpfen leben. Auf dem Mississippi haben sie schon Ruderer attackiert. 50 Kilo schwer können diese Fische werden und, springen sie aus dem Wasser, auch Beulen oder gar Kieferbrüche zufügen.


Das Loslassen regt die Reimfantasie an:

Wir haben ein Gummiboot,
das ist zwar grau statt knallrot,
aber es hat unendlich Platz,
für fünf und noch für einen Schatz.

Darauf lassen sich Tage geniessen,
wir hören nur den Fluss fliessen.
Wir beobachten Libellen und Enten,
hoffen immer, nicht zu kentern.

Wird uns zu warm in der Sonne,
nehmen wir ein Flussbad, welche Wonne.
Dann fliegt ein Storch an uns vorbei,
nicht nur einer, sogar zwei.


Im selben Boot zu sitzen, hat ja durchaus eine bedeutungsschwangere Komponente. In einem Boot zu sitzen und durch die Jahre zu rudern, das Herrliche des Lebens zu entdecken und zugleich zusammen Stürme zu überstehen, verbindet. So die Vorstellung. Ich will nicht wissen, wie oft Standes­beamte dieses Bild bei Trauungen herangezogen haben. (Entschuldigung, liebe Standesbeamte, aber da hört man ja ­immer wieder sonderbare Geschichten. Und nicht selten hat man das Gefühl, da werde in letzter Minute in eine Schublade gegriffen, ad hoc etwas Romantisches dazugedichtet, et voilà. Ich habe schon von Paaren gehört, die sich ob der Situationskomik ein Lachen verkneifen mussten.)


Meine beiden Berner Experten, Nadège Zweifel und Simon Keller, hat ihr 100-Ideen-Abenteuer jedenfalls unglaublich zusammengeschweisst. Als sie das Buch kauften (übrigens aus Jux, weil es gerade nur noch die Hälfte kostete), waren sie erst zwei Monate ein Paar. Dann begannen sie abends zusammen erste Ideen zu testen. Den Garten im Nachbardorf schauten sie zuerst an. Dann übernachteten sie in einer Berghütte. Und schliesslich drückten sie einander Torten ins Gesicht. «Zu wissen, dass der andere bereit ist, etwas wenig Spektakuläres oder etwas völlig Durchgeknalltes zu machen, hat unsere Beziehung extrem gestärkt», sagt Keller.


Auf dem Boot gibt es derweil andere Probleme: Der Ältere muss mal und will nicht ins Wasser. Er entschliesst sich, stehend zu pinkeln, will loslegen, da merkt er, dass er gegen den Wind steht.


Je länger die Fahrt dauert, desto mehr spannende Gefährte und deren Inhalte passieren uns. Vom Kinderwagen auf dem Faltschiff bis hin zur ganzen Zeltaus­stattung haben wir alles gesehen. Zwei junge Paare bieten uns dann neue Nahrung: Sie ziehen auf einem angehängten Holzbrett einen Kugelgrill hinter dem Boot her. Rauch steigt in die Luft. Tolle Aussichten, wenn man weiss, dass die Kohlen an der nächsten Sandbank glühen. Oder gar grillieren vom Boot aus?


In Rottenschwil AG legen wir an. Bei der Station Hecht steigen wir in den Bus. Schon seit 700 Jahren wird im Gebiet um den Fahrhof an der Reuss eine Fähre über den Fluss betrieben und einst auch die Taverne «Zum Hechten». Der Hecht ziert noch heute das Gemeindewappen. Und selbst am Landesteg hat man den Eindruck: Hier dürfen Fische noch ­Fische sein, hier ist Bootfahren noch ­Romantik und kein feuchtfröhliches Massen­erlebnis wie auf der Limmat. Deshalb, liebe Aargauer: Wir Zürcher finden euch nicht nur Hinterwäldler, sondern schätzen euch und euren Kanton durchaus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2015, 23:19 Uhr

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