Einhorn kommt selten allein

Das Fabelwesen ist plötzlich überall: als Tattoo, als Getränk und sogar als Dildo. Es hat in den letzten 2000 Jahren also nichts von seiner Magie eingebüsst. Leider.

Ist angesagt, leicht aufzusetzen und sieht einfach gut aus: Die Einhornmaske hat gegenüber Algen- und Gurkenmasken entscheidende Vorteile. Foto: Mike Blake (Reuters)

Ist angesagt, leicht aufzusetzen und sieht einfach gut aus: Die Einhornmaske hat gegenüber Algen- und Gurkenmasken entscheidende Vorteile. Foto: Mike Blake (Reuters)

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Es kotzt Regenbogen, pupst Glitzerstaub, ist Wurst, veganes Kondom und seit kurzem sogar ein Frappuccino: Das zuckerwattenpinke Einhorn hat seinen Platz im hintersten Regal der Kinder­abteilung verlassen, um die Welt der Grossen zu erobern. Derzeit scheint ganz Zürich die Pferd-mit-Horn-Welle zu reiten: Die Mode-Blogerinnen lassen an der Langstrasse ihr gefärbtes «Einhornhaar» wehen, im Quartierlädeli steht plötzlich ein Einhorn-Lufterfrischer im Regal, und beim WG-Gspändli ziert das Fabelwesen nun als Tattoo die Schulter.

Sie glauben, aus meinen Beobachtungen liesse sich kein Trend ableiten? Hier knallharte Fakten: Google-Trends zeigt, dass der Begriff «Einhorn» seit 2004 ­exponentiell häufiger gegoogelt wird. Vorläufiger Schweizer Höhepunkt – die Fachwelt spricht an dieser Stelle vom Peak Unicorn – ist der 24. Februar 2017. Grund: das Einkaufszentrum Shoppyland im bernischen Schönbühl. Dieses eröffnete damals zwei Einhorn-Parkplätze. Wir Zürcher sind in diesem Punkt grosszügiger: Hier darf das Fabelwesen parkieren, wo es will!

Das Einhorn ist ein Zeremonienmeister, der die Kunst der Verführung über Jahrtausende perfektioniert hat. Im Wesen hat sich das Tier in den letzten 2000 Jahren jedoch kaum verändert. Dies stellt man fest, wenn man die Selbst­inszenierung der mystischen Figur von damals mit jener von heute vergleicht.

Das Allheilmittel

Damals: Die Benediktinerin Hildegard von Bingen wusste rund 1100 nach Christus um die Heilwirkung von Einhorn­innereien – besass sie doch ein Stück magische Einhornleber in pulverisierter Form. Dieses Mittelchen half angeblich sogar, Lepra zu heilen.

Mittelalterliche Herrscher schworen auf das Horn. Zum Trinkgefäss umfunktioniert, diente dieser Einhorntassen-Vorgänger als Schutz vor Vergiftungsversuchen seiner Feinde.

Heute:Das Tier hat von seiner heilenden Wirkung nichts eingebüsst. Jeder und jedem, der sich ein bisschen unwohl fühlt, sei ein Stück Einhornschokolade empfohlen. Unterstützt wird diese heilende Wirkung, wenn dazu an der veganen Unicorn-Chai-Soy-Latte mit extra Streusel und Marshmallows genippt wird. Die beste Wirkung scheint die Arznei dann zu entfalten, wenn sie vor der Einnahme zuhanden des virtuellen Universums abfotografiert und der Beitrag dann mit mindestens vier Hashtags versehen wird. #nonfilter #magic #rainbowsprinkles #delish.

Das Phallussymbol

Damals:Die indische Mythologie sah im Einhorn bereits vor ein paar Hundert Jahren ein Sinnbild für die männliche Zeugungskraft. Heutige Einhornexperten (!) führen dies auf die Form des Horns zurück, die also schon die damaligen Inder an einen Penis erinnert haben soll. Zur Steigerung der Manneskraft verspeisten sie die gefundenen Einhorn-Hornstücke – die wahrscheinlich von einem Rhinozeros stammten.

Heute: Das Sinnbild männlicher Zeugungskraft kommt in 100 Prozent reinem Silikon daher: Der Einhorn-Horn-Dildo (Bilder der Redaktion bekannt) verspricht der Prinzessin nichts weniger als die Verzauberung. Keine Steigerung der Manneskraft zwar, aber immerhin doch ein «Knallen wie die Verknallten» soll das Einhornkondom bewirken, das für alle Fälle auch vegan ist.

Der Wandlungskünstler

Damals: Niemand beherrscht die Kunst der Verwandlung so gut wie das Einhorn. Im Jahr 400 vor Christus hat man sich das Wesen als einen überdimensionalen Esel vorgestellt. Kopf: dunkelrot. Augen: blau. Körper: weiss. Die Römer glaubten 300 Jahre später, dass das Fabelwesen einem Rind ähnlich sei, das an einen Hirsch erinnere und zudem ein Horn besitze. Im Mittelalter wurde aus dem Rind dann ein Ziegenbock mit Löwenschwanz. Man könnte meinen, dass die da früher mit einem von diesen Kinderbüchern spielten, bei dem sich Kopf, Körper und Füsse verschiedener Tiere kombinieren lassen. Als Schimmel taucht das Tier erstmals im 13. Jahrhundert auf – das Einhorn wurde nun Symbol für Keuschheit.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die einzige Gemeinsamkeit der Einhornbeschreibungen der Fakt ist, dass dieses Zauberwesen jeweils in abgelegenen Gegenden und nur von bereits toten Menschen gesichtet wurde.

Heute: Die Verwandlungsgabe des Tieres greift bis in die heutige Zeit und spiegelt sich zum Beispiel in einem Meer von Einhorn-Beautyprodukten. Nach einer Dusche im Regenbogenschaum schmiert sich die Frau mit ihrem Unicorn-Pinsel Pastell- und Glitzerfarben ins Gesicht, um anschliessend an der «Glitter-Gwitter»-Party im Plaza die Hengste zu bezirzen. Wer den «Einhorn-Look» nicht hinkriegt, kann auf die «Mr.-Unicorn-Maske» zurückgreifen: Pferdekopf überstülpen – und los. Leider kommt hierbei dem Tier die Seltenheit etwas abhanden.

Die Honigfalle

Damals: Ein Einhorn will verführt werden. Dies zeigte sich bereits im 13. Jahrhundert. Damals belehrte der normannische Dichter Guillaume le Clerc die Welt mit seinem Werk «Bestiare divin». Schlaumeierisch (und sicherlich auch praxiserprobt) kommt Le Clerc zum Schluss, dass der Fang eines dieser «heiligen Biester» nur mit der Hilfe einer Jungfrau gelingen kann. Zeigt diese ihre entblösste Brust, kann das Wesen gar nicht anders, als auf sie zuzuspringen, um von ihr gestillt zu werden. Für den ausbleibenden Jagderfolg wurde ebenfalls die Jungfrau verantwortlich gemacht: Sie habe diese Bezeichnung wohl verwirkt.

Heute: 2017 sind es «Jungmänner», die (zwar nicht mit Brust, dafür mit Barthaar) die Einhornladys zu bezirzen versuchen. Diese lassen sich davon allerdings nicht beeindrucken und stehen reglos mit ihrem wehenden «Magic-Unicorn-Hair» da, das sie zuvor in einem geschätzt vierundzwanzigstündigen Prozess zuerst aufgebleicht und anschliessend in den Regenbogenfarben des Fabelwesens gefärbt haben.

Die Verfehlung

Damals: Die stärkste Eigenschaft des Einhorns ist seine Fähigkeit, ein Fehler zu sein: Kennen Sie noch Luther? Sie wissen schon, der mit der Bibel. In einer unruhigen Minute übersetzte dieser das althebräische Wort für «Wildtier» mit «Einhorn». Dies führte dann zu diesem traumhaften Vers, dass «Gottes Freudigkeit wie die eines Einhorns» sei.

Heute: Aus der Bibel ist die Fehlüber­setzung mittlerweile verschwunden. Schön wäre es, wenn dies auch mit dem derzeitigen Einhorntrend in der Züri-Szene passieren würde. Denn das Gefühl, dass es sich hier ebenfalls um einen Fehler handeln muss, erhärtet sich spätestens bei der Begegnung mit einer pinken Einhornwurst.

Und damit wären wir bei der Einhorn-Trend-Losung, die in meinem Social-Media-Feed in den letzten Tagen hunderttausendmal aufgetaucht ist: «Sei immer du selbst!», beginnt er durchaus biblisch. «Ausser du kannst ein Einhorn sein. Dann sei ein Einhorn!» Vielleicht aber lassen Sie es gleich bleiben und seien Sie stattdessen ein Flamingo oder eine Eule. Damit liegen Sie trendmässig in nächster Zukunft genau richtig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2017, 20:26 Uhr

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