Eine Welle der Demut

Vor dem Prime Tower türmt sich eine Welle. Noch bis morgen kann man sie surfen. Erfahrungsbericht eines Überheblichen.

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Seit über einer Woche surfen bis zu 120 Personen täglich diese stehende Welle auf dem Geroldareal, direkt neben den Gleisen. Der künstlich erzeugte Wasserspass zieht das Volk an, Schweizervolk. Und dieses ist ja nicht gerade berühmt dafür, einen besonders versierten Umgang mit den Eigentümlichkeiten des Ozeans zu pflegen.

So torkelt der Grossteil der Surfer an diesem sonnigen Nachmittag durch die Stromschnelle, kämpft mit den Armen rudernd um ein paar Sekunden Surferfeeling. Ich stehe daneben, warte auf meinen ersten Einsatz. Das nasse Brett unter dem Arm haltend, lächle ich gönnerhaft. Denn ich wage zu behaupten: Ich bin ein Surfer. Immerhin halte ich mir seit Jahren jedes Jahr mindestens eine Woche frei, um in Portugal oder Marokko zu surfen. Im Kopf rechne ich durch: Über 1000 Menschen werden diesen ersten Zürcher Spot surfen. Und wenn ich mir hier das ansehe, bin ich ­locker in den Top Ten. Locker.

Man muss hier für Aussenstehende, die keine Kenntnisse über die Surfer­codes haben, vielleicht anfügen: Surfer vergleichen sich ständig untereinander. Und draussen im Meer, im Line-up, dort, wo sich die Wellen brechen, gibt es eine Hackordnung. Surfen ist undemokratisch. Die Besten kriegen immer die ­besten Wellen.

Der Schaum des Glücks

Jetzt bin ich an der Reihe. Ein Instruktor will mir noch Anweisungen geben. Ich höre nicht zu, setze mich stattdessen auf den Beckenrand und lege das rosa gepolsterte Anfängerbrett auf die Welle zu meinen Füssen. Über mir rauscht das Wasser dröhnend den engen Kanal hinunter, zieht mit Tempo über die Schwelle am Beckenboden, türmt sich dort hüfthoch auf. Hier werde ich also surfen. Mitten in Zürich. Keine schlechte Sache. Eine weisse Gischt ziert den oberen Wellenrand. Für mich der Schaum des Glücks. Ich bin jetzt am Meer und lächle. Dahinter glitzert der Prime Tower. Ich staune kurz und stosse mich schliesslich in die Flut.

Zwei Sekunden später liege ich drei Meter hinter der Welle, dort, wo das Wasser durch ein Gitter hinunterfliesst, um mit sechs PS-starken Pumpen wieder nach oben gesogen zu werden. Im wilden Weisswasserstrudel muss ich offenbar blind und hilflos mit den Armen gerudert haben. Der Instruktor blickt zu mir und scheint Anstalten zu machen, mich retten zu wollen. So weit darf es nicht kommen. Ich stehe sofort auf. Brust raus. Es hat schliesslich ­Pu­blikum. Diese stehende Stadtwelle ist tückisch, völlig anders zu surfen als ihre natürlich rollende Schwester.

Ich stelle mich wieder in die Schlange. Vor mir ruft ein Jüngling: «Yeah! No ocean, no problem.» Die Welle frisst die Surfer. Ich bin wieder an der Reihe. Diesmal höre ich dem Instruktor zu. «An der Sohle der Welle anfangen.» Ich nicke, folge demütig seinem Rat – und surfe. Endlich! Das Wasser fliesst unter meinem Brett durch. Ich gleite und beginne langsam das Element zu fühlen. Erste zaghafte Drehungen. Es geht immer besser. Für die Top Ten wird es aber nicht mehr reichen.

Erstellt: 27.06.2015, 04:49 Uhr

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