Ein subversiver Kunstunterricht

Auf der Plattform «Dada Data» werden einen Monat lang jeden Freitag neue «Hacktions» lanciert. Die anarchistischen Interventionen zeigen, wie Dada heutzutage funktionieren kann.

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«Jede Ordnung ist der erste Schritt in neuerliches Chaos.»

Auch wenn das bislang nicht bestätigt wurde, liegt die Vermutung doch nahe, dass dieses Bonmot von Albert Einstein den Kuratoren und Gestaltern der interaktiven Plattform «Dada Data» als kreativer Leitfaden gedient hat.

Die Einstiegsseite des Portals wirkt für dadaistische Verhältnisse nämlich erstaunlich aufgeräumt und «ruhig», man vermag gar eine gestylte, zeitgemässe Ästhetik zu erkennen. Fängt man jedoch an, den Cursor zu bewegen, gerät die geordnete Struktur rasch ins Wanken: Quasi aus dem Nichts tauchen Buchstaben und Pop-up-Fenster auf, Themenblöcke verschieben sich wie von Geisterhand – und man beginnt zu ahnen, dass jedes tiefere Ein- und Vordringen in dieses kulturelle Lernprogramm nicht zur spirituellen Erleuchtung («O mein Gott und heureka! – endlich begreif ich, was Dada ist!»), sondern zur temporären Konfusion führen dürfte; dass man Dinge sehen wird, die man nicht versteht . . . oder, das wäre dann fast noch grenzwertiger: dass man Dinge versteht, die man gar nicht sieht.

Didaktik à la Dada also? Zumindest ein erquickender und, dies im Besonderen, ein subversiver «Kunstunterricht», den man sich nicht gönnen sollte, weil er umsonst ist, sondern weil er aufzeigt, wie gut Dada – doch schon 100 Jahre alt – im heutigen globalen Dorf funktionieren kann. Und wie seine laut Kulturminister Alain Berset «zerstörerische Kreativität» in der 3.0-Gesellschaft – vorab gegen unliebsame Erscheinungen und Unternehmen – geschickt eingesetzt wird.

Werbung? Nein, Dada-Reklame

Dieser «Anarchie», um es mit einem wohl zu grossen Wort zu sagen, begegnet man vorab bei den sogenannten «Hacktions» – die den unlauteren Eingriff ins «System» ja bereits im Namen tragen.

Jede der sechs «Hacktion» ist laut den Projektleitern David Dufresne (preisgekrönter Webpionier) und Anita Hugi (Redaktorin «Sternstunde Kunst» beim SRF) einer der «klassischen» Dada-Spielformen Collage, Ready-made, Simultanpoesie et cetera gewidmet. Die ersten beiden Interventionen wurden schon heute vor einer Woche und damit am eigentlichen «Geburtstag» lanciert.

Die, wenn man so will, «harmlosere» heisst «Connected Ready-made»: Dabei werden mit 3-D-Druckern, die im Cabaret Voltaire installiert wurden, täglich einige Exemplare von drei der berühmtesten dadaistischen «Ready-mades» hergestellt («Ready-made» steht vereinfacht gesagt für zweckentfremdete Alltagsgegenstände, die allein deshalb zur Kunst «werden», weil man sie im Museum oder einem sonstigen Kunstraum zur Schau stellt): Es handelt sich um «Fountain» von Marcel Duchamp (New York 1917; im Original wars ein Porzellan-Urinal), um «Cadeau» von Man Ray (Paris, 1921; ein mit Nägeln versehenes Bügeleisen) und um den «Dada-Kopf» von Sophie Taeuber (Zürich, 1918; ein Hutständer). Diese Kleinformat-Replika werden via Onlinewettbewerb verlost.

Die zweite «Hacktion» trägt den Namen «Dada Block». Unser Verlag – das als bitte schön ernst zu nehmende Zwischenbemerkung! – wird keine Freude haben, wenn Sie, werte Leserinnen und Leser, das Tool auf unserer Onlineausgabe anwenden (machen Sies doch bei der Konkurrenz, da ist es genauso lustig): Es ist nämlich ein Werbeunterdrücker. Im Unterschied zu gewöhnlichen Ad-Blockern werden die befreiten Flächen – nomen est omen – jedoch durch Dada-Reklame ersetzt. Installiert ist die kecke Spielerei mit wenigen Klicks, und die entstehende Kombine aus brandaktuellen News und uralten Kunstsujets kann durchaus wohltuend irritieren.

Heute wird nun die dritte «Hacktion» gestartet. Sie titelt «GAFA» – und zielt auf die Kommunikationsallmächte Google, Apple, Facebook und Amazon ab. Wie der heroische oder eher schwarzhumorige Kampf gegen die «Big Four» aussehen soll, erfährt man auf «Dada Data», die selbst für den scheinbar unbesigbaren Dadaismus etwas illusorische Propaganda-Parole wurde vorab proklamiert, sie lautet: «Es lebe die Netzfreiheit!»

Für den 19. und 26. Februar heissen die «Hacktion»-Schlagworte «Gram» und «Tweet-Poesie»; im Fokus der kecken Attacken stehen die sozialen Medien Instagram und Twitter, Details dazu werden wiederum am entsprechenden Tag auf dem Portal publik gemacht.

Im «Infight» zum Manifest

Bereits bekannt ist dafür das Schlussprogramm des einmonatigen Interventions-Festivals: Es ist ein öffentlicher «Hack­aton», der am 4. und 5. März im Cabaret Voltaire stattfindet. Dauer: 30 Stunden, nonstop. Ziel: Das Erstellen eines digitalen Manifests – jener Ausdrucksform, die den Damen und Herren Dadaisten fast noch lieber war als das Lautgedicht.

Entstehen wird das grosse, am Ende ja vielleicht grossartige Stück Kultur durch einen kommunikativen und ideelen Schlagabtausch; als Inspiration soll der «kreative» Kampf vom 23. April 1916 zwischen dem grössenwahnsinnigen Dadaisten und Amateurboxer Arthur Cravan und dem vormaligen US-Schwergewichtschampion Jack Johnson dienen.

In den Zürcher «Ring» steigen jedoch keine Boxer, sondern rund ein Dutzend internationale Dada-Koryphäen – darunter auch das kanadische Team Akufen, welches das Design sowie die Programmierung von «Dada Data» realisiert hat – die dort auf lokale «Athleten» treffen. Im Klartext: Gesucht sind motivierte ­Autoren, Programmierer, Künstler, Heimatlose, Mahner, Bankiers, Handwerker et cetera; wer Interesse hat, soll sich im Cabaret Voltaire melden.

Gefeiert wird das Manifest am Samstag ab 20 Uhr durch ein Gratiskonzert der Dead Brothers aus Genf, die Combo wird nicht ganz grundlos als «weltbeste Beerdigungsband» gerühmt.

Damit zum letzten Punkt: Wer auf der Plattform statt nach links zu den «Hacktions» nach rechts driftet, landet im «Depot» – einer als Antimuseum betitelten Kollektion aus Fotos, Collagen, Kunstabbildungen, Zitaten und Interviews; unter anderem mit dem amerikanischen Poptheoretiker Greil Marcus, dem mit «Lipstick Traces» eines der besten Psychogramme über die Bewegung gelang. Anders als die «Hacktions» ist das «Depot» ein mehrjähriges Langzeitprojekt, eine Wissensfibel, die stetig durch neue Trouvaillen angereichert werden wird.

www.dada-data.net. Der «Tages-Anzeiger» ist mit den Zeitungen «Libération» und TAZ Medienpartner des Portals.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2016, 18:36 Uhr

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