Ein Töfflibub im Luxushotel

Auf der dritten Etappe legt unser Autor nicht einmal sechs Kilometer zurück – aus gutem Grund: Er bekommt die Chance, in einem Hotel namens Chedi zu nächtigen.

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Die anstehende Strecke wird nicht mal sechs Kilometer betragen. Und doch bereitet sie mir Sorgen. Grund ist die Schöllenenschlucht, seit je die heikelste Stelle der Nord-Süd-Achse – und das nicht nur wegen der Sage vom Brücken bauenden Teufel. Im Schulunterricht musste ich mal eine Styropor-Schöllenen basteln; ich habe sie später mit Feuerwerk «gesprengt». Aktuell ist die echte Schlucht wegen Baustellen für Velofahrer gesperrt, dasselbe gilt für Mofas. Meine Frage am Bahnhof Göschenen, ob ich Fred verladen dürfe, wird mit «eher nicht» beantwortet. Uns bleibt nichts anderes übrig, als den Schritt in die Illegalität zu wagen.

Die erste Baustelle überwinden wir mehr oder weniger elegant. An den steilen Stellen fährt Fred gerade so schnell, dass man gemütlich nebenher spazieren könnte. Wie wird das wohl auf der Gotthardpassstrasse werden? Auf halber Strecke geraten wir in eine ­Kolonne – mit der Folge, dass wir 20 Minuten in einem halb­offenen Tunnelabschnitt stehen. Als es weitergeht, werde ich von einer Gruppe Töfflibuben überholt. Ist Fred wirklich so saft- und kraftlos? Als ich die jungen Luzerner bei einem Zwischenhalt wiedersehe, gestehen sie, dass sie ihre Puch Maxis ein wenig aufgemotzt haben.


Die Teufelsbrücke und das Russische-Soldaten-Denkmal passiere ich unaufmerksam, meine Konzentration gehört allein der Strasse – wenigstens bis zum 1707 entstandenen «Urner Loch». Das ist mein erster Alpenstrassentunnel! Ein erhabenes Gefühl. Als ich bald darauf in Andermatt einrolle, glotzen mir die Sonnenterrassenkäfeler schamlos nach. Und zurückglotzen oder winken bringt überhaupt nichts, sie glotzen einfach weiter.


Das letzte Mal war ich vor sieben Jahren in Andermatt, Grund war ein WK. Damals war das ein mit Militäranlagen und ein paar Chalets bestückter Ort nahe der Baumgrenze, von dem es abschätzig hiess, nur Alkoholiker und psychisch Labile würden hier leben (was natürlich Quatsch war). Und heute? Sogar die Jungen kämen wieder zurück ins Dorf, sagt Metzger Ferdinand Muheim, bei dem ich Fleischkäse kaufe. In seinem Laden hängen Ehrenmedaillen der Russischen Föderation und Fotos, die zeigen, wie Muheim Russlands Ex-Präsident Medwedew die Hand schüttelt. Der Grund für den «Staatsakt»: Der kernige Metzger war einst Andermatts Gemeindepräsident!


Seit Samih Sawiris im Dorf sei, gebe es wieder Hoffnung für das Urserental, sagt Muheim. Sawiris’ Luxushotel, The Che­di, ist definitiv nicht meine Kragenweite. Doch einen Versuch wollte ich wagen: Ich rief vor ein paar Tagen an und erzählte von meiner Töffli-Mission und dem TA-Reisebericht. Schwupps, schon wurde mir ein Zimmer für 350 Franken (also fast zum halben Preis) offeriert. Ich sagte zu, wohlwissend, dass ich den Gürtel spesenbudgetmässig danach viel enger würde schnallen müssen. Ein Verzicht, der durch meinen magischen Moment aber mehr als aufgewogen wird: Ich fahre mit Fred direkt vors Chedi! Dort werden mir Rucksack und Helm abgenommen, ein «Parkeur» fährt Fred in die Garage – eine Ehre, die sonst nur Ferraris und anderen Luxusautos zukommt.


Klar, hätte ich Andermatt besser kennen gelernt, wenn ich im Dreikönigen ab­gestiegen wäre und den Abend im Bahhofsbuffet verbracht hätte. Genau dort trinke ich dann das Feierabendbier und bekomme mit, wie rundherum fast nur positiv über das Luxushotel gesprochen wird. Und doch passt das Haus noch nicht so richtig ins Dorf – Chalet-Form hin oder her. Oder besser: das Dorf nicht zum Chedi. Blickt man aus den Fenstern des riesigen und gemütlichen De­luxe-Rooms (das kleinste Zimmer!), sieht man vereinzelte Bauernhäuser, Chalets und Militäranlagen, das besagte Bahnhofsbuffet und viel kahle Landschaft. Andermatt ist eben (noch) nicht St. Moritz.


Das Hotel aber ist eine feine Sache. Das beste Frühstücksbuffet der Welt, ein sechs Meter hoher Käse-Humidor mitten im Restaurant, überall Zigarren- und Cognac-Lounges – und als Willkommensgeschenk eine kleine Flasche Blauburgunder. Als ich diese genossen habe, begebe ich mich ins Spa und denke dort über die Tatsache nach, dass ich wohl auf immer und ewig der einzige Töfflibub bleiben werde, der im Chedi übernachtet. Ein wenig zwiespältig ist das schon. Aber irgendwie halt auch cool.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.08.2014, 18:26 Uhr

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